Das international agierende Critical Arts Ensemble wird in den USA von der Joint Terrorism Task Force mehr als argwöhnisch beäugt. Bio-Terrorismus lautet der Vorwurf. Mal sehen ob ihre Mitglieder die Einladung zur transmediale.05 wahrnehmen können.
Text: Arne Linde aus De:Bug 89

BIOHAZARD IM HAUS DER KULTUREN DER WELT
transmediale.05 / Critical Art Ensemble

BASICS
Letztes Jahr im Februar galt die ganz große Geste: FLY UTOPIA! propagierte die transmediale.04 und hob ab zum Erkundungsflug durch die unendlichen Weiten medienkünstlerischen Visionierens. Der Output gestaltete sich vielfältig. Zum Beispiel stellte sich heraus, dass der Körper in der sich auch ökonomisch globalisierenden Welt zur neuen Kampfzone der Profitmaximierung zu werden droht. Andere Ergebnisse waren weniger stichhaltig und waberten mehr in den Gefilden analoger Werterhaltung, als tatsächlich zu besseren Welten vorzustoßen. Was ja auch nicht einfach ist, wenn die Grundlagen der Auseinandersetzung, die Koordinaten des Hier und Heute nicht geklärt sind.
transmediale.05 holt das darum jetzt nach. Die Jets bleiben im Hangar, die Bodencrew erhält das Kommando und kümmert sich um: BASICS.
BASIC life, BASIC needs, BASICALLY human, BASIC security – diskursgerecht portioniert in die drei Module Konferenz, Wettbewerb und Basement; festivalgerecht in variierende Formen gebracht: Von ”multimedialen Performances” (die als “neuen” Schwerpunkt zu setzen im Rahmen eines Medienkunstfestivals im Jahr 2005 etwas folkloristisch wirkt) über Screenings bis hin zu hochkarätig besetzten Panels reicht die Palette. Der tighte Schedule findet sich unter http://www.transmediale.de.

US-Task-Force greift ein
Dort findet sich im Ankündigungstext auch ein Terminus, der gleichermaßen die Bilanz des letztjährigen Festivals beschreibt als auch unsere transmediale Gegenwart. Kultur sei ”hyper-potentiell” heißt es – alles ist möglich, und zudem ereignet sich ein großer Teil unseres Handelns auf der Basis von Mutmaßungen, Zuschreibungen und durch von Medien vermittelte Erfahrungen.
Potentiell wird am 06. Februar 2005 Steve Kurtz das Haus der Kulturen der Welt in Berlin betreten und an einem Panel zum Thema BASIC life teilnehmen. Ebenso hat potentiell die Joint Terrorism Task Force des US-Verteidigungsministeriums Recht und zu diesem Zeitpunkt dafür gesorgt, dass Steve Kurtz wegen bioterroristischer Aktivitäten und weiterer Straftaten für bis zu 20 Jahre in den Knast gewandert sein wird.
Kurtz ist Kunstprofessor an der Buffalo University und künstlerisch aktives Mitglied des CRITICAL ART ENSEMBLES. Mitte der 1990er rief das CAE zum elektronischen zivilen Ungehorsam auf und weckte damit international nicht nur den Argwohn der (New) Economy sondern auch den ihrer Beschützer in Sicherheits- und Wirtschaftsbehörden. Die programmatisch offene Struktur der Wissenschaft und die Forderung, sie auch in den programmatisch kommunitären Sphären des Cyberspace umzusetzen, prallte auf die auf Abgrenzung und Verteidigung bauende Eigentumskultur, die westlichen Gesellschaftsmodellen zu eigen ist. Jüngste Kampfzone der Eigentumskultur – in der Patentierung von Lebewesen und DNA-Sequenzen eindrücklich nachvollziehbar – ist der menschliche Körper. CAE-Projekte zu Biotechnologie, Genmanipulation und Pharmaindustrie sind der Entwicklung dicht auf den Fersen.

Biohazard/Arthazard
Die Situation eskalierte, als im Mai 2004 Kurtzs Frau Hope plötzlich starb. Die routinemäßig herbeigerufenen Polizisten entdeckten in der Wohnung die aktuelle künstlerische Arbeit von Hope und Steve Kurtz, ein mobiles DNA-Extraktionslabor, das genetische Manipulationen in Lebensmitteln nachzuweisen vermag. Daneben wurden Mikroorganismen gefunden – Kurtz war zudem bereits aktenkundig – und die Polizei handelte prompt und gründlich: Die Leiche wurde beschlagnahmt – Biohazard! – , einige Blocks um die Wohnung herum abgeriegelt, der Wohnungsinhalt konfisziert und Kurtz als möglicher Bio-Terrorist inhaftiert.
Das CAE ist in der Welt der Wissenschaft und der Kunst längst keine Unbekannte mehr. Beobachter nahmen also an, die Joint Terrorism Task Force, der der ”Fall” übergeben wurde, würde den Irrtum bald erkennen und die Anklage fallen lassen. Aber das Gegenteil trat ein. Nachträglich wurden sieben Kolleginnen und Kollegen aus Kurtz Umfeld, die Mitglieder des CAE sind oder mit ihm kooperiert haben, angeklagt. Die Anhörungen sind auf Mitte Januar angesetzt, doch so ein Prozess kann dauern.

BASIC BORDERS
Ob Kurtz zur transmediale.05 in Berlin erscheinen wird, gibt auf elementare Weise Auskunft darüber, wo sich die Grenze zwischen der geschlossenen Kultur des Eigentums und der offenen von Wissenschaft und Kunst vollzieht. Und vor allem wie die Machtmittel beider Kulturen verteilt und mit den Mitteln von Recht und Politik verzahnt sind. Und es zeigt sich, dass auch wenn die BASICS geklärt sind, noch längst nicht alles in Ordnung ist.

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Elektronische Lebensaspekte.