Wie hypermoderne Hochtechnologie aus Industrielabors: Current Values Drum and Bass spricht von einer düsteren Zukunft, in der jede Wärme am menschlichen Größenwahn erstickt ist.
Text: florian sievers aus De:Bug 56

Drum and Bass ist nicht exzentrisch und ausschweifend, nicht bacchantisch und orgiastisch, nicht verspielt und experimentell. Zumindest nicht bei Current Value. Klar, auch mehr als sechs Jahre nach der Erfindung dieser Musik splittern auch hier noch Drumschrapnelle über Bassmassive und entfalten Traktion für die Tanzfläche. Aber wo der Drum and Bass von anderen vielleicht wie Jazz ist oder wie Punk, ist er bei Current Value so präzise geschliffen, solide geschraubt und wuchtig genietet wie hypermoderne Hochtechnologie aus Industrielaboratorien. Wenn Current Value-Macher Tim Hielscher über seine Musik spricht, dann gebraucht er Formulierungen wie “Disziplin”, “Durchexerzieren von Ideen” oder “akurate Ausführung” und sagt Sätze wie: “Man muss sich dahintrimmen, die Ideen und Gefühle, die im Kopf ablaufen, schnell und effektiv umzusetzen.” Nach diesem Grundsatz arbeitet der 25jährige Berliner an einer unsubtilen Demonstration der Macht von Breaks und Bässen – und die Musik, die dabei herauskommt, wirkt, ebenso wie ihr konzentrierter, ruhiger, ernsthafter Macher, irgendwie sehr deutsch.

Aber, um das hier sofort ganz klar zu stellen: jede Art von Deutschtümelei, von platt-posigen Aussagen wie “German Engineering” (Panacea) oder von Politik überhaupt liegen Tim so fern wie verkiffte Jamsessions. Es geht ihm nur um Effizienz und Effekt. Schon als kleines Kind lernte er beim Klavierspielen Selbstdisziplin. Vor neun Jahren dann brachten ihn ausgerechnet Marushas Radiosendungen zu elektronischer Musik. Über “Radio Massive”, eine Drum and Bass Show auf Berlins Radiosender “Kiss FM”, kam er schließlich zu Drum and Bass und Don-Q aus Hamburg. Von dort wurde er zu Position Chrome weitergereicht, “weil recht schnell klar wurde, dass meine Arbeit eine härtere Plattform brauchte”. Und nach mehreren Maxis und drei Alben bei dem Force Inc.-Ableger erscheint jetzt die vierte Platte “Beyond Digits” auf dem Berliner Label Klangkrieg – weil Position Chrome kein Vinyl mehr produzieren wollte und er sich doch als DJ-Tool-Lieferant versteht. Vom restlichen Labelprogramm wie dem Japan-Krch von Sonic Dragolgo oder der “American Breakbeat”-Crew (siehe gleichnamige Compilation auf Klangkrieg) distanziert sich Tim aber ausdrücklich: Das ist ihm zu unsauber und unfokussiert.

The Hard Way

Drum and Bass dagegen interessiert ihn auch heute noch, weil man zum Produzieren “unglaublich viele Skills” benötigt, schnelle Reflexe etwa, Rhythmusgefühl und Präzision, und weil ihm die engen Grenzen des Genres eine brauchbare Versuchsanordnung bieten. “Es gibt halt viel Musik, die einen verkommen und verweichlichen lässt”, sagt Tim. “Aber das ist eine Musikrichtung, bei der man immer sofort auf den Punkt produzieren muss.” Dabei scheint es für ihn eine Art handwerkliche Ehrensache zu sein, dass er seine Bassdrums nicht einfach irgendwo raussamplet sondern komplett selber bastelt. Current Value Musik handelt vom Mangel an Bescheidenheit bei den Menschen, die heute ernsthaft glauben, sie könnten sich mit ihrer Technik über die Natur stellen, obwohl sie doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe sind. Weil der Mensch dabei untergeht, sprechen hier, wie bei einem düsteren Menetekel, nur noch die Maschinen miteinander. “Kleinmachende Maschinenpark-Atmosphäre ohne menschliche Handreichung”, charakterisiert Tim das. Aber eigentlich liegt ihm Rumphilosophieren nicht, und darum erzählt er auch noch schnell ein bisschen davon, wie sehr ihn Videospiele inspirieren. Das hört man seiner Musik auch an. Egoshooter, Kampfrobotersimulationen oder rasend schnelle Gleiterrennen vermutlich.

