Kalter bayrischer Wald oder japanische Suppe
Text: Anton Waldt aus De:Bug 110


Manchmal verrutscht etwas, und bevor man sich aufraffen kann, um die resultierende Unordnung wortreich zu beklagen, lugt aus der Lawine ein Stück bestechende Ordnung hervor. In diesem Fall sind CD-Stapel glücklich aus dem Lot geraten und ehe wir uns versahen, lagen “Steingarten” von Pole und “Bittersüß” von MIA nebeneinander, zwei Berliner Langspielplatten, von denen wirklich niemand erwartet hätte, dass sie in einen eifrigen Dialog treten. Was da genau getuschelt wird, zwischen Burgtor und nacktem Arsch, dürfte unergründlich bleiben, aber auch tumbe Zeitgenossen mit groben Augen müssen einfach bemerken, dass hier untergründig mit der gleichen Strickware hantiert wird.

Vergleichende Cover-Wissenschaft zeigt denn auch prompt die völlige Übereinstimmung in den angezeigten Unterschieden, was draußen im Plastikbild avisiert wird, findet sich exakt im Sound-Inhalt wieder: Pole zeigt, wie schön die Kulisse zum Ins-Wasser-Gehen ist, wenn man die Welt prinzipiell für inkompatibel hält und im Speziellen die Irrungen der eigenen Sexualität gründlich satt hat. MIA zeigt dagegen, wie schön das Ins-Wasser-Gehen ist, wenn Photoshop es gut mit dir meint. Bei Pole schaut der Scharfschütze aufs Panorama, es ist kalt, aber windstill. MIA macht es ziemlich exakt umgekehrt, sie (bzw. ihr Model-Alter-Ego) guckt aus dem Bild, wobei sie offenbar in einer japanischen Designersuppe watet, der Suppensee kräuselt sich stilvoll in der Brise. Beide Blickinszenierungen sind gradlinig nach dem Stand der Technik umgesetzte Standards, in beiden Fällen ist das Ansinnen genauso klar wie die Motive schleierhaft. Angesagt wird: “Schaut mit mir auf die verdammt pittoreske Welt”, bzw. “Schaut mich mal in meiner verdammt pittoresken Welt an!”

Warum man sich allerdings in einem bayerischen Wald mit Disney-Ausblick den Arsch abfrieren sollte, bzw. warum man dem werten Publikum in japanischer Suppe watend gegenübertritt, das ist verdammt schleierhaft. Womit aber schon mal das Interesse geweckt wurde – und die Cover ihre Schuldigkeit getan haben.

MIA-Cover: Foto Mario Kiener, Grafik Nadia Rivelles
Pole-Cover: Foto Richard Kienberger, Grafik Julia Vietense

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Elektronische Lebensaspekte.