Who will be left when the dust settles?
Text: benjamin weiss aus De:Bug 06

Cristian Vogel und Dave Tarrida (einer der Labelowner von Sativae, DJ, Produzent und außerdem Exilspanier in Schottland, den es wieder in seine Heimatstadt Barcelona zieht, auch wenn man in Spanien als Vegetarier nicht die besten Karten hat) über den DJ-Alltag, Abnutzungserscheinungen, die seltsamen Hits der Krauts, Alpträume, Eye Of The Tiger und andere Unwegbarkeiten außerhalb des Dunstkreises der eigenen Clique…

De:Bug: Was macht für euch einen guten DJ aus?

Cristian Vogel: Ich hab nicht so viele DJs gehört. Nicht vom Dancefloor aus. Wenn man als DJ einen anderen DJ beobachtet, dann wegen dem technischen Können und guten Platten. Wenn ich ein Raver wär, könnte ich diese Frage beantworten. Bin ich aber im Moment nicht, bin ein bißchen zu alt. Aber ich werde jünger. 24, das ist schon alt.

Dave Tarrida: Der denkt, er ist alt. Aber ich bin 26. Zu deiner Frage, das wichtigste ist, einen Kompromiß zu finden. Einen Kompromiß zwischen dem, was einer auflegt und wie. Es macht halt schon einen ziemlichen Unterschied, wenn einer technisch wirklich gut ist und den Mix perfekt macht. Der wichtigste Kompromiß den man machen muß, ist der zwischen experimentellen Tracks und Dancefloortracks.Wenn du den Dancefloor kicken kannst und gleichzeitig neue Sounds reinbringen, some forward-thinking music, was Experimentelles, was anderes halt, das macht einen guten DJ für mich aus. Alles zusammenbringen.

De:Bug: Wie ist das für euch, glaubt ihr, daß zum Deejayen immer noch gehört, neue Tracks zu spielen?

Dave Tarrida: Ich glaube, auch hier muß man wieder einen Kompromiß finden, zwischen neuem und altem Zeug.

Cristian Vogel: Ein guter DJ ist einer, der an die Decks geht, übernimmt, die erste Platte auflegt und alles ändert sich, so daß keiner mehr an den DJ davor denkt.

De:Bug: Dann bist du mehr so der Oldschool Battle DJ?

Cristian Vogel: Genau.

Dave Tarrida: Wenn der Resident spielt, dann sind die Leute an ihn und seine Tracks gewöhnt…

Cristian Vogel: (unterbricht ihn) Man weiß nie, was der Resident spielt. Das ist eine weirde Sache, oft ist es in Deutschland so, daß ich die Platten gar nicht kenne, die der Resident spielt, hier gibt’s so eigenartige Hits, wie Green Velvet zum Beispiel. Letzte Nacht war ich in Ravensburg und hab einen Track von denen aufgelegt und auf einmal sind die Leute voll ausgerastet. Muß so ein lokaler Hit gewesen sein. But that’s cool. (zersplitterndes Geschirr auf der Treppe) Oops, ich glaub das war Neill mit dem Essen. Ich hab diese DJ-Alpträume manchmal wenn ich schlafe, Sachen wie: du legst auf und jede Platte, die du auflegst, schmilzt einfach vom Teller weg. Oder du kannst keine Platte finden und die andere läuft aus. Dave Tarrida: Hab ich nie, solche Träume. Cristian Vogel: Was für eine Schande!

De:Bug: Wenn ihr einen Track macht, denkt ihr dann daran, ob er auf dem Dancefloor funktioniert oder jammt ihr einfach los?

Cristian Vogel: Der Gedanke ist immer dabei. Deswegen mach ich Platten.

De:Bug: Habt ihr fixe Termine, um Musik zu machen? So auf die Art: Montag geh ich ins Studio und mach einen Track? Dave Tarrida: Ich plane das selten, ich fang einfach an, wenn ich Lust hab.

Cristian Vogel: Ich muß mir meistens einen Tag vornehmen, sonst klappt’s nicht, weil ich so wenig Zeit habe.

De:Bug: Wie fangt ihr einen Track an? Mit einer exakten Idee, die dann eins zu eins in die Tat umgesetzt wird?

Dave Tarrida: Ich fange einfach an. Man hat immer eine Idee, was man so ungefähr machen will. Eine Idee direkt eins zu eins umzusetzen finde ich ziemlich schwer.

De:Bug: Was für andere Musik hört ihr?

