Es ist nicht alles HONG KONG, was aus Asien kommt, selbst wenn es Martial Arts ist. Der neue Film TIGER AND DRAGON von Ang Lee zeigt, dass opulentes Schwelgen in romantischen Themen mit Schwertern und Degen dennoch rasanter sein kann als Charlies Angels.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 43

Tiger and Dragon
SENSE AND SENSIBILITY aus der Martial-Arts-Perspektive

China im frühen 19. Jahrhundert. Noch ist das Riesenreich geeint, bald wird die Öffnung zum Westen jedoch den Opiumhandel bringen – und das Ende des alten China. Li Mu Bai (Chow Yun Fat, THE KILLER, HARD BOILED) ist müde. Der Krieger will sich nach dem Tod seines Meisters zur Ruhe setzen und seinem Leben eine neue, friedliche Richtung geben. Mu Bai bringt sein legendäres Jade-Schwert “Grünes Schicksal” zu einer alten Freundin, der Schwertkämpferin Yu Shu Lien (Michelle Yeoh, HEROIC TRIO, TOMORROW NEVER DIES) – die einst mit seinem Waffenbruder verlobt war und der Mu Bai deshalb aus Ehrerbietung seine heimliche Liebe nicht gestehen kann. Doch das Schwert wird gestohlen. Die Diebin ist Yu Jen (Zhang Ziyi), eine junge Gouverneurstochter, die sich mit Shu Lien angefreundet hat – und die Kampfkunst-Schülerin von Jade Fox ist, der Mörderin von Mu Bais Meister …

TIGER AND DRAGON kreist um unerfüllte Liebe, Integrität, das freie Leben umherziehender Schwertkämpfer und strotzt somit vor romantischen Motiven. Das Drehbuch basiert auf einem zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienenen Roman; die damaligen Umwälzungen in China hatten zu Nachfrage nach den gefestigten Werten und Heldentaten der Martial-Arts-Krieger geführt. Ganz schön reaktionär, so einen Roman 100 Jahre später ohne jeden aktuellen Bezug zu verfilmen. Und TIGER AND DRAGON ist ein Historienschinken. Aber ein sehr gelungener. Autor und Produzent James Schamus beschreibt ihn als “SENSE AND SENSIBILITY aus der Martial-Arts-Perspektive”: Episch angelegt, umwerfend choreografiert, unterhaltsam und rasant erzählt.

An Originalschauplätzen in China gedreht, schwelgt man in opulenten Bildern und den melancholischen Cello-Soli von Yo-Yo Ma. Auf dem Weg zum Showdown leiden wir uns begeistert durch zwei tragische Liebesgeschichten – wobei die von Yu Jen mit dem hübschen Lo (Chang Chen, HAPPY TOGETHER) als lange Rückblende dramaturgisch etwas aus dem Rahmen fällt. Ständige Belohnung sind die von Yuen Wo-Ping (MATRIX) wieder atemberaubend choreografierten Kampfszenen – von denen sich sogar abgebrühte Pressevorführungs-Besucher zu Szenenapplaus haben hinreißen lassen. Helden, die über Baumwipfel springen, über Wasser laufen und senkrecht die Wände hoch, kann es gar nicht oft genug geben.

Man wundert sich dann wieder über den schweren Stand asiatischer Filme hierzulande. Die meisten “Hongkong-Filme” gab es nur auf Festivals zu sehen oder auf Video. Heute haben wir immerhin Takeshi Kitano als regelmäßigen Vertreter des gepflegten Yakuza-Blutbades und den unverzichtbaren Rapid-Eye-Movies-Filmverleih. Für Regisseur Ang Lee ist TIGER AND DRAGON der erste Martial-Arts-Film und sein erster in chinesischer Sprache seit EAT DRINK MAN WOMAN (1994). Dazwischen inszenierte der geborene Taiwanese SENSE AND SENSIBILITY, THE ICE STORM und RIDE WITH THE DEVIL und hat somit in seinem schmalen Regiewerk schon so unterschiedliche “Genres” wie die schwule Liebesgeschichte unter Exil-Chinesen (THE WEDDING BANQUET), Jane-Austen-Schmalz, US-Gesellschaftskritik und das Bürgerkriegsepos bedient. Lee kann den Martial-Arts-Film aus dem elitären Kreis von Festival-Mitternachts-Screenings holen – und aus der Jackie-Chan-Action-Spaß-Ecke.

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Elektronische Lebensaspekte.