Text: Sascha Kösch aus De:Bug 28

Cryptonomicon Sascha Kösch bleed@debug-tv.de Neal Stephenson hat in seinem Leben schon eine ganze Menge extrem einflussreicher Bücher geschrieben. Angefangem mit dem Total-Flopp Zodiac, einem, so der Untertitel, “Ökothriller”, der bei Rowohlt unter dem schnuckeligen Titel “Volles Rohr” schon längst nicht mehr anders erhältlich ist als in irgendeinem Schnäppchenmarkt, was gut ist, weil man so auf die etwas breiige Übersetzung verzichten darf, über die zwei Bücher mit jemand anderem unter anderem Namen, die so gut verheimlicht werden, dass wir euch den Spass nicht verderben wollen, selber nachzusuchen, wie sie nun eigentlich heissen, eines jedenfalls dreht sich um ein Interface im Hirn des Präsidentschaftskanditaten, das via Feedback im Wahlkampf genau auslotet, was er nun eigentlich in jedem Moment sagen soll, damit er auch gewählt wird (ein “Realthriller” also), bis zu dem bekanntesten, “Snowcrash”, das nicht zu unrecht als eine Art Testament des gesamten Geredes von Cyberspace sicher noch so lange gelten wird, bis wir diese jämmerliche Phase endlich hinter uns gebracht haben. Von da an war Neal Stephenson nicht mehr nur ein (sehr erfolgreicher) Science Fiction Autor, der die ganze Riege der “Cyberpunk”-Literaten um William Gibson, Bruce Sterling usw.in Aufruhr versetzte, weil er, wie sie auch noch gerne zugaben, ihnen soweit voraus war, sondern tatsächlich auf dem Weg, einer der “Autoren” Amerikas zu werden, was mit Science Fiction als verhasstem Genre selbst bei Gibson, der nun wirklich nicht medienscheu ist, sogar mindestens 3 Riesenerfolge gebraucht hat. Er tat das uncleverste, was er machen konnte, und veröffentlichte den nächsten Science Fiction, “Diamond Age”, leicht märchenhaft, ähnlich vielleicht einer Bewegung, die englische Science Fiction Autoren wie Jeff Noon vollzogen haben, als sein “neoviktoriansches” Buch und entwarf damit eine Welt und eigentlich auch ein Genre, dass die an Visionen sicherlich nicht arme Science Fiction Welt ziemlich aus den Angeln gehoben hat. Ein perfekter Nachfolger für Snowcrash, genauso fundamental, nur ein Zeitalter weiter, legte die Geschichte um ein Buch den Grundstein für eine nanotechnologische Revolution in Science Fiction. Anerkannter gerühmter Literat und nationales Heiligtum wurde Stephenson dadurch nicht. Vermutlich war es ihm auch egal. Jetzt aber nicht mehr, und niemandem. Sein neues Buch, “Cryptonomicon”, schwarz, schwer, monumental und noch unübersetzt, ist von vorne an darauf angelegt, jeden niederen Instinkt eines amerikanischen Buchkritikers genau so anzusprechen wie die aller Nerds, Broker und überhaupt von jedem, der mit dem Netz mehr zu tun hat, sei es aus Angst oder aus praktischeren Erwägungen. Mit einer zwischen 2tem Weltkrieg und Internetfirma von morgen (aber nicht übermorgen) changierenden Geschichte zwischen 3 Generationen lässt er nicht nur keinen Trigger dessen aus, was in den letzten Jahren die Internetdiskussion wirklich bestimmt hat (Kryptotechnologie, der Krieg zwischen Privatsphäre und Staat, die Backbones der Netze), wobei sein 50 Seiten Wired Artikel über die Verlegung der “Mutter der Kabel” quer durch das Meer zur Verbindung von Asien mit dem Rest der Welt Stück für Stück als Recherche miteinfliesst, sondern er liefert mit der Weltkriegsgeschichte (das Gold Deutschlands und Japans, Pearl Harbor, U Boote, die Anfänge der Entschlüsselungsindustrie usw.) auch noch den sicheren Zugang zu Ehre und Ruhm nach dem Modell einer etwas strangen Thomas Pynchon Kumpanei (gespiegelt durch das “grosse Business”), die wohl (niedere…) sein muss und hier logisch jeden weiblichen Hauptcharakter ganz stephensonuntypisch in den Hintergrund drängt. Alan Turing und der erste Computer, der Übergang von Kittlerlogik zum Dataheaven in irgendeiner frischverkabelten Sultanei freier Datenäusserung, Lochkarten, Glasfaser, Piraten, Kamikaze, elektronisches Geld, Dschungel, Krieg, Semantikerkrisen, Dialekte, verknotete Geschichten und immer wieder, als blendende, voll eingeblendete Struktur des Romans: Krypto und Entschlüsselung als wichtigstes Moment einer erst dadurch zu mehr als Information werdenden Information machen das ganze Buch aus, und alle Ziele nebenher (wie auch Ehre, Ruhm und der Literatenhimmel) zu Nebensachen, perfekt gesetzten Elementen in einem Spiel um das, was Stephenson immer am meisten interessiert hat, die Struktur von Sprache und Kommunikation unter den veränderten Bedingungen verschiedenster Zukünfte. Und wie man aus Sprache Geld machen kann und auch irgendwie muss, selbst wenn man es nicht will. Im Grunde ist “Cryptonomicon” ein Buch für kleine Jungs (wobei das Geschlecht keine Rolle spielt, nur Jungs müssen es eben sein) geworden, die von der Weltbeherrschung und Entdeckungen träumen, Unixadministratoren, Heldengeschichtenleser, Mathematikfussler und andere, aber genau wissen, was dabei alles draufgehen wird und warum merkwürdiger Weise die Welt mal wieder genau so läuft.

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Elektronische Lebensaspekte.