Cory Doctorow nutzt Creative Commons-Lizenzen, um seine Bücher umsonst im Web zu verbreiten. Der Mitarbeiter der Electronic Frontier Foundation (EFF) und Mitbegründer des Boing Boing-Weblogs sprach mit Janko Röttgers über das Verschenken von E-Books und die Zukunft des Verlagwesens.
Text: Janko Roettgers aus De:Bug 83

Cory Doctorow / Mit Creative Commons in Richtung Zukunft

Cory Doctorow hat sich im Netz einen Namen als Mitherausgeber des Boing Boing-Weblogs gemacht. Das “Verzeichnis wunderbarer Dinge”, das aus der gleichnamigen kalifornischen Mittneunziger-Zeitschrift hervorgegangen ist, präsentiert jeden Tag ein spannendes Sammelsurium von Skurrilitäten, News und Netzkultur. Innerhalb der letzten zwei Jahre hat es sich damit zu einem der meistgelesenen Weblogs gemausert. Doctorow ist außerdem mit dem Aufbau eines europäischen Ablegers der Netz-Bürgerrechtsorganisation EFF beschäftigt. Nebenbei vertritt er auch noch Creative Commons in Großbritannien. Ach ja, und Schriftsteller ist er auch.

Doctorow hat mittlerweile drei Science Fiction-Bücher herausgebracht. Sein Erstlingswerk “Down and Out in the Magic Kingdom” spielt in einem futuristischen Disneyland. Ewiges Leben, ständiger Netzzugang und freie Elektrizität haben den Protagonisten des Romans alle existenziellen Sorgen genommen. Das einzige, was im Magic Kingdom noch zählt, ist der Ruf einer Person – was zur Entwicklung einer komplexen Anerkennungsökonomie geführt hat. Ganz so weit sind wir heute noch nicht, doch Doctorow experimentiert trotzdem schon fleißig mit alternativen ökonomischen Modellen. So hat er Online-Ausgaben all seiner Bücher unter Creative Commons-Lizenzen gestellt und verbreitet sie nun fröhlich im Netz. Grund genug, mal nachzufragen, was für praktische Erfahrungen er damit gesammelt hat.

De:Bug:
Wie schwierig war es, deinen Verlag davon zu überzeugen, die Bücher mit Creative Commons-Lizenzen im Netz zu verschenken?
Cory Doctorow:
Mein Lektor, der für die Science Fiction-Reihe bei Tor verantwortlich ist, ist ein alteingesessener Geek. Wir haben uns in den Achtzigern über ein BBS-System kennengelernt. Er betreibt seine eigenen Server, schreibt ein bisschen Perl – er kennt sich aus. Tor ist der größte Science Fiction-Verlag der Welt. Und da die Welt sich ändert, suchen sie nach neuen Wegen, Bücher zu verbreiten. Tor war einer der ersten Verlage, der elektronische Bücher veröffentlichte. Nun sind sie einer der ersten Verlage, der seinen Autoren das Nutzen von Creative Commons-Lizenzen erlaubt.
Als ich sie am Tag des Erscheinens anrief und ihnen erzählte, dass 30 000 Menschen das Buch heruntergeladen haben, meinte mein Lektor: ‘Das ist großartig. Es bedeutet, dass 30 000 Leute darauf warten, dein nächstes Buch kaufen zu können.’ Sie gingen damit also ziemlich vernünftig um. Nicht jeder, der im Copyright-Business ist, hat eine völlig hysterische Einstellung in Bezug auf Urheberrechte.

De:Bug:
Kannst du mir eine Idee davon geben, wie viele Bücher du bisher verkauft hast?
Doctorow:
Die neuen Bücher scheinen sich ziemlich gut zu verkaufen. “Down and Out in The Magic Kingdom” hatte eine Hardcover-Auflage von 8500. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie groß die Paperback-Auflage ist, wahrscheinlich um einige Faktoren größer, aber es verkauft sich sehr gut. Normalerweise werden von einem typischen Science Fiction-Erstlingsroman weniger als 5000 Exemplare gedruckt.

De:Bug:
Du hattest im Fall von “Down and Out” 300 000 Downloads?
Doctorow:
Ungefähr. Ich weiß es nicht genau, weil meine Leser es selbst weiterverbreiten dürfen. Und es gibt unglaublich viele Webseiten, die es anbieten.