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Text: sebastian eberhard aus De:Bug 11

Current Value Sebastian Eberhard Fotos: Claudia Burger Wenn man genau hinschaut, passieren manchmal riesengroße Dinge. Current Value hatte ein erstaunliches Debut mit einer 12″ ãFalling Into It” auf Don Q. Danach erschienen zwei 12″ auf Chrome und jetzt sind drei Tracks von ihm auf der Extreme Q Compilation. Schon jetzt darf man beruhigt von einem eigenen Stil sprechen und auch von einer möglichen Zukunft. Alles sehr digital und messerscharf und unkonventionell am dem immer schmaleren sich nach vorne bewegenden Rand von Drum & Bass. Irgendwo in Berlin Mitte saßen wir dann in seinem Bedroom Sudio, um uns ein wenig zu unterhalten. De.Bug: Wie hat alles angefangen? Current Value: Vor 15 Jahren habe ich angefangen Klavier zu spielen. Auf den Wunsch meiner Mutter hin. Letzendlich habe ich alles meiner Mutter zu verdanken. Vielleicht ist es so. Dann haben wir uns ein Klavier gekauft und ich habe regelmäßig Unterricht genommen. Ich habe eine klassische Klavierausbildung und eigentlich mache ich das heute auch noch. Und dann hatte ich noch den Wunsch andere Musik zu machen und das fing dann mit einem Casio 656 mit 100 Rhytmen und 100 Klangfarben an. Dann habe ich irgendwann mitbekommen das es noch so Sampler und Syntheziser gibt. De.Bug: Wann hast du damit angefangen zu arbeiten? Current Value: Das war so ca. vor sechs Jahren. Ich habe mehr und mehr Technik angehäuft. Dazu muß man dann noch sagen, daß ich mehr aus dem Technobereich komme. Ich habe eigentlich gerne Gabba und Hardcore gemacht. Vor einem Jahr habe ich dann angefangen mit Drum & Bass und habe gemerkt, daß das viel leichter geht und viel mehr Spaß macht. Irgendwann habe ich die Hürde überwunden hinter die Magie der Beats zu kommen, daß man weiß wie sie aufgebaut sind und wie man sie arrangieren kann. Seit einem halben Jahr geht es weitergehend vor allem darum, daß ich die Sounds selber mache. Angefangen mit der Wellenform, daß ich meine Snare und irgendwann meine Bassdrum und irgendwann meine HiHats mache und die Beats dann hinterher arrangiere um dann Stücke zu machen die rein synthetisch sind, die sich vielleicht teilweise nach bekannten Loops anhören oder ein bißchen das Flare haben, aber alles aus dem Computer und dem Synhesziser kommt. De:Bug: Hast du schon vorher etwas veröffentlicht? Current Value: Ich habe mal Stücke im Plattenladen um die Ecke abgegeben, aber der meinte dann da fehlt der Druck und es hätte bei 100 Herz viel zu wenig Energie. Das war mir dann zu blöd. Da hatte ich dann nicht mehr so viel mit Techno am Hut, die Sounds sind immer noch tief in der Technowelt zu finden, sie sind weder oldschoolig oder D’n B mäßig oder Hiphop sondern sehr technoangelehnt. De:Bug: Was machste denn sonst so, gehst du aus, sprühst du (hängt so ein Graffiti an der Wand)? Current Value: Ich sprühe nicht, aber mein Bruder. Der ist ein.. HipHopFan…Ja ein HipHopper… Ist aber nicht so mein Fall… Das ganze Flare ist ein anderes .. Bloß nicht synthetisch, schön akkustisch möglich, auch die Bässe, am liebstem alles Instrumental. So kommt es mir zumindest vor, wenn ich so HipHopPlatten höre. Da fällt mir dann immer auf wie sehr die Jungs den Computer zu hassen scheinen oder eigentlich dagegen sind Sachen zu innovieren, was man mit dem Computer natürlich hervorragend kann. Ja ausgehen tue ich wenn es hochkommt einmal im Monat und das liegt daran, daß ich immer ein bißchen traurig werde, wenn ich in den Clubs bin. Da höre ich teilweise so gute Platten , daß es mich manchmal ein bißchen runterzieht. Mittlerweile ist es nicht mehr so… Zum Glück… Also ab und zu gehe ich jetzt dann doch mal öfter.. und nicht nur in den Buncker zu Gabbanation.. Gibts auch nicht mehr leider. War korrekt zum Abtanzen und Schwitzen, da mußte man sich nämlich keinen Kopf machen und man konnte alles rauslassen. Als Inspiration ist es ganz gut mal neue Sachen zu hören und zu gucken was machen die für Musik um festzustellen, daß die Musik meistens extrem auf den Club zugeschnitten ist, daß z.B. Bässe unter 40 Herz einfach nicht sinnvoll sind. Meistens machen die diese Sinuspitchbässe bei denen nichts anbrennt. Wenn du keinen Club hast der mit der Anlage unter 50 Herz kommt, dann nimmst du immerhin noch den oberen Sweep der Bassline mit und wenn du so stehende Bässe hast wie ich das häufig mache, dann läufst du natürlich Gefahr, wenn du unter 40 Herz gehst, das gar nicht zu hören. Da gibt es dann nur ein