Als Techno Mitte der Neunziger von Brighton aus mit schmirgelnden, kompromisslos-noisigen Tracks umgepflügt wurde, war Cristian Vogel einer der Rädelsführer dieses neuen punkigen Sounds. Kurz darauf wurde ihm Techno langweillig und er formte mit Jamie Lidell die IDM-goes-R'n'B- Supergroup Super_Collider, um sich nach derem Split diversen Punk-Bands anzuschließen. Jetzt, zwölf Jahre nach dem Aufblühen von "Brighton-Techno", hat er zu dem Sound, der ihn bekannt gemacht hat, zurückgefunden.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 118

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Techno-Orgasmus in der Zeitmaschine

Cristian Vogel

Seit dem Ende seiner Super_Collider-Kooperation mit Jamie Lidell arbeitet Cristian Vogel wieder im Maschinenraum des Mutterschiffs Techno. Vogel schraubt am Zeitreisen-Modul und entwickelt autonome Musikautomaten, die mit kosmischer Sexualenergie betrieben werden.

Was kommt nach Techno? Cristian Vogel hat uns als Antwort auf diese Frage 2005 den Kalauer “Montag!” um die Ohren gehauen. Anlass für das damalige Gespräch war sein Album “Station 55” (Novamute), mit dem sich Vogel nach der Zeit als Teil des Duos Super_Collider als Solo-Produzent zurückmeldete. Und auch wenn sein fröhliches “Montag!” schnell zur Raver-Folklore wurde, ist die Angelegenheit damit auch für Herrn Vogel nicht befriedigend geklärt. Sein aktuelles Album “NeverEngine” auf Tresor-Records kreist eigentlich beständig um die Frage, und als ob man das nicht deutlich genug hören könnte, hat Vogel sogar noch einen Begleittext verfasst, der wohl zu gleichen Teilen als Prosa, PR-Waschzettel und Künstlerkonzept zu verstehen ist:

“Es ist legitim, Klangparallelen und Bezugslinien zu einem eigenartigen Attraktor herzustellen, der sich aus der Electro-Narco-Sound-Produktion vor der Jahrhundertwende entwickelt hat: die intensive, sich selbst reproduzierende Mensch-Klang-Interaktion zwischen 1994 und 1998.”

Das klingt zunächst nach schwerem Tobak, lässt sich aber schnell aufdröseln. Zunächst formuliert Vogel, der schon lange Jahre in Barcelona lebt, immer noch mit steifer britischer Oberlippe. Zudem hat Vogel einen Hang zur grenzkuriosen Wissenschaft und baut gerne sperrige Begriffsklumpen wie “Attraktor” ein, was man in diesem Fall getrost mit “einem bestimmten Sound” übersetzen kann. Lange Rede, kurzer Sinn: NeverEngine böllert wie ’96, als Techno wahnsinnig selbstsicher und brüsk war. Möbelrücken in ganz großen Hallen, und zwar in einem Tempo, das heute schleppend langsam erscheint, oft deutlich unter 120 Bpm. Der ’96er-Sound ist so spröde, weil er auf die Hookline-Elemente verzichtet, die im klassischen Detroit-Techno auf House verweisen. Im Rückblick scheint diese Reduzierung schlicht eine Zwangsläufigkeit, aber in der durchexerzierten Konsequenz auf breiter Floor-Front wäre sie ohne den Techno-Boom dieser Jahre nicht möglich gewesen. Nur mit der Dynamik, die Techno damals hatte, konnten auch noch die sperrigsten Brecher ihr Hitpotential realisieren. Techno musste sich in dieser Phase jedenfalls einen Dreck um Zugänglichkeit oder Zustimmung kümmern, NeverEngine haut in die gleiche Bumms-Kerbe, und zwar ganz bewusst.