Dave Tarrida: Ich höre vor allem Zeug, was ich gehört habe, als ich noch jünger war. British Punk.Hardcore.

De:Bug: No Means No?

Dave Tarrida: No Means No, ja, all das Zeug aus den Achtzigern, Minor Threat und so und auch Oldschool Hiphop. Anything mad.

De:Bug: Hört ihr euch Techno noch zu Hause an?

Cristian Vogel: Ja, natürlich. Aber nicht so oft wie früher.

Dave Tarrida: Nein, nicht mehr so oft.

Cristian Vogel: Ich wünschte, ich könnte es mir öfter anhören. Ich hab mich grad mit meinen Mates (No Future Posse) drüber beklagt. Ich hab einfach keine Zeit. Weißt du, wenn wir uns irgendwo treffen, bei jemandem zu Hause und uns richtig bekiffen und uns drum schlagen, wer an die Decks darf: “Check this fucker out!”

De:Bug: Aber das Auflegen langweilt euch nicht?

Cristian Vogel: Doch. Dave, was ist mit dir?

Dave Tarrida: Nein, nie.

Cristian Vogel: Ok, to the world: hab’s nicht so gemeint. Its a fucking wicked thing.

Dave Tarrida: Es ist nur manchmal so, wenn du irgendwo auflegst und aus irgendeinem Grund, weil’s einfach nicht die Nacht ist oder warum auch immer, dann nervt einen die ganze Situation. Es sind einfach diese bestimmten Tage.

Cristian Vogel: Ja, dienstags und mittwochs. Ich hasse das Reisen. Ich hasse es, von zu Hause weg zu gehen. Ich hasse Flughäfen. Und was man im Flugzeug zu essen kriegt. Wenn man kurz vorm Verhungern ist und sie dir einfach diesen Knatsch hinknallen, das nervt. Aber Auflegen ist immernoch great, es macht mir immernoch Spaß, manchmal langweilt es mich, wenn ich wirklich viel Koks genommen hab, dann komme ich nicht so klar damit.

Dave Tarrida: Wenn du was machst???(ernsthafte, grundehrliche Entrüstung)

Cristian Vogel: Ich hab nichts gesagt. (Tumult, Neill kommt mit dem Essen )

Dave Tarrida: Oh Mann, ich kann’s nicht glauben…

De:Bug: Was wollt ihr in zehn Jahren machen? Auflegen?

Dave Tarrida: Alt werden. So weit kann ich nicht nach vorne denken, zehn Jahre sind eine lange Zeit.

De:Bug: Ok, fünf Jahre?

Dave Tarrida: Vielleicht ja.

Cristian Vogel: Du legst seit Ewigkeiten auf.

De:Bug: Wie ist es mit dir?

Cristian Vogel: Hmm? Ich werde tot sein. Weiß nicht. Ich möchte nur nicht für jemanden arbeiten. Ich hatte seit langer Zeit keinen Boss mehr. Auch wenn ich pleite war. Ich stelle mir nur gerade den worst case vor. Ein Freund von mir, so ein Hardcoreproduzent, der hat mal auf dem Postamt gearbeitet. Das Logo von dem Label war dieses Schwein, dem irgendwas aus der Stirn kam. Ultimation, genau. Also ich will nicht so arbeiten. Ich will kein fertiger, pornolesender Freak werden. Hey Dave. Was ist denn los? Du willst wohl total professionell sein, was? Ok, sorry, nur ein Scherz. War ein langer Tag. Ich will endlich an die Decks!!!

De:Bug: Wie sieht’s bei euch mit Livesets aus?

Dave Tarrida: Da war ich faul die letzten zwei Jahre.

Cristian Vogel: Ich hab eins gemacht dieses Jahr. Ich hab auch einen kleinen Sampler mit, so als Gimmick beim Auflegen.

De:Bug: Habt ihr von dem Notronsequencer gehört?

Dave Tarrida: Welcher?

Cristian Vogel: Oh ja, der Lustige mit all den Lämpchen. That’s wicked. Ich hab ihn ausprobiert. Ist wie ein Amiga.

De:Bug: Wie Protracker oder was?

Cristian Vogel: Ja, wie Protracker. Ich liebe den Amiga.

De:Bug: Benutzt du den noch?

Cristian Vogel: Nein, ich benutze Cubase VST auf dem Mac mit all diesen coolen Effekten, aber ich hab grad erst damit angefangen. Ich hab einen DJ Slip Remix damit gemacht.

