Cosmin Nicolae über Bass, Bukarest und Berlin.
Text: Philipp Rhensius aus De:Bug 151

“Meine aktuelle Single geht bei vielen Leuten als lupenreiner Berghain-Techno durch“, sagt Cosmin Nicolae, der seit 2007 die Unberechenbarkeits-Flagge seiner rumänischen Heimat hochhält. Dieser Kategorisierung kann man nur zustimmen, stehen doch die deepen, von einem angerauten Subbass durchtränkten Tracks in einem dystopischen Kontrast zu der zuletzt erschienenen Single ”Suende“ auf Rush Hour.
Dort ging es noch um eine leichtfüßige Neuinterpretation von House aus der Perspektive eines Künstlers, der ein paar Jahre zuvor noch mit Tempa, Immerse oder Hessle Audio die wichtigsten Dubstep-Labels Englands mit feinem Garage beglückte. Als der in Bukarest lebende Künstler vor etwa drei Jahren das Kürzel TRG durch Cosmin ergänzte, ging das auch mit einer musikalischen Neuerfindung zugunsten des 4-To-The-Floor-Beats einher:
“Ich brauchte einfach eine Veränderung, persönlich wie soundtechnisch. Als ich merkte, dass ich bei Dubstep nicht mehr so richtig den Vibe spürte, änderte ich meinen Sound.

Als er sich dann im letzten Jahr mit dem fulminanten ”Tower Block“ auf Helmlock doch wieder einen Ausfallschritt in die experimentellen Gefilde moderner Bassmusik leistete, war die Verwirrung ob seiner musikalischen Identität komplett.

Flavour Of The Day
Um diesen Umständen auf die Spur zu kommen, lohnt sich der Blick in die Vergangenheit.
“Als ich vor acht Jahren angefangen habe, Musik zu machen, war ich von ganz unterschiedlichen Dingen beeinflusst. Ich hörte viel Dub Techno von Basic Channel, gleichzeitig war ich fasziniert von Drum and Bass, Garage und der ganzen UK-Szene: MJ Cole, Zed Bias und El-B. In Rumänien war das damals alles nicht sonderlich populär. In den Clubs lief vor allem Mainstream-House. Als dann 2005 der Begriff Dubstep aufkam, war es ja eigentlich nur eine Art ’Flavour Of The Day’, ich habe nie bewusst in diese Richtung produziert. Für mich war es einfach Musik zwischen 138 und 140 BPM.”

Wie kam es eigentlich dazu, dass die erste Veröffentlichung auf Hessle Audio ausgerechnet von einem rumänischen Produzenten beigesteuert wurde?
“Der Kontakt kam zuerst nur über das Internet. Es war die große Zeit von Rinse.fm und alle relevanten DJs waren von Anfang im Internet sehr aktiv. Und so schickte ich Tunes an Leute wie Ramadanman, der dann entschied, ’Put You Down’ zu veröffentlichen. In Rumänien interessierte sich zu diesem Zeitpunkt niemand dafür, was ich tat, also kontaktierte ich einfach die Engländer.”

Polarisiertes Land
In Rumänien gibt es also nicht gerade viel Raum für künstlerische Kreativität und musikalische Szenen? “Doch, mittlerweile gibt es diesen Freiraum. Im Moment ist die Szene viel fokussierter. Es gibt viele gute Produzenten und Festivals und im Gegensatz zu früher ist es jetzt eher eine richtige Musik- statt nur eine Clubszene.” Damals, das ist vor allem die kollektive Erinnerung an ein Land, das sich auch lange nach dem Sturz der Diktatur 1989 noch im kulturellen Winterschlaf befand. Und auch wenn sich das derzeit ändert, so sind immer noch die Auswirkungen des repressiven Unterdrückungsapparates zu spüren, der kaum Kontakte zu Kunst und Musik aus dem Ausland zuließ.

“Ich bin zum Beispiel seit vielen Jahren ein Fan von Modeselektor, aber lange war es nicht möglich, sie live zu sehen. Erst vor ein paar Jahren kamen sie nach Rumänien. Dadurch waren die Leute allerdings auch viel enthusiastischer als in Westeuropa.” Dass ein großer Teil der Bevölkerung des Landes, auch drei Jahre nach der Aufnahme in die EU, mit einer großen Armut zu kämpfen hat, ist jedoch immer noch Realität.
“Ich würde Rumänien auch nicht kategorisch als armes, sondern einfach als ein polarisiertes Land bezeichnen. Es gibt einige, die genug Geld haben, um zum Beispiel kreativ zu sein, und auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die kaum eine Möglichkeit dazu haben. Auf dem Rokolectiv Festival, das in etwa mit dem Club Transmediale vergleichbar ist, triffst du viele trendige Leute und siehst tolle Locations. Aber in vielen Teilen der Stadt passiert nicht viel, stattdessen gibt es viele heruntergekommene Viertel, die oft nur grau und trist sind.”

Die immer noch vorhandene kulturelle Lethargie im Land ist auch darauf zurückzuführen, dass viele Menschen davon ausgehen, rumänische Kunst könne sich ohnehin nicht international etablieren. Was laut Cosmin aber nicht mehr der Fall ist, “können sich doch viele Filmemacher, Musiker und Schriftsteller mittlerweile durchaus international messen”. Ob das trotzdem auch ein Grund dafür ist, dass er demnächst seinen Wohnsitz von Bukarest nach Berlin verlegen wird?
“In gewisser Weise schon. Ich brauche einfach einen Szenewechsel.”

aktuell:
Seperat (50WEAPONS)
A Universal Crush (Rush Hour)

Cosmin TRG spielt am 8/07/11 im Horst Kreuzberg