Cristian Vogel: “Zu dieser Zeit befand sich meine Plattensammlung für Techno-Sets auf ihrem Höhepunkt. Analoge, sehr rohe Produktionen aus Chicago, Detroit und Deutschland. Wir haben es damals “Jacking Techno” genannt: strengste Rhythmen, eintaktig geloopte Heuler, dazu ein Akkord oder Brummen. Ich habe dieses Zeug echt geliebt, es war das Rückrat meiner DJ-Sets. Aber ’96 hat Austrian Airlines einen Koffer verbummelt, womit der Kern meiner Underground-Vinyl-Sammlung verloren war, da war kaum was wieder zu beschaffen. Den Rest hat dann 2002 Iberia besorgt, mit dem zweiten Koffer kam mir dieser spezielle Sound fast ganz abhanden. Nur im Kopf habe ich ihn noch gehört. Jetzt habe ich die NeverEngine gebaut, um diese Erinnerungen wieder richtig erklingen zu lassen.”

Natürlich existiert die NeverEngine bei einem ausgemachten Studio-Nerd wie Vogel wirklich, mindestens als spezielles Studio-Setup für Zeitreisen in Vogels Techno-Lieblingsperiode. Und wie es sich für einen guten Konstrukteur gehört, ist die Maschine, deren Name klanglich zwischen “Nie” und “Endlos” changiert, noch längst nicht fertig. Aktuell soll sie mittels spezieller Sequenzer-Algorhythmen in der Lage sein, Klangmuster durch “Interpolation” zu transformieren: Aus Beats werden Bleeps oder aus einzelnen Tönen Basskörper. Schon die erste Version der Maschine (Code-Name “Xpute”) produziert angeblich eigenständig Effekte wie eine “verlangsamte Wahrnehmung”, zudem soll sie sich mittels “linearer Frequenz-Verschiebung” selbst justieren und dabei einer “orgonotischen Singularität” zustreben. Ein echter Höllenapparat, diese NeverEngine, nachher überflügelt sie noch eines Tages unsere beschränkten Gehirne?

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“Ich habe in letzter Zeit einige Sets erlebt, bei denen Software Musik erzeugt hat, die bereits die menschliche Psyche kontrollieren könnte. So etwas ist natürlich besorgniserregend, aber die NeverEngine soll diese Zusammenhänge ja gerade erhellen.”

Aha. Und welche Rolle spielt dabei “Orgon”?

“Ich will damit an Wilhelm Reichs Orgon-Forschung erinnern, dem es um die Befreiung dieser universellen Sexualenergie ging (Anmerkung: Reich war ein abtrünniger Schüler Sigmund Freuds, auf den sich posthum Hippies, New Age und Teile der 68er-Marxisten beriefen). Reich will herausgefunden haben, dass bei jedem menschlichen Höhepunkt Orgon freigesetzt wird. Vielleicht war er da wirklich etwas auf die Spur gekommen, aber das FBI hat ihn ins Gefängnis gesteckt, wo er unter mysteriösen Umständen starb. Anschließend wurden seine Unterlagen verbrannt. Ich finde, dass man bei Techno-Partys manchmal eine Energie in der Art von Orgon spüren kann, wenn gerade alles zusammenpasst, die Musik, die Leute und das Licht …”

Das ist nachvollziehbar, aber ist es dir mit dem Reich-Kram wirklich ernst?

“Ich mag die Sex-Fi-Slogans. Und ich mag die Metapher einer messbaren, menschlichen Sexualenergie. Wie in diesem Club-Mythos, nach dem ein Raver zum Höhepunkt des Snare-Wirbels von Hardfloors “Acperience 1″ (Harthouse, 1992) einen Orgasmus hatte. Jenseits der Tanzfläche hänge ich aber weder einer Religion noch einer Philosophie oder einer abseitigen Wissenschaft ernsthaft an.”

Alles klar! Zuletzt noch einmal die Frage: Was kommt nach Techno?

