text
Text: jan kage aus De:Bug 32

/hiphop/crossover HipHop Riffs und Marshall Loops Crossover: Zwei Welten, ein Sound. Geht das? Geschichte ereignet sich nach Marx immer zweimal: einmal als Tragödie und das andere Mal als Farce. Dies scheint auch für den Crossover zu gelten. Waren es Anfang der Neunziger Bands wie Faith No More, Urban Dance Squad oder die Red Hot Chilli Peppers, die HeavyMetal-Riffs mit PowerFunk kombinierten und harten Rock noch einmal in das letzte Jahrzehnt des auslaufenden Milleniums retten konnten, schwappt uns heute die Welle der Musiker entgegen, die damit einfach aufgewachsen sind. Das peinlichste Beispiel im Moment: die Florida Formation Limp Bizkit und ihr hirnamputierter Sänger Fred Durst, der noch vor einem Jahr dem Spin-Magazin erzählte, er wolle seine saubere Mittelklasseherkunft nicht verheimlichen und nun doch mit offensichtlichem Vergnügen seinen Job als Ghetto-Impersonator erfüllt. Das Ende des Rock Was aber kann man, ausser geschmacklichen Ressentiments, gegen die Fusion von Rock und HipHop haben? Der Crossover der Nuller-Jahre ist der reaktionärste, langweiligste Scheiss, der uns seit der Erfindung des Eurothrash vorgesetzt wurde. Die weisse Suburbia sieht sich von ihrer zentralen Stellung im Popbiz, das ihr in den 90ern so vertraut geworden war, ausgeschlossen und wird stattdessen Zeuge der erfolgreichen Stilisierung des schwarzen Machismo. Niemand will mehr weinerliche Gesänge über Angst und Wut hören, und der weisse Rock findet sich, abgesehen von seinen Undergroundszenen nach dem Ableben des Grunge, in einem ziemlich tiefen, konzeptuellen Loch. Sogar Bruce Springsteen lässt sich elektronisch Beats anfertigen. So ist es kein Wunder, dass weisse Rocker schon in den letzten Jahren die Gesten, Styles und Codes des HipHop zu übernehmen begannen. Doch was aus der Perspektive der Marginalisierung als Befreiung gelesen werden kann (keine Entschuldigung für Sexismen), ist im Crossover nur die inhaltsleere Aneignung einer exotischen Welt, die bewundert wie gefürchtet wird. Dass aber HipHop nichts mit Rasse zu tun hat, beweisen die Beastie Boys seit Jahren, und der Vier-Silben-Reimgott Eminem ist zur Zeit das prominenteste Beispiel. Die zweite Crossover-Welle ist genau deswegen reaktionär, weil sie sich Gesten der Form nach aneignet, aber Kontext, Inhalt und Bedeutung nicht den geringsten Respekt zollt. Natürlich gibt es Ausnahmen wie Rage Against The Machine, die zuletzt im Dezember mit den HipHop-Ikonen Gang Starr auf US-Tour waren und ihnen somit Zugang zum College-Publikum verschaffen und dem originalen HipHop Referenz erweisen. Aber diese durch Respekt gezeichneten Ausnahmen sind rar, und hinter Fusion-Projekten wie der Single von Method Man und Limp Bizkit stehen ganz andere Motive. Offenbar besteht ein Markt für Crossover, und die Nachfrage will gedeckt werden. Die meisten HipHopper haben wahrscheinlich nicht all zu grossen Bock, lahmen HeavyFunk mit Ryhmes zu segnen (warum sollten sie, wenn sie phatten HipHop produzieren können), aber sie wissen, dass es andere tun werden, wenn sie nicht die Initiative ergreifen und das Zepter in der Hand behalten. Der Unflexible bricht, und so schluckt man halt die bittere Medizin, auch wenn man dafür in einer Schublade mit Tommy “Moetly Crüe” Lee gehandelt wird, der soeben sein erstes Solo-Album mit Unterstützung des aus Ohio stammenden Rappers Tilo veröffentlichte und auch auf den Zug aufgesprungen ist. War die “Walk This Way” Kollaboration von Run DMC mit Aerosmith seinerzeit die Integration von Rock Elementen in den alles in sich aufsaugenden HipHop-Kontext und somit etwas Brandneues, ist der nun stattfindende Crossover die inhaltsleere Umkehrung. Nur weil x-mal gehörte Rock-Riffs mit HipHop-Beats gekoppelt werden, heisst das noch nicht, dass das Genre sich neu erfunden hätte. Das gleiche gilt für 80er Hits und 4 to the Floor Beats. Alter Wein in neuen Schläuchen. Aber jedes Ding nimmt nun mal seinen Lauf, und damit das auch hierzulande läuft, bringt uns Marlboro den Sound Slam auf CD und Tournee. Das Line-Up kann sich durchaus sehen lassen. MC René ist Host und wird als Referee Reen die Publikumsentscheidung über den dicksten Flow der Kontrahenten The Arsonists (!), Dog Eat Dog, Crazy Town und die Spezialitz ermitteln. Als DJs firmieren P.F. Cuttin’ und DJ Emilio. Letztere haben soeben in Allianz mit dem deutschen Crossoverurgestein Such A Surge und Ferris MC die Single “Chaos” veröffentlicht. Der Stein rollt also bereits und man darf gespannt sein, wie lange und wie heftig.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.