Curse - Mindens Finest MC über Feuer und Wasser, Liebe und Wut und andere Sinnstifter. HipHop zwischen Battle und Erkenntnissuche.
Text: jan kage [jan.analog@debug-digital.de] aus De:Bug 34

/hiphop/ Bipolar Opposites Curse Panta Rei. Alles fliesst. Der Fluss ins Meer. Die Zeit nach vorne. Der Text über den Beat. Und alles schwingt. Der Strom im Kabel. Die Schaukel auf dem Spielplatz. Die Zeit zwischen Ruhe und Stress. Und die Bedeutung zwischen den Zeilen. Yin und Yang. Das Schwarze und das Weisse. Das Weisse im Schwarzen und vice versa. “Ich mach sogar Schwarzen alles weiss!” (Curse) Curse-Energie fliesst zwischen den Polen Liebe und Wut. Die Liebe zum Leben, zu HipHop und die Wut des einsamen Gerechten, auch wenn er sich nicht als den wütenden Propheten sehen will, der streng zu sich und den seinen ist. Curse ist doch ein autobiographischer Rapper mit Anliegen. Das ist gerade in Zeiten erfreulich, wo sich deutschsprachiger HipHop als Massenphänomen etabliert und scheinbar überall MCs mit respektablen Skills aus dem Nichts spriessen. Bloss zu sagen haben die wenigsten etwas. Wer will denn schon auf Albumlänge in dutzendfacher Variation hören, wie geil der Solo-MC ist? Themen müssen her! Und diejenigen, die hierzulande HipHop momentan am prominentesten verteten, haben dies begriffen. Curse: “Ich liebe natürlich auch Battle Reime. Aber die sind für mich wie ein Tisch. Ein Tisch muss ordentlich geschreinert sein. Der muss vom Style gut aussehen, aber wenn du ihn nicht benutzen kannst, ist er kein guter Tisch. Battle-Rhymes sind sehr handwerklich. Du zimmerst einen Tisch zusammen, der vom Design her fett, aber solide gearbeitet ist.” Mindens Finest MC Curse hat soeben sein Debutalbum “Feuerwasser” vorgelegt. Wieder zwei gegensätzliche Pole, die sich in seinem Universum bedingen und zwischen denen sein Kosmos schwingt. “Feuerwasser” beinhaltet Curse’ meist sehr persönliche Einsichten, wie brennende Battle-Styles. Feuer und Wasser oder vice versa. Battle: der Track “Seance” featuring die im Moment zu Recht überall repräsantierten Stieber Twins und die Arsonists, die im Moment eh alles rulen, was mit B-Boy-Styles zu tun hat. Curse: “Wir haben “Seance” bei den Stiebers aufgenommen. Ich wollte den Track eigentlich nur mit D-Stroy von den Arsonists machen, aber der kam dann mit Shabazz the Disciple eingeritten. Die wollten unbedingt mitmachen. Ich hatte zuerst Bedenken, wegen der Kohle und so, aber die meinten nur, sie hätten meinen Shit gehört und würden den fett finden und Geld wär kein Thema, was dann auch wieder eine Ehre für mich war. Wir haben den ganzen Tag und die ganze Nacht da gesessen, geschrieben und aufgenommen und irgendwann meinte Shabaz: “Ey, wie heisst das, wenn man cyphert und die Geister kommen zu einem?” Und D-Stroy sagte: “Seance”. Bamm und wir hatten den Titel.” Auch wenn man in dieser Redaktion nicht gerne von Geist hört und dessen Existenz anzweifelt: wenn er für die Produzenten Sinn macht, muss er erwähnt werden. Genau wie Gott. Ein wichtiger Begriff für den 21jährigen Curse und seine Suche nach Weisheit. Wie einem Gott aber beisteht, bleibt unbestimmt. Mal wird er auch Allah genannt und oft scheint er Synonym für Liebe zu sein. Liebe ist natürlich eine Haltung zum Leben. Curse: “Ich glaub halt einfach an Gott. Das war immer so. Keine Ahnung.” Manche Begriffe müssen wohl ungefähr bleiben. Und manches muss paradox bleiben: Liebe und Wut – Feuer und Wasser. Das Ungefähre ist o.k. Aber die Gradwanderung zwischen den Polen ist auch immer ein Tanz auf Messers Schneide, bedroht vom Absturz in den Kitsch oder die Nervigkeit. Wie auch beim Soul ist es beim HipHop so, dass nur derjenige, der es versteht, seine Seele in seinem Werk freizulegen, und dies ästhetisch umsetzen kann, ein Geschenk an das Publikum ist, weil er für alle nachvollziehbar wird. Das erfordert erstmal Mut und dann ein gewisses Mass an Ästhetik und hat nichts mit Authenzitätsterror zu tun. Es ist der Bericht vom Leben und die künstlerische Umsetzung des Lebensstils als Haltung zur Welt. Das ist schön wie schlicht. Curse’ Haltung ist die Liebe. Hin und wieder schimmert das Motiv Verletzung auf, wie bei dem Track “Wahre Liebe”, wo die Gradwanderung hart attackiert wird und das Produkt ein wenig Richtung Kitsch zerrt. “Glaubst du wirklich an die wahre Liebe/glaubst du wirklich, dass die Menschen blieben, wenn die Fassade fiele?” Ob das nun Leben ist oder Verunsicherung? Wer kann das überhaupt auseinanderhalten? An erster Stelle hat Curse die fettesten Flows. Curse Reimstil ist meistens atemlos. Eng gesetze Rhymeflows, präsentiert mit wirklich tighten Skillz, was mich in meinem Review mutmassen liess, Curse habe bei der Produktion nachgeholfen, in dem er seine Zeilen beim Aufnehmen gegeneinander schneidet, also immer mit mindestens zwei Takes arbeitet. Curse: “Ich habe gar nicht so viel gepuncht. “Wahre Liebe” zum Beispiel ist in einem durchgerappt.” One breath, one life, one love, one death. Alles ist im Fluss und alle haben eine Mutter.

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Elektronische Lebensaspekte.