Eine Israelin in Berlin entdeckt die Afterhour als Inspirationsquelle und produziert Minimal mit Message für Tänzer, die etwas in sich entdecken wollen.
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 105

Minimal

Raum lassen
Miss Fitz

Clubs in Israel? Psy-Trance-Festivals und Glowsticks, was sonst. Das ist natürlich ein total pauschalisiertes Vorurteil. “It’s not a trance nation over there“, erzählt mir auch Miss Fitz, die nach langer Zeit als DJ, Veranstalterin und Bookerin in Tel Aviv vor gut drei Jahren nach Berlin gezogen ist. Und dennoch: Außer den in der Natur stattfindenden Trance-Raves gehen die Parties in den Clubs von Tel Aviv nicht bis in den nächsten Tag hinein, die Musikauswahl ist deshalb auch härter, schneller, einseitiger. Wissen wir ja, dass das in Berlin anders ist und auch ein Grund für den Umzug von Miss Fitz war. “Hier geht man nicht einfach in den Club, um eine schreckliche Woche im Büro hinter sich zu lassen. Man geht, um etwas in sich selbst zu entdecken.“ Wer die Crackwhore beim Auflegen gesehen hat, weiß, dass sie dieser Prämisse auch in ihren Sets treu bleibt, statt direktem 4/4-Techno eher experimentelle Sounds spielt, die Raum lassen, um die gesamte dynamische Reichweite der Musik zu spüren. Minimal mit Message also? “Wenn du eine Botschaft in deiner Musik hast, dann brauchst du nicht hunderte von Sounds und Synthies, um diese zu transportieren. Es ist eleganter, etwas wegzulassen. Je mehr Luft zwischen den Beats ist, desto länger wirst du im Club bleiben und tanzen.“

Jenseits des Minimal-Hypes produziert die gebürtige Israelin Musik, die vom Anspruch der reinen Funktionalität auf dem Dancefloor befreit ist. “In all meinen Tracks gibt es immer eine seltsame Melodie oder unerwartet komische Sounds.“ Unter den Pseudonymen Miss Fitz, Crackwhore, Witz und Uli Kunkel (das sind Miss Fitz, ihr Freund Shaun Reeves und Lee Curtiss) sind ihre Releases auf Sushitech, Archipel und jetzt auf dessen Unterlabel Kalimari allesamt geprägt von einem Gefühl von Raum, einem Grad an Verspieltheit, der es zulässt, ohne lästiges Fußstampfen die 4/4-Dynamik zu spüren, und sich genau deswegen voll auf das musikalisch Dargebotene einzulassen. Und ihr Sound scheint sich von Release zu Release neu zu erfinden. Mal klingt das analog bleepig wie auf Sushitech, mal dubbig oder jazzig, je nach Stimmung, oder wie die bald erscheinende “Singing with Rod”-EP auf Kalimari Perlon-like und etwas dancefloororientierter, auf ihre Weise immer intuitiv. Als Inspiration sieht Miss Fitz, die nach einem Zwischenstop in Amsterdam vor drei Jahren nach Berlin kam, auch die Stadt und die Menschen. “Wenn man den ganzen Sonntag im Club der Visionäre oder der Bar 25 getanzt hat, kommt man mit so vielen neuen Ideen nach Hause. Man spürt, dass die Menschen hier sehr open-minded sind, was neue, experimentelle Sounds angeht. Die Leute sind da, um zu feiern – du gibst ihnen einfach die Musik.“

Miss Fitz passt rein nach Berlin. Neben der Musik malt und animiert sie, designt Websites und schreibt über Computerspiele. Ihre Pseudonyme stammen allesamt aus Filmen. Warum eigentlich die vielen Pseudonyme? “Ich bin noch nicht an dem Punkt, wo ich meinen wirklichen Namen auf meine Produktionen schreiben will. Das ist wie mit der Produktion eines Tracks: Auf einmal hast du das Gefühl, that’s it. Das wird auch mit meinem Namen so kommen.“

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.