schönes Obertonspektakel. Und es ist auch manchmal gut paar Leute zu treffen, wie bei der Extreme Q Party letzten Donnerstag. Von Minidisc mal einen Track abfahren und gucken wie der so kommt. De.Bug: Möchtest denn du denn Musik mehr für Clubs machen oder hast du eine andere Idee? Current Value: Es ist gut und sinnvoll wenn man die Musik auf den Club zuschneidet und sie trotzdem richtig gut ist. Es ist natürlich perfekt wenn man von der Musik alles hört.. das meine ich rein technisch… Nicht das man zu Hause sitzt und denkt, ãgut die Bässe” und im Club denkt, ã schade das man davon nichts hört”. De.Bug: Was ist denn deine Hauptidee Musik zu machen? Current Value: Wahrscheinlich Macht auszuüben.(lacht).. nee ist wirklich so. Habe mir das mal lange überlegt und wirklich und letztendlich läuft es darauf hinaus. Irgendwie hofft man, ich mache zwar meine Sache egal ob Leute zuhören oder nicht. Aber ein Musiker übt immer Kontrolle über sein Publikum aus, wer immer auch anwesend ist, er bringt dabei seine Gedanken und sein Gefühlswelt rüber. Man versucht die Leute zu manipulieren. Der Kribbel dabei ist, daß man die Freiheit der Macht hat. Leute für sich zu gewinnen oder abzustoßen, oder zumindest irgendetwas zu bewegen Vielleicht auch etwas unterbewußt zu bewegen und diese Ebene anzusprechen .Nachts einen Traum zu haben, daß irgendein Bastard von links nach rechts durchs Fenster geschossen kommt und genau das ist doch richtig spannend und nicht zu vergessen: Es macht mir Spaß. Ich sehe mich nicht als Musiker, der ins Mikrofon brüllt und sagt von mir geht alles aus, sondern ich habe Respekt vor Computern und vor dem was man alles mit denen machen kann. Letzendlich kontrollieren die mich auch wieder. Wenn ich auf der Suche nach Sounds bin, dann passieren natürlich Dinge zu denen ich sage ja so möchte ich demnächst Musik machen oder es könnte eine neue Richtung sein. De.Bug: Du meintest mal, du würdest die Sounds gerne noch irrenhausmäßig elektronischer machen? Current Value: Das ist auch noch so eine Sache.Ich glaube, daß ich das, was ich im wirklichen Leben nicht ausleben kann… ich war nie besonders waghalsig… im Sportunterricht, wenn es darum ging einen Salto zu machen, habe ich das nicht gemacht.. das kann ich in der Musik ausleben. Ein Snowboarder fährt eine 50 Grad Steilhang runter und das bringt ihm den absoluten Kick und ich sage dazu lieber nein danke und dafür muß sich das woanders abspielen. Ich bin also auf der Suche nach dem Kick. Mit irrenhausmäßig meinte ich eben, das es halt so richtig abgeht und ich habe manchmal das Gefühl, daß die Sachen zu brav klingen, zu ordentlich. Weil ich ein ordentlicher Mensch bin werde ich auch beim Produzieren ein bißchen runtergedrückt und kann nicht so wirklich ausbrechen, aber es gibt Leute die so produzieren können, die trotzdem alles absolut im Griff haben. Es ist schon selten das man so zufrieden ist, das ist immer nur für den Moment aber es ist klar: Es geht weiter De.Bug: Wie stehst du zu den englischen Sachen? Current Value: Die verdienen den vollen Respekt, man nimmt einen Teil der Ideen mit, weil die das ziemlich gut drauf haben. Renegade Hardware z.B. . Musik für den Club, Leute zum Tanzen zu bewegen, man kann einfach nicht stillhalten, und das mit dem Groove, das was man hier ein bißchen vermißt die Intuition beim Musik machen. Das aus England klingt alles organisch und groovt und die machen sich keinen Kopf und dann ist es halt ein einfacher Beat aber er ist besser, eingängiger, beliebter. Also vom Sound sind sie auf jeden Fall ein Vorbild, von den Ideen vielleicht nicht so sehr. Source Direct gefallen mir gut. Die sind zerschnipselter und nicht unbedingt clubgeeignet. Die machen halt keinen Two Step sondern so kompliziertere Sachen. Reinforced machen z.B. unheimlich gute Platten, aber nicht besonders neu oder bekannt oder gewagt. Die wagen sich nicht so weit vor wie sie es viellecht könnten. Das sind wahrscheinlich nich so Freunde der Digitalmonstermusik. De: Bug: Was wird denn demnächst von dir erscheinen? Current value: Extreme Q auf Don Q ist jetzt draußen, und drei von neun Tracks sind von mir. Ende Mai kommt ein Soloalbum auf Chrome raus mit dem Namen ãFrequency Hunt”. Das wird eine CD mit neun Tracks, von denen sechs auf Doppelvinyl gepresst werden. Tracks habe ich sonst noch ziemlich viele rumliegen De Bug: Wieviele Tracks machst du so? Current Value: Einen Track pro Woche , sonst fühle ich mich nicht wohl.

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