Anfang August ging Al Gores TV-Sender "Current" in den USA an den Start: Fernsehen für die Videoblog-Generation, mit den Zuschauern als freien Mitarbeitern. Attraktive Chance oder nur ein neuer Offener Kanal? Die Hochwasser-Katastrophe in den Südstaaten war der erste Test.
Text: Janko Röttgers aus De:Bug 96

Al Gore macht Netzfernsehen
Current: inspiriert von Video-Blogs

Fernsehen für die Weblog-Generation: Kann das funktionieren? Natürlich, meint der neue US-Fernsehsender Current – und engagiert seine Zuschauer als freie Mitarbeiter.

Manche Schlagzeilen sind so gut, dass man sie einfach nicht mehr los wird. Zum Beispiel: Al Gore gründet einen Fernsehsender. Als Gore im Mai letzten Jahres den vor sich hindümpelnden Nachrichtensender Newsworld International kaufte, verbreitete sich diese Nachricht in den USA wie ein Lauffeuer. Gore versprach, die Station unter dem Namen IndTV als Jugendsender zu relaunchen. Nicht links, nicht rechts sollte IndTV sein. Kein Nachrichtensender, kein Musikfernsehen. Sondern: mutig. Und anders.

So weit so schwammig. In den USA war trotzdem die Freude groß. Viele versprachen sich davon ein Gegengewicht zum kriegstreiberischen Nachrichtenprogramm von Fox News. Schließlich war dies Al Gore. Der gute Mann hatte noch eine Rechnung offen mit Bush & Co. Und außerdem das Internet zwar nicht erfunden, aber doch vielleicht zumindest halbwegs verstanden. Als dann in den kommenden Monaten die ersten Details zum IndTV-Programm durchsickerten, horchten selbst Skeptiker auf.

Der Sender wollte im ganzen Land so genannte digitale Korrespondenten anstellen. Bewaffnet mit Digicams und neuen Ideen sollten sie über Themen berichten, die von den Mainstream-Medien ignoriert werden. Tausende bewarben sich für die Korrespondenten-Jobs. Hunderte nahmen an Casting-Show-ähnlichen Interviewveranstaltungen in Metropolen wie Los Angeles und San Francisco teil.

Was folgte, waren ein paar verwirrende Monate. IndTVs Führungsteam wurde gefeuert und durch ein paar alte Hasen des Mediengeschäfts ersetzt. Diese kippten als erstes das Korrespondenten-Modell. Man wolle mehr Flexibilität, hieß es dazu lapidar vom Sender. Der nächste Schritt bestand in der Umbenennung von IndTV zu Current. Weniger Indymedia, mehr Zeitgeist, sozusagen. Im Netz machte sich Verwirrung breit. Was wird da bloß aus Al Gore und seinem Fernsehsender?

Ach ja, Al Gore. Als Current im April diesen Jahres erstmals öffentlich angekündigt wurde, ließ Gore sich mal wieder im Rampenlicht blicken und verkündete: “Das Internet hat die Schleusen für junge Menschen geöffnet und gibt ihnen endlich ein Sprachrohr. Doch im Fernsehen kommen diese Stimmen noch nicht vor.“ Current werde dies ändern, so Gore. Und zwar, indem es sich vom Netz und seinen Trends inspirieren ließe.

Kids, Blogs und die TV-Folgen
Im Zentrum dieser Inspirationsquelle stehen für Current Video-Weblogs, auch Vlogs genannt. Der Sender hat sich von ihnen sein Erzählformat ausgeborgt. In bis zu fünf Minuten langen Videos, die schick Netz-affin als Pods bezeichnet werden, berichten freie Mitarbeiter und fest angestellte Produzenten über Politik, Kultur, Lifestyle, Musik und dergleichen mehr. Wie das in der Praxis aussieht, können US-Zuschauer seit dem ersten August nachverfolgen. Jedenfalls, wenn sie zu den siebzehn Millionen gehören, die Current ins Haus geliefert bekommen. Zum Vergleich: CNN kann in den USA von 89 Millionen Haushalten empfangen werden. Current versteckt sich zudem beim US-Satellitenanbieter DirecTV auf Kanal dreihundertirgendwas – nicht gerade ein Sendeplatz, über den Couch Potatoes per Zufall stolpern.

