Steinberg eröffnet mit dem völlig renovierten CUBASE SX eine neue Runde im Sequencer-Krieg. Nicht einfach nur geupdatet, sondern komplett neu programmiert und mit einer OSX-Version in der Pipeline und dem Apple-Buyout von Emagic verspricht die Sequencer-Szene viele lustige Überraschungen für die Zukunft.
Text: Kai Kroker aus De:Bug 62

Musiktechnik

Sequencer-Krieg, die nächste Runde
CUBASE SX

Fast überraschend kam zur Musikmesse die Ankündigung von Steinberg, es werde im Sommer ein völlig neues, überarbeitetes Cubase geben. Als Update-süchtiger Computer-Nerd freute einen das natürlich und so konnte ich es kaum erwarten, gab es doch einige Kritikpunkte am alten Cubase. Es war immer ein sehr stabiles Programm, welches gerade mit der VST- und ASIO-Technologie Innovationen ins virtuelle Studio brachte. Doch irgendwie vermisste man ein wenig den Spaßfaktor. Gerade der Midi-Teil war unflexibel und etwas konservativ. Sicherlich, Sequencer sind zum Komponieren da. Aber gerade heutzutage, wo immer mehr elektronische Musik produziert wird, vermisst man neue Ansätze, die auch ein spielerisches oder experimentelles Musizieren ermöglichen. Logic hat da seit langem das Environment, welches etwas kompliziert zu programmieren ist, aber weitreichende Eingriffe ermöglicht. Auch Cubase hatte einige meist komplizierte Module (hat jemals jemand den Interactive Phrase Synth benutzt und verstanden?). Ein weiterer Punkt war sicherlich das Design. Sobald man mehr als drei Fenster geöffnet hatte, wünschte man sich sehnsüchtig seinen alten s/w Atari Monitor zurück. Zu bunt und auch zu unübersichtlich, die Konkurrenz kam da schon immer edler daher. Aber Steinberg verspricht mit dem neuen Cubase SX viel. Der Test beschränkt sich auf die PC-Version, da das Mac Pendant (welches den exakt gleichen Funktionsumfang haben wird) noch nicht erhältlich ist. Dies liegt übrigens nicht daran, dass Steinberg seine Prioritäten im PC-Bereich setzt. Vielmehr hat es etwas mit den Betriebssystemen zu tun. SX wird es nur für Mac 0SX geben und dies war schlicht und ergreifend später am Markt. Aber auch Macintosh-User müssen nicht mehr lange warten.

Laufen lernen

Cubase SX bedeutet umsteigen. Das wird gleich nach der Installation klar. Erst mal versucht man vergebens einen Song zu öffnen, doch diese Option gibt es nicht mehr. Dafür kann man jetzt Projekte anlegen, wobei jedes Mal ein eigener Ordner erstellt wird. Mir kommt das sehr zu gute, verhindert es doch einiges an Chaos auf der Festplatte und hält alle Song-relevanten Daten an einem Platz. Hat man diese erste Hürde überwunden, präsentiert sich SX in seiner ganzen, schlichten Schönheit. Ich persönlich find es recht gelungen. Die Grau/Blau-Töne vermitteln einen gewissen edlen Charakter. Es dauerte auch keine zehn Minuten, da war die Soundkarte konfiguriert, Spuren geöffnet und die erste Sequenz erzeugt. Es ist eine Umstellung, aber das Programm ist sehr logisch aufgebaut und einige Sachen sind vom VST übernommen, so dass man sich recht schnell zu recht findet. Hat man sich erst mal ein paar Stunden damit beschäftigt, merkt man, wie durchdacht alles ist. Zugriffe auf Mixer, Instrumente, EQs u.s.w. sind von fast überall möglich, man steppt sich schnell und unkompliziert durch die Ebenen. Viele durchdachte Lösungen wie z.B. das separat zu öffnende Geräte-Fenster, welches Zugriff auf die VST-Racks und Einstellungen bietet, oder die umfassende Tastaturbelegung, die auch das Einbinden von Macros (Befehlsketten) ermöglicht, machen das Arbeiten leichter.