Inzwischen bin ich wohl eher ein Dienstagstyp.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Urgestein und nie langweilig: Mit Cristian Vogels Platten im Schrank bleibt Techno - oder sowas ähnliches - dein bester Freund. Vielleicht macht das die gute Seeluft in Brighton, vielleicht der Funk im Modularsystem. Der Supercollider mit neuem Album. Ein Update.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 39

Reif für die Insel
Cristian Vogels neue Federn

“Ich möchte mich einfach nur ausruhen. Nur ein bisschen. Ich habe jetzt eine so lange Zeit hinter mir, in der ich immer nur produziert habe. Erst Supercollider, dann mein neues Album – und das war wirklich intensiv. Jetzt will ich nur noch, dass bei irgendwas mal soviel Geld rauskommt, mit dem ich ein wenig Urlaub machen kann. Nicht viel. Nur ausruhen. Einmal.” Sagt Cristian, der in Wirklichkeit am Tag zuvor, als er noch nicht soviel Wein getrunken hatte, bester Laune war. Munter wie selten, mit Augenringen nicht größer als die Reifen eines Sattelschleppers, richtig frisch irgendwie, wie man sich ja überall schon erzählt hatte. ‘Mit Super_Collider hat Cristian seine Jugend wiedergefunden.’ Und den Funk! Und all das. Funk bestimmt. Schließlich ist er nicht umsonst Erfinder einer der besten Grundsätze elektronischer Musik. “We equate machines with funkyness”. Ein Orakel. Der Herr.

Es begann also in Brighton. Damals war Techno für das Eiland noch fresh wie die Hölle und Dave Clark hatte ein wirklich gutes Label, Luke Slater grade keins mehr, und Baby Ford, tja, der kam etwas später. Sozusagen als ‘Topping’ auf dem Kuchen oder als echte Märchenprinzessin. Auch mit Augenringen. Dave Clark jedenfalls fand Cristian Vogel furchtbar gut, wie er in vielen Telefongesprächen der ganzen Welt mitteilte, und schenkte ihm eine orangerote Killer-12″ auf seinem wie gesagt furchtbar freshen ‘Magnetic North’ Label, die wir den ungläubigen Technoherren aus dem Plattenladen wegkauften und glücklich waren, wie ruff und all das die Engländer auf einmal so plötzlich die weltweite Anglophilie wieder aufleben lassen konnten, ausgerechnet auf afrogermanischem Stammterritorium. Aber Vogel, zum einen mit einem deutschen Namen verflucht (bei dem man das Christ nicht mit Ch schreiben darf, weil die Verwandschaft aus Chile kommt), war längst schon auf dem Weg in eine ordentliche Konservatoriumskarriere mit Synthesizerrelikten und neuem Musikstudium via Kabelphreakertum, lernte die Welt das Fürchten vor der Intelligenzia in Techno und machte lapidar von Platte zu Platte ein immer elegischeres Statement. “Beginning to Understand”, so ungefähr auf dem Höhepunkt dessen, was man seine Technokarriere nennen würde, bevor die Sprache in Techno so einen schlechten Ruf bekam, was Vogel wiederum anstachelte, gleich eine ganze Bande davon mit seiner No-Future Posse aus dem Boden zu stampfen. Mosquito, der Szene den Arsch hinhaltend, mit Projekten wie Blue Arsed Fly, aber immer ganz nobel irgendwie. Blue halt. Schmutzig, aber viel zu clever, um sich von irgendeinem “Pöbel”, den er auf Raves immer mal wieder “gerne” mit einer endlos wummernder Bassdrum beschallt, vereinnahmen zu lassen. Selbstverständlich. Cristian Vogels Ruf war schon Mitte der 90er unantastbar, dass er ihn gar nicht mehr ruinieren konnte. Wunderkind electronique mit echten Dancefloor Hits. Tja. Eine Art englisches Zerrbild von Mike Ink wenn man so will. So unantastbar vielleicht, dass seine Releases, obwohl immer strikt gegen Dancefloor, strikt gegen Gegen-Dancefloor, strikt auf neue Soundästhetiken und Techniken aus (was logisch zum modular System und zum Powerbook führen musste), irgendwie den Impact dessen, den er vielleicht gerne gehabt hätte, kaum noch erreichen konnten. Das Spiel, zwischen den Genres nach Neuem zu suchen, war irgendwann einfach aus. Auf eine Phase der elektronischen Kombinatorik gepaart mit einem massiven technischen Schub als Entwicklung folgte eine Phase der strengen Konzeptualisierung. Doch. Musik zwischen Markting, Design, Party und Vernetzung.

