Die Zeit der scheuen Laptop-Frickel-Ästheten im Minimalhaus ist auch in Kanada vorbei. Und auch Akufen ist nur noch Godfather im Hintergrund. Denn jetzt wird wieder auf die Pauke gehauen. Die Party kann beginnen. Und Crackhaus sind mit ihrer Es-muss-wieder-Spaß-machen-Haltung mittendrin.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 84

Lasst die Innerlichkeit krachen

Vor drei Jahren trafen Scott Monteith aka Deadbeat und Steve Beaupré das erste Mal zusammen, nannten sich Crackhaus (mit einem Augenzwinkern Richtung Deutschland, der heimlichen Heimat Kanadas) und setzten sich daran, den heimischen Minimalhousegarten zu verwüsten. Ihre erste EP für Marc Leclairs Label Musique Risquée hatte dann schon den Crackhaus-Sound, der Kanada nicht nur auf die leichte Schulter nahm, sondern gleich ins Absurde einer Country-Shuffle-Operette driften ließ, und zog sich mittels Schuldzuweisung an die Heimat perfekt aus der Affäre: Blame Canada! Ein Schlachtruf, sich selber als Kanadier nicht mehr ernst zu nehmen und die Party wieder in den Fokus zu rücken, der auf ihrem Album für Onitor voll ausbrach. Nach Jahren der Konzentration entdeckt Kanada jetzt den Spaß am Spielen und Crackhouse sitzen mitten in der Krabbelgruppe und wirbeln durchs eigene Nest als Vorzeigeschmuddelkinder.

DEBUG:
Was ist anders, wenn ihr zusammen arbeitet?
SCOTT MONTEITH:
Es ist viel mehr Spaß. Wir müssen keine Loops mehr stundenlang hören. Wir kümmern uns nicht mehr darum, dass die Dinge gut klingen oder richtig. Uns interessiert nur eins: Macht es Spaß? Wenn ja, dann schnell auf zum nächsten Track.

DEBUG:
Die Platte auf Risque war ja schon ziemlich drüber.
SCOTT MONTEITH:
Und das geht auch immer weiter in diese Richtung. Vielleicht nicht unbedingt, was den Output betrifft, aber die Art, wie wir zusammen arbeiten. Mehr, mehr, lauter, härter, schneller.
STEVE BEAUPRÉ:
Crackhaus ist echt noch ein wenig schlampig, aber wir arbeiten dran.

DEBUG:
Und wenn ihr wieder alleine arbeiten müsst, fehlt euch dann nicht was?
SCOTT MONTEITH:
Ich war ja immer so interessiert an Soundästhetik. Und zur gleichen Zeit gab es diesen Anspruch an mich, selber etwas mehr für den Dancefloor zu tun. Die beiden Dinge clashten irgendwie. Ich war weder das eine noch das andere ganz. Crackhaus gibt mir das endlich.
STEVE BEAUPRÉ:
Ich hab ja alleine nicht so viel gemacht. Aber allein suchen wir immer etwas mehr das Schöne, das Verletzliche. Zusammen sind wir nicht schön, wir sind schmutzig, kratzig.
SCOTT MONTEITH:
Zwei Introvertierte, die zusammen ein Extrovertierter sind, das ist Crackhaus.

DEBUG:
Wie wird es aufgenommen?
STEVE BEAUPRÉ:
Es gibt ein Verlangen für sowas. Für Leute, die sich nicht hinter ihren Laptops verstecken.
SCOTT MONTEITH:
Du hast es bestimmt genau so wie alle anderen gesehen. So vor drei Jahren, da ging es ja immer weiter und weiter nach innen. Minimaler, ästhetischer, immer auf den Punkt zu, an dem es technologisch weiterkam. Und irgendwann gab es dann diesen Backlash und die Leute forderten: Wir wollen wieder Partymusik. Das war ja nicht nur bei den Leuten, die in die Clubs gingen, so, sondern auch für uns. Wir Post-Akufenites haben jetzt die Aufgabe, an der Ästhetik zu feilen und dabei Spaß zu machen.
STEVE BEAUPRÉ:
Und es gab ja auch in Kanada diesen Elektroclash-Backlash, der so gar nicht das war, wohin wir alle gehen wollten, weil es auf nichts aufbaute.
SCOTT MONTEITH:
Man konnte nirgendwo mehr hingehen, ohne diesen 80er-Mist zu hören und Leute mit Mohawks zu treffen. Da gab es Leute auf Partys in meinem Alter, die kamen total begeistert auf einen zu und jubelten: Wow, New Order, das weckt Erinnerungen in mir, bei dir auch? Und ich stand da und dachte mir: Fuck, was für eine Scheiße erzählt der, wir waren da verdammt noch mal fünf Jahre alt: Du erinnerst dich genauso wenig an New Order wie ich. Das war so eine forcierte Nostalgie, nur um zu Pop zurückzukehren, und jetzt balanciert sich das wieder sehr gut aus und wir integrieren das alle.

DEBUG:
Seid ihr typisch für den neuen kanadischen Sound?
STEVE BEAUPRÉ:
Ja und nein. Es gibt sehr viele talentierte Leute, vor allem in Montreal, und wir haben alle unsere ersten Lektionen gelernt. Es liegt zwar nahe, daraus wieder einen Montreal-Sound zu machen, aber die Leute finden jetzt erst wirklich raus, was genau sie wirklich tun wollen und wo ihre Nische ist.
SCOTT MONTEITH:
Wir alle zelebrieren diese Diversifizierung des Sounds. Lange Zeit war Kanada Akufen. Minimal-Microhouse. Das machte auch Sinn. Es gab außer Marc eigentlich keine Definition. Unter seiner Schirmherrschaft konnten wir alle individueller werden. Es gibt noch diese Gemeinsamkeiten, das Shuffelnde, das Technoelement, dieses klassische Berliner Dubelement in allem, aber die Producer hier zeigen jetzt ihre Persönlichkeit. Kanada und Marc brachten uns alle hier raus und in die Welt und dabei schnappt man all diese ästhetischen Schnappschüsse auf, die in dich einsickern und dich beeinflussen. Das ist wie eine Suppe, die immer mehr neue Gewürze bekommt und das Rezept ständig ändert.
STEVE BEAUPRÉ:
Aber letztendlich glaube ich, es gibt noch keinen Montreal-Sound, aber da sind Leute wie The Mole, der diesen funky verschnittenen Discoedit-Sound macht …
SCOTT MONTEITH:
Als Matthew Curry mal vorbeikam als DJ und sehr viel Detroit gespielt hat, war er völlig überrascht, dass niemand diesen Sound kannte, dieses Emotionale. Unsere Gemeinsamkeit ist Funkyness, aber eine technologisch getriebene Funkyness. Das ist immer noch unser Sound. Es ist die Art und Weise, in der Leute ihren Sound machen, die uns bestimmt, nicht was dabei letztendlich als Sound rauskommt.
STEVE BEAUPRÉ:
Und wir haben alle immer noch Angst, so zu klingen wie Akufen. Den selber kümmert das natürlich selber am wenigsten. Und wir müssen uns halt selbst überraschen. Live immer mehr improvisieren und alles, was wir in die Finger kriegen, durch den Crackulator schicken. Dann wird das Crackhaus krachen.

DEBUG: Blame Canada!

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Elektronische Lebensaspekte.