De:Bug:
Was ist – vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen – dein Rat an andere Autoren?
Doctorow:
Man sieht deutlich: Die elektronische Ausgabe ergänzt die Papier-Ausgabe. Wenn du deinem Publikum erlaubst, Kopien deines Buchs auszutauschen – was für dich völlig umsonst ist – dann erhöht dies die Verkaufszahlen deines Buchs. Es ist einfach ganz logisch: Dies ist die günstigste, effektivste Form des Marketings und der Mundpropaganda, die es in diesem Bereich gibt.
Was das Überzeugen des Verlegers angeht: Wahrscheinlich könnte man auf meinen Erfolg verweisen. Klar, es gibt Leute, die sagen: Das ist etwas völlig Neues, der Erfolg lässt sich noch nicht einschätzen. Oder: Das mag funktionieren, wenn du ein junger Autor mit einem Erstlingswerk bist – aber für etablierte Autoren macht das keinen Sinn. Doch lustigerweise sind dies genau die gleichen Leute, die sich zu Wort meldeten, als Steven King sein Buch elektronisch vertrieb. Damals sagten sie: Das klappt, weil er ein etablierter Autor ist – aber für Anfänger macht das keinen Sinn.

De:Bug:
Glaubst du, dass elektronische Bücher die Papierausgaben einmal ganz ablösen könnten?
Doctorow:
Zuallererst einmal muss man sagen, dass Lesen generell heutzutage eine ungewöhnliche Zeitbeschäftigung ist. Einer von zehn Amerikanern liest ein Buch pro Jahr. Die meisten dieser Leute lesen nicht mehr als ein Buch und in den meisten Fällen handelt es sich dabei nicht um einen Roman. Gleichzeitig lesen immer mehr Menschen immer mehr Texte auf ihren Bildschirmen.
Heute kann man mehr Bücher verkaufen, indem man die elektronische Version verschenkt. In der Zukunft könnte es wichtiger sein, direkt mit elektronischen Büchern Geld zu verdienen – wie immer das aussehen mag. Das Verlagswesen hat sich seit dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts alle fünf bis zehn Jahre komplett verändert. Neue Druckmaschinen, neue Binde-Techniken, die Konsolidierung des Einzelhandels. All diese Dinge haben die Art und Weise, wie Verlage Bücher verkaufen, komplett revolutioniert.
Es gab eine Zeit, in der tausende von Science Fiction-Magazinen beim Zeitschriftenhändler erhältlich waren. Die goldene Zeit des Pulp, die Anfangszeit von Science Fiction. Schriftsteller verdienten in dieser Zeit den Großteil ihres Einkommens mit dem Verkauf von Kurzgeschichten. Heute gibt es drei oder vier Science Fiction-Magazine im Zeitschriftenhandel, und selbst denen geht es schlecht. Das bedeutet jedoch nicht, dass Science Fiction untergegangen ist oder dass das Verlagswesen untergegangen ist. Oder dass es keinen Bedarf mehr für Kurzgeschichten gibt. Die Tatsache, dass kostenlos angebotene elektronische Bücher nicht das Geschäftsmodell der Zukunft ist, heißt deshalb nicht, dass es nicht heutzutage als Geschäftsmodell funktioniert.

De:Bug:
Wie könnte die Zukunft denn für Verlage, aber auch für Autoren aussehen?
Doctorow:
Ich weiß nicht, wie wir Autoren in Zukunft Geld verdienen werden – aber ich weiß, was garantiert nicht funktionieren wird. Wir werden kein Geld vedienen, wenn wir unser Publikum als Diebe beschimpfen. Wir werden kein Geld verdienen, wenn wir uns vormachen, das Internet existiere nicht. Oder fordern, es solle aufhören zu existieren. Der Verkauf von E-Books mit Kopierschutz wird nicht funktionieren. Konsumenten wollen kein Digital Rights Management. Kein Leser hat sich je gewünscht, weniger Freiheit im Umgang mit seinem E-Book zu haben.
Ich weiß wirklich nicht, was das Modell der Zukunft ist. Möglicherweise wird es über Fortsetzungsgeschichten funktionieren, die auf werbebasierten Websites veröffentlicht werden. Es könnte eine ganze Reihe von Modellen geben. Ich glaube, wir sollten eine Menge verschiedene Sachen ausprobieren. Wir werden auch in Zukunft Geld verdienen, wenn wir Technologie willkommen heißen. Die Details kenne ich noch nicht. Aber ich weiß, dass die Strategie dafür ist, mit so viel Schwung vorwärts zu drängen wie möglich. Wenn du dich vorwärts bewegst, kannst du einfach den Kurs korrigieren. Stillstand bringt dich dagegen nirgendwo hin.

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Elektronische Lebensaspekte.