Ich bin ein Super Collider

Da hinein passte Cristian Vogel irgendwie schwer, aber schliesslich bewegt sich ja nicht alles von heute auf morgen und er hatte Zeit, mit Super_Collider und Jamie Lidell wieder zu dem zu werden, was man von ihm immer schon erwartet hatte. Hoffnung, Euphorie. Ich brauche das nicht mehr alles erzählen, was Super_Collider auf einmal allen bedeutet hat. Auch nicht, warum man plötzlich Funksänger der merkwürdig exaltiertesten Art wie Jamie Lidell gross finden musste. So war es halt. Der wahnsinnige Erfolg, den jeder nach diesem explosionsartigen Effekt erwartet hatte, blieb aus. In einem Plattenshop in England stand Super Collider monatelang in der Most Unwanted Records-Liste. Die Verkäufe waren mager. Warum aus Super Collider keine Supergroup wurde, ist wohl allen unverständlich, aber schließlich waren sie es eh, auch wenn die Welt en gros das erst mal nicht kapiert. Irgendwann wird sie es wissen. Aber was danach? Dazwischen. Was nun? Fragen, denen sich Cristian Vogel irgendwie stellen musste. “Als ich mit meinem Album fertig war, habe ich sofort einen Freund angerufen. Hey, ich glaube ich hab es geschafft. Ich hab jetzt wirklich ein Album produziert, das richtig ‘accessible’ ist. Das wird es, endlich, ich habe es getan! Der hat mir nur lapidar geantwortet: Das sagst du jedes Mal.”
Cristian Vogel ist bei Mute. Mute sind verdammt professionell. Sie laden die Vertriebspartner aller Welt in ein Penthouse ein, können weltweite Releasedates koordinieren und schaffen es selbst, uns in ihr Promowerk einzugliedern. 🙂 . Daniel Miller schleicht währendessen durch das WMF und will Vladislav Delay entern. Advance-Broker elektronischer Musik. Vielleicht kann sich Cristian Vogel ja dann doch mal ein paar Wochen auf eine Insel zurückziehen. Aber womit? “Rescate 137”, das neue Album, ist eine Art CD für eine virtuelle, tja, virtuelle was? Ein virtuelles Konzept. Nicht greifbar, inexistent, als Konzept aber zumindest da, nicht menschlich, nicht ausgedacht, aber irgendwie naheliegend. Es zehrt von den Funkerfahrungen mit Super Collider, es beschreibt eine Art Reservoir, das es nicht gibt. Es war die Arbeit, mit seinem Modularsystem erstellte Trackparts so lange anzuhören, bis sie wie eine Improvisation der Maschine klingen, die man selbst unterschreiben kann. Es ist ein Modell einer Landschaft von Musik, in der Cristian Vogel nur ein Teil ist, eine Art Patch, wie die Patches, aus denen die Tracks zum großen Teil bestehen. Etwas, das Cristian Vogel, der seine Patches auch schon mal durchs Netz schickt, wie er auch die http://www.no-future.com Talks ab und an benutzt, um erreichbar zu bleiben, eigentlich schon immer will. Weg vom Ethos des Komponisten hin zum sich selbst überlassenen Arrangement, zur sich selber unter speziellen Vorraussetzungen generierenden Musik. Programmer. Wer will das nicht werden. Und es ist wirklich nur noch eine Frage der Zeit, bis das Programm das Produkt ersetzt haben wird. In der Zwischenzeit entwirft man Virtualitäten, die genau das thematisieren können, ohne dass man es wirklich hören muss. Vogel ist auf “Rescate 137” jemand, der diese Teile zusammensammelt, ordnet, sich zuspielen lässt, neu verteilt, jemand der die Regeln eines kleinen Universums, einer Insel schreibt, ein König, Teil seiner eigenen SimCity. Und es klingt wie Jazz, entpersonalisierter Jazz des Zusammenspiels von Oberflächen, Interfaces, abstrakter Jazz, aus einer Ebene heraus, die jenseits des Zusammenspiels von Erfahrung läuft, die das Wagnis der Improvisation zu einem Ausgang eines Experiments macht, von dem man nur die gelungensten Varianten zu dem erklärt, was man selber dann hinterher sein soll.

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