Zehn Jahre Covertypologie enden bei Beatport
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 115


Zehn Jahre Covertypologie sind unmöglich zu fassen. Jede Szene, jede Subszene hat ihre Designer – oder Menschen, die diesen Job in ihrer Freizeit übernehmen. Lieber scharfe Kontraste suchen. Ein Vorzeige-Design-Plattencover von 1997 und – ja, warum eigentlich nicht? – ein Beatport-Cover.

Man denkt bei Covern immer gleich an die Fragen der Haptik und einer Vorstellung von “natürlicher” Optik: Größe, Kontraste, Farben, Bildidee. Seltener an Interaktion und Haptik (obwohl eins ohne das andere völlig belanglos ist), ganz selten an Optik und Interaktion. Dabei ist Autechres “Chiastic Slide” (auf Warp, Cover von Designers Republic) z.B. ein typisches Beispiel eben dafür. Auf den ersten Blick ein paar kantige Farbkleckse in fünf Tönen zwischen Weiß, Beige, Schwarz und Silber. Ziemlich unmotiviert auf die luxuriösen knapp 1000 Quadratzentimeter verteilt. In die Ecke gequetscht eckige, kaputt reduzierte, stellenweise nicht sonderlich lesbare Schrift.

Musik, die man anfassen muss

Je nach Licht zeigt sich dann, was Designers Republic aufgefahren haben: Prägedruck (Graphiksoftware-Fadenkreuze), Glanzsonderfarben, mattes metallic Silber und das alles nicht nur außen, sondern auch auf den beiden Sleeves der Doppel-12″, Silber sogar noch auf dem Labelaufdruck. Handwerk also, dessen Feinheiten man erst wahrnimmt wenn man mit dem Ding etwas rumspielt. Ein Design, dass einen nicht nur dazu auffordert, angesehen zu werden, sondern gedreht werden will, verschiedenen Lichtqualitäten ausgesetzt werden möchte, und auch die ganz schrägen Perspektiven von einem fordert, damit die eingekerbten Kreuze ihre Wirkung entfalten, oder das Silber ein wenig glitzert. Alles Dinge, die mit der Musik wenig zu tun haben, es sei denn, man denkt sich, durchaus berechtigt in diesem Fall, ja, das spiegelt die Musik gut wieder, nicht nur die spezielle, sondern auch den generellen Rahmen. Musik, die man anfassen muss, mit der man etwas machen soll. Musik, die etwas Kaputtes hat, trotz und wegen all der involvierten Technologie etc.

Beatport-Cover sind erst mal ein ziemlich dezenter Haufen Pixel. In ihrer ursprünglichen Plattenladenform versteckt in einem halbwegs geschlossenen Flash-Körper, der sich nur bedingt skalieren lässt. Pixel mögen auf der ideellen Ebene (Bildidee) wirken wie Plattencover, und man kann auch – obwohl Beatport da anders als z.B. Apple noch keinerlei Interesse zeigt – auf Software-Ebene wie z.B. bei Coverflow Ähnlichkeiten mit bestimmten Benutzerszenarien programmieren (in diesem Fall das vielbeschworene “Crate digging”), zur Zeit aber haben Beatport-Cover eher die Funktionsweise eines Icons: schnell Wiedererkennbarkeit stimulieren.

Höchstens auf LSD wirklich lesbar

Generell, so scheint es, ist die Wiedererkennbarkeit, bei aller postulierten Eigenständigkeit des digitalen DJ-Zeitalters, immer noch auf das Orginal, die Schallplatte, die CD, oder einen größeren Pixelhaufen auf der Label-Webseite bezogen. Ungefähr so, als würden DJs, die sich auf Beatport verlegt haben, immer noch Vergleichswerte aus dem analogen Plattenladen besitzen und als würden immer noch die Gesetze des Plattencovers gelten. Dabei ließe sich aus den 3600 Pixeln durchaus eine Sprache entwickeln. Und selbst jetzt schon (Beispiel: Celldom V2 – Arc auf Cyberset LLC): Macht man sich die Mühe eines Screenshots und bläst das Ganze mal auf (was wir unter digitaler optischer Interaktion verstehen würden), versteckt sich hinter den Covern eine Spannung, die in unserem Beispiel nicht zuletzt durch die Schrift erzeugt wird, die höchstens auf LSD wirklich lesbar ist, und in gewisser Weise die Fortsetzung der Designers-Republic-Idee für Autechre “Chiastic Slide” ist.

Etwas zu sein, das erst durch das, was man mit ihm macht, wird und gleichzeitig eingebettet ist in ein technologisch komplexes, voller Fehler und Zufälligkeiten steckendes Produkt (wer nicht glaubt, dass ein Mini-Jpeg komplex ist, dem bieten wir hier ein kurzes Zitat aus dem Code an: “X!^[“%#5$;%C&O’Y(`)V*^T+^P,^R-^T.^W/^U0^W1^Z2^^3^X3?4?5?6?7?8?9?:?;?~?~V@~KA}BmCXDIE8F$G^NG?H?I?J?K?L~OM{NjOXPCQ+R^RR?S?T?U?V~XW^?XgYXZ:[^_^E?]?^?_~Q`sa[b:c^Xc?d?e?f~VgphRi,”). Selbst Details wie die Arbeit der Sonderfarben übernimmt hier z.B. ein eigentümlich schillernder Rotstreifen mitten im grün-beigen Meer. Da Pixel nun mal keine Größe haben (Variable der Bildschirmauflösung), muss man die eben selbst in die Hand nehmen, aber war das nicht sowieso eine der Grundideen elektronischer Musik? Mit Technologie zu spielen, statt auf der Basis eines Kulturkonservativismus Althergebrachtes bewahren zu wollen?

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Elektronische Lebensaspekte.