Der Launch der deutschen Version steht unmittelbar vor der Tür: Das US-Lizenzmodell Creative Commons vollbringt das erstaunliche Kunststückchen, bisheriges Copyright gegen den Strich zu bürsten und damit einen neuen Umgang mit Content zu etablieren. Die Resonanz auf die "Lizenz zum Teilen“ ist weltweit so hoch, dass der internationale Zweig "icommons“ gegründet wurde, der landesspezifische Lizenzen erarbeiten soll. Anlässlich der Präsentation der deutschen Lizenzen auf dem Kongress Wizards of Os 3, der im Juni in Berlin stattfinden wird, stellen wir euch die Idee hinter dem Rechtskunststück noch einmal vor.
Text: Annett Jaensch aus De:Bug 83

Urheberrecht refreshed / Die “Creative Commons”-Lizenzen kommen nach Deutschland

Die Gegner des Filesharing beten für gewöhnlich das immer gleiche Mantra vom Schutz der Autorenrechte. Es entsteht der Eindruck, dass Künstler nichts so sehr beutelt wie die Begehrlichkeiten einer gierigen Kopiergemeinde. Das alternative Lizenzmodell Creative Commons demonstriert dagegen: Kreative sind sehr wohl dazu bereit, ihre Werke in offene Nutzerpools zu stellen. Lawrence Lessig, Jura Professor von der Stanford Law School und Internet-Freidenker, hat im Jahr 2001 mit Gleichgesinnten das Projekt begonnen, um das Copyleft der freien Software auch auf andere Bereiche zu übertragen. Denn das klassische Copyright schützt zwar die Rechte am Werk, erweist sich aber in der Praxis als Kreativitätsbremse. Wer schon einmal versucht hat, die Erlaubnis zur Nutzung oder Änderung eines mit Copyright belegten Werkes zu bekommen, wird wissen, wie langsam die Mühlen von Rechtsabteilungen mahlen, egal ob der betreffende Künstler nun etwas dagegen hat oder nicht. Creative Commons will den Urhebern ein bewegliches Copyright zurückgeben.
Erreicht wird das, indem sich der Lizenzvertrag nicht mehr nur an den Konsumenten richtet, sondern auch potenzielle Weiterverarbeitung aktiver mitberücksichtigt. “Skip the Intermediaries”, so heißt es auch in dem kleinen Comic zur Erklärung der Lizenzen auf der Website von Creative Commons. Wer Texte, Musikstücke, Bilder und Filme kreiert, kann frei nach der Devise “Keep what you want, share what you want” mit Hilfe von vier Lizenzbausteinen festlegen, wie er sich die Nutzung der Werke wünscht. “Attribution” stellt sicher, dass der Name des Urhebers wieder auftaucht; “Non Commercial” schließt kommerzielle Nutzung aus; mit “No derivative” wird Nutzern signalisiert, dass sie zwar kopieren dürfen, aber nicht verändern, und “Share Alike” schließlich möchte, dass alle Folge-Kreationen auch wieder unter der CC-Lizenz Verbreitung finden. Neu dazugekommen sind nun auch eine Lizenz, die speziell das Sampeln von Werkteilen erlaubt bzw. den Vertrieb über unkommerzielle Filesharing-Systeme. Die smarten, weil auf einfache Handhabung heruntergebrochenen Vertragsmodalitäten, sind nicht nur in einem juristischen Text verfügbar, sie gibt es auch in zwei weiteren Versionen – die eine ist auch von Normalsterblichen zu verstehen, eine weitere besteht aus computerlesbaren RDF-Daten. Alles ist also leicht verständlich, rechtlich abgesichert und suchmaschinentauglich.
Mittlerweile tragen rund 1,2 Millionen Werke weltweit den Vermerk “Some Rights reserved”. Allein durch die Verlagerung vom rigiden “Alles verboten!” hin zum sympathischen “Du darfst einiges!” ergibt sich für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation. Unbekannten Künstlern hilft die Plattform aus der Anonymität. Auf Nutzerseite verflüchtigt sich der Stressfaktor bei der Beschaffung von Content im Netz, wenn die Möglichkeit zur Weiterverwertung so klar auf dem Tisch liegt. Und da wäre auch noch das Aufblühen kollaborativer Arbeitsformen. Chefdenker Lessig stellte sein neues Buch “Free Culture” vor kurzem auch unter die Creative-Lizenz und schon kurz nach Erscheinen zirkulierte ein munteres Dutzend Varianten der Lessig-Lektüre im Netz: Audiofiles, Flashpräsentationen und andere umgegossene Formate.