De:Bug: Was für Zeug benutzt ihr sonst?

Dave Tarrida: Ich benutze einen MPC 2000, der ist ein bißchen clean, ich muß ihn immer ein bißchen verzerren. Ansonsten MS 10, eine 101 und die ganzen alten Rolandgeräte. Ich benutze kein Harddiskrecording oder sowas. All das simple Zeug. Einfacher zu verstehen für mich. Neill hat grade den MPC 60 gekauft. Ich mache auch Sachen zusammen mit Steve von Sativae. Wir leihen uns gegenseitig Geräte aus. Er hat eine 808, ein paar Sampler und Effekte wie den Yamaha SPX. Old School sort of gear.

De:Bug: Macht ihr gerne Remixe?

Dave Tarrida: Ich hab noch nicht so viele Remixe gemacht…

Cristian Vogel: Im Moment konzentriere ich mich auf meine eigene Musik. Ich würde gerne einen großen machen. Von einem Pop Act.

De:Bug: Welches Stück?

Cristian Vogel: Ich würde liebend gern Beck remixen.

Dave Tarrida: Ich hab grade einen Remix von “Eye Of The Tiger” von Survivor gemacht.

De:Bug: Kennst du den Italo Boot Mix davon?

Dave Tarrida: Ja, der ist cool. Ich hab einfach diesen Gitarrenroll vom Anfang gesampelt, dann hab ich drüber gerappt und ein paar Effekte draufgepackt. Keine Ahnung, ob das Label das wirklich benutzt.

Cristian Vogel: Und das Mikro hat er natürlich in Käse eingewickelt. Daher diese speziellen Vocals.

Dave Tarrida: Das komische war, daß das alles auf ein Interview zurückgeht, was ich in einem amerikanischen Mag gegeben habe. Da gab es so ein Zitat von mir über Sampling, wo ich gesagt habe, daß man heute nur ein Stück von “Eye Of The Tiger” sampeln könnte, eine Bassdrum drunterpacken und drüberrappen, das würde dann funktionieren. Und daraufhin hat mich der Typ angerufen und genau das hab ich dann gemacht.

Cristian Vogel: Mein nächstes Release ist ein Projekt namens Trash. Das ist so eine Art Allstar-Band. Ich spiele mein Studio und die anderen ihres. Wird auf Mille Plateaux erscheinen. Mental Breakbeat Stuff. Das ist ein Projekt, wo auch ein paar der Artists von dem Spoken Jazz Album auf Ill dabei sind, deswegen ist es mir auch ein bißchen peinlich. It’s that sort of british, young, pissed making music. Wird auf Mille Plateaux erscheinen, wicked, lots of junk people and good people.

De:Bug: Kennst du Suicide?

Cristian Vogel: Den Club?

De:Bug: Nein, die Band.

Dave Tarrida: Klar kenne ich die.

De:Bug: Nur weil mich auf einer deiner früheren Platten eine Bassline extrem daran erinnert hat.

Cristian Vogel: Ich sample eigentlich nicht. Ich hab ein Sample auf meiner ersten Platte benutzt, aber das war von Propaganda, “Oh let me see your scene, it’s just a dream”. Aber jetzt mit dem Mac arbeite ich mich da langsam rein. James (James Ruskin von Blueprint) und ich benutzen viel von diesen Syntheseprogrammen im Netz und Sachen wie Hyperprism, das finde ich wirklich cool. Und ArgeiphontesLyre, a mad thing that one. Ich liebe diese Programme wo du einfach ein Sample draufpackst und das Programm sie total abgefuckt wieder rausgibt. Brilliant. Oder SFX Machine, will ich unbedingt haben. Goldene Worte zum Highliten: -Ein guter DJ ist einer, der an die Decks geht, übernimmt, die erste Platte auflegt und alles ändert sich, so daß keiner mehr an den DJ davor denkt -Und das Mikro hat er natürlich in Käse eingewickelt. Daher diese speziellen Vocals. -24, das ist schon alt. Aber ich werde jünger. -Ich hab diese DJ-Alpträume manchmal wenn ich schlafe: Sachen wie du legst auf und jede Platte, die du auflegst, schmilzt einfach vom Teller weg.

Info: http://www.demon.co.uk/Tangent/nofuture/ (No Future Kollektiv von Vogel, Landstrumm, Consume und Si Begg)

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Elektronische Lebensaspekte.