Charakterliches

Wichtige Features sind hinzugekommen u.a. eine umfassende Surround-Unterstützung, eine wesentlich verbesserte Undo/Redo-Funktion, Multi-Kanalaufnahmen oder die Audio-Slice-Funktion (“Recycle”-ähnliche Anwendung). Die Automationsdaten sind jetzt Spur-basiert. Das heißt im Klartext, sie sind als Sub-Spuren der jeweiligen Audio-oder Midispur zugeordnet und werden darunter grafisch dargestellt. Dies macht die Editierung zum Kinderspiel – einfach losmalen. Leider zeigten sich in der Praxis noch kleine Unstimmigkeiten, aber diese Kinderkrankheiten werden sicher bald behoben sein. Ansonsten gibt einem dieses Konzept einen wesentlich schnelleren und direkteren Zugriff auf die verschiedensten Parameter.
Ein absolutes Highlight ist die neue Midi-PlugIn-Schnittstelle. Hier kann man jedem Track bis zu 4 Insert- und Send-Effekte zuweisen und so Midi-Daten in Realtime beeinlussen. Ob komplette Sequencen erzeugen, Echos einbauen, Noten in Controller umwandeln oder Dynamiken beeinflussen, mit den reichlich mitgelieferten PlugIns kann man eine Menge anstellen. Einige dieser Möglichkeiten gab es schon beim alten VST und anderen Programmen, aber nie war die Anwendung und Einbindung so einfach.
Der Stepsequencer z.B. bietet bis zu 32 Steps und eine Reverse-Funktion, hinter dem unscheinbaren Namen “Autopan” verbirgt sich ein LFO, der auf alle Controller geroutet werden kann, oder das Midi-Echo, welches ein Verstimmen der einzelnen Echos ermöglicht! Man darf gespannt sein, was es noch alles an Modulen geben wird, da Steinberg den Source Code veröffentlicht hat und hier noch einiges von Drittanbietern zu erwarten ist. Übrigens kann man auch den MFX-Wrapper runterladen (ftp.steinberg.net), der es ermöglicht die von Cakewalk bekannten Midi-Effekte einzusetzen. Bei den VST-PlugIns gibt es zwei Neuzugänge. Der De-Esser von SPL sowie das Quadra-Fuzz. Neues VTS-Instrument an Bord ist der a1 von Waldorf, der durch einen wirklich guten Sound besticht. Es gibt natürlich auch Funktionen, die noch nicht oder nicht richtig funktionieren. Beim Import alter Cubase-Songs z.B. gehen teilweise Automationsdaten verloren oder Mixermaps werden nicht übertragen. Wer hier auf Nummer sicher gehen will, sollte diese Songs lieber am alten Cubase zu Ende produzieren. Das ist übrigens ohne Probleme möglich, da man beim Erwerb des Cubase-Updates den alten Dongle behalten darf und somit beide Versionen zur Verfügung stehen. Eine nette Geste, die die Umstellung erleichtert.

Näher zusammenrücken

Auf eine wichtige Neuerung möchte ich hier noch kurz eingehen. Der VST-System-Link. Dieses Feature erlaubt den problemlosen Aufbau eines Netzwerkes von Audiorechnern über die Digitalschnittstellen und das auch zwischen Mac und PC. Voraussetzung hierfür sind ein Cubase SX oder das neue Nuendo 1.6, außerdem wird es ein letztes Update von Cubase VST geben, in welchem der System-Link integriert sein wird. Dadurch ist es endlich möglich mit mehreren Leuten an einem Projekt zu arbeiten oder aber seinen alten Rechner ins Studio-Setup einzubinden. Sehr bequem kann man Instrumente des anderen Rechners spielen und steuern, Audio-Signale in Realtime hin-und herschicken (Sample-genau synchron) und das Ganze am Ende auf beiden Rechnern als gesamtes Projekt speichern. Ein wichtiger Schritt gegen die Vereinsamung der Computer-Musiker. Wünschenswert wäre es natürlich, wenn auch andere Sequencer von dieser Technologie profitieren, also bleibt zu hoffen, dass dies ein ähnlicher Standard wie z.B. ASIO wird.

Resume

Cubase SX ist ein komplett neues Programm, was eine Umstellung bedeutet. Lässt man sich aber darauf ein, wird man mit einem absolut überzeugenden und durchdachten Tool belohnt, welches das Arbeiten nicht nur erleichtert, sondern durch Neuerungen wie die Midi-PlugIns echten Spaß und Kreativität fördert. Das Design ist gelungen und auch die Betriebssicherheit ist enorm, bedenkt man, dass es sich quasi um ein Programm-Debüt (Version 1.01) handelt.

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Elektronische Lebensaspekte.