Aber zurück zum Programm. In bester Blogger-Manier präsentiert der Sender seinen Zuschauern ein buntes Durcheinander von Pods. Das Portrait eines Marathon-Läufers, ein bisschen Geek-Geschichte, Afghanistan, männliche Models, Hunderennen, Street-Art, Teenie-Sex, politische Cartoons. Alle halbe Stunde gibt’s zudem einen Newsblock, der anhand von Google-Trends das Tagesgeschehen erklären will. Noch wirkt das Ganze ein bisschen sehr zusammengefusselt. Zudem fehlt es Current offenbar an Themen, Verzeihung, Pods. Manche Beiträge wiederholen sich wie im Musikfernsehen im Zweistundenrhythmus. Andere tauchen nach Wochen immer noch und immer wieder auf.

Ändern will Current dies durch “Viewer-created content“, auch VC2 genannt. Der Sender unterhält einen eigenen Studio-Bereich auf seiner Website, auf dem Neugierige Produktionstipps und Equipment-Ratschläge bekommen. Wer dann so weit ist, kann seine Videos direkt bei Current hochladen. Die Clips erscheinen zuerst direkt auf der Website, wo sie von Zuschauern bewertet werden können. Was besonders gut und rechtlich einwandfrei ist, landet dann schließlich auch im Fernsehen.

So jedenfalls die Theorie. In der Praxis gab es einigen Zank um den ja an sich ganz sympathischen Ansatz. Der Grund: Wer seine Videos bei Current hochlädt, überlässt dem Sender mehrere Monate die exklusiven Rechte zur Veröffentlichung. Freie Mitarbeiter bekommen für ihren ersten ausgestrahlten Beitrag 250 Dollar. Wer stetiger liefert, kann bis zu 1000 Dollar pro Pod verdienen. Bezahlt wird allerdings nur, was auch den Sprung auf die Mattscheibe schafft. Currents Website umsonst mit exklusiven Inhalten versorgen? Eine Reihe von Vloggern findet diese Bedingungen unakzeptabel.

Gleichzeitig gibt es eine ganze Menge von medialen Selbstdarstellern, die Current mit Al Gores Offenem Kanal verwechseln. Da wäre zum Beispiel der Ex-General, der in Uniform und vor blauem Vorhang erklärt, wie schlimm doch die Jugend von heute ist. Oder die Improv-Performancekünstlerin, die ihre Selbstverwirklichung auf Video festhält. Oder der Typ, dessen Werke aussehen wie aus dem Rhetorikseminar der Jusos geklaut.

Aktuell oder nicht?
Currents größtes Problem ist allerdings, dass es oftmals seinem Namen nicht gerecht wird. Besonders auffällig wurde dies einen Monat nach dem Launch. In New Orleans stieg das Hochwasser. Tausende warteten auf ihren Dächern auf Helfer, die einfach nicht kommen wollten. Stattdessen kamen CNN, NBC und Fox News – und erinnerten sich plötzlich an ihren Auftrag. Angesichts von Entwicklungsland-Zuständen mitten in den USA fragten Reporter erstaunlich kritische Fragen.

Während die Mainstream-Presse aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte, war bei Current Business as usual angesagt. Extacy-Parties in Teheran, Paris Hiltons Hiptop, Mode, Teenie-Sex. In den Current-Foren machte sich daraufhin Unmut breit. So schrieb ein Zuschauer: “Ich erwarte nicht, dass dies wie CNN wird. Ich will auch keine Live-Berichterstattung. Aber wenn Current keine Pods über aktuelle Nachrichten hat, dann sind sie nicht current.“

Trotz aller Kritik bleibt Current als mediales Experiment interessant. In mehr als 20 Städten treffen sich bereits jetzt Monat für Monat Meetup-Stammtische von Current-Zuschauern und potentiellen Mitarbeitern und bringen dabei gerade diese Trennung zum Verschwimmen. Erfahrene Videoproduzenten helfen Newcomern, lokale Produktionsteams entstehen, man diskutiert gemeinsam Themenvorschläge.

In den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob Current es schafft, diese Entwicklung für sich zu nutzen. Das Potential ist da, aber die Gefahr des Scheiterns ist groß. Erzählformate wie Current kosten Geld, und für Geld braucht der Sender Investoren, Werbekunden und, genau, ein Publikum. Doch selbst wenn Current scheitern sollte, könnte es ein Vorbote für netzgestützten Bürgerjournalismus sein. Schließlich ließe sich das Gleiche auch prima als Online-Station realisieren. Zum Beispiel mit Bittorrent und RSS, aber ganz ohne die Abhängigkeit von Satelliten- und Kabelanbietern. Ach ja, und ohne Al Gore.

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Elektronische Lebensaspekte.