Das Veto der Alten
Mit purem Altruismus muss das alles nichts zu tun haben. Ein Urheber kann der nicht-kommerziellen Nutzung über Creative Commons zustimmen, davon unabhängig aber auch Verträge schließen, aus denen Tantiemen fließen. Hier spannen sich die ersten Fallstricke, speziell wenn Verwertungsgesellschaften im Spiel sind. Ein Beispiel: Für den Musikbereich existiert inzwischen: die Creative Commons Music Sharing License. Wunderbar eigentlich. Wer jedoch als Musiker in Deutschland schon über die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte GEMA Lizenzgebühren einsammeln lässt, bekommt bei der Nutzung von CC-Lizenzen ein Problem. Die GEMA beharrt auf ausschließliche Wahrnehmung, demnach wären Nebenvereinbarungen nicht legal.
Ein anderes Problem, dass es durchs Nadelöhr zu fädeln gilt, sind die von Land zu Land unterschiedlichen Regelungen beim Urheberrecht. Icommons, der internationale Zweig von Creative Commons, kümmert sich zusammen mit Partnern im jeweiligen Land darum, die US-Lizenz entsprechend anzupassen. Christiane Asschenfeldt leitet die icommons. Wir fragten sie, wie es mit den internationalen Lizenzen vorangeht.

Debug:
Wie ist die Anpassung der Creative Commons-Lizenzen für Deutschland abgelaufen?
Asschenfeldt:
Die Abläufe sind in jedem Land gleich. Zuerst entwickeln wir zusammen mit Partnern einen Entwurf. In Deutschland kooperieren wir mit dem Institut für Informationsrecht von Professor Dreier und dem Verein ifross. Der Entwurf steht danach über eine Mailingliste zur öffentlichen Diskussion. Es laufen auch schon einige Pilotprojekte mit Lizenznutzern. “European Culture Heritage Online”, kurz ECHO, ist so eines. Im Rahmen von ECHO will die Max-Planck-Gesellschaft die Lizenz für eine deutsche Bibliothek nutzen.
Am 11. Juni wollen wir die deutsche “Creative Commons”-Lizenz auf der Wizard of OS-3 Konferenz in Berlin launchen. Sie wird die erste europäische Lizenz sein, die online erhältlich ist. Bisher gibt es neben der amerikanischen nur eine andere Version und zwar in Japan.

Debug:
Worin wird sich die deutsche Version von der amerikanischen unterscheiden?
Asschenfeldt:
Das deutsche Urheberrecht kommt vom Autorenrecht her, das heißt, dass der Schöpfer wie über ein unsichtbares Band mit dem Werk verbunden bleibt und diese Persönlichkeitsrechte weiter zu beachten sind. Daraus ergibt sich beispielsweise der Unterschied beim Baustein “Attribution”, die Namensnennung des Urhebers muss nach deutschem Recht sowieso erfolgen. Auch im Verbraucherschutz sind sie in Deutschland strenger. Haftungsfragen werden beispielsweise spezifisch gehandhabt. Da mussten wir einige Änderungen vornehmen.

Debug:
Viele CC-Anhänger in Deutschland nutzen zur Lizenzierung ihrer Werke bereits die amerikanische Version. Ist diese nach deutschem Recht überhaupt wirksam?
Asschenfeldt:
Man kann in einem Vertrag selbst bestimmen, welche Rechtsordnung man wählt, nur wenn man dies von deutschem Gebiet aus tut, dann muss das dann auch kompatibel mit dem deutschen Recht sein. Mit einer US-Lizenz wären im Konfliktfall einige Klauseln wirksam, andere wieder nicht. Das Glückliche an unserem Konstrukt ist, dass es sich um eine Freigabe von Verwertungsrechten handelt. Da vermindert sich schon mal das Risiko eines Konfliktes. Wir passen trotzdem die US-Version an das jeweilige Land an, um mit einer vollen Kompatibilität auf Nummer sicher zu gehen.

Debug:
In welchen Ländern ist denn die Resonanz besonders groß?
Asschenfeldt:
Die Resonanz in Brasilien ist wirklich großartig. Dort organisieren sie im Augenblick einen Launch mit 4500 Leuten, der Kulturminister und Musiker Gilberto Gil unterstützt das Ganze, da sieht man, dass eine ganz andere Herangehensweise möglich ist. Wir haben inzwischen aber Kontakt zu insgesamt 60 Ländern. Auch Italien hat eine starke Community, über deren Mailingliste bekomme ich immer viel Post mit Anregungen.

Debug:
Habt ihr mit Hindernissen zu kämpfen?
Asschenfeldt:
Bei den Verwertungsgesellschaften liegt ein großes Stück Arbeit noch vor uns. In Deutschland, Frankreich und Griechenland haben die Verwertungsgesellschaften eine starke Position inne und pochen auf ausschließliche Wahrnehmung.

Debug:
Es ist momentan also nicht möglich, CC-Lizenzen zu haben und gleichzeitig bei der GEMA unter Vertrag zu sein. Seid ihr mit der GEMA im Gespräch?
Asschenfeldt:
Wir suchen auf jeden Fall den Dialog. In Japan klappt das sehr gut. Da arbeiten wir mit der großen Musikverwertungsgesellschaft zusammen. Eigentlich sollte es überall so sein, dass die Gesellschaften für die Künstler da sind und sich nach ihnen richten – und nicht andersherum.

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Elektronische Lebensaspekte.