London hat mal wieder einen Hype, diesmal aber einen gerechtfertigten: Fidget House. Jesse Rose gibt als Künstler und Labelchef die zappelige Richtung vor.
Text: Heiko Behr aus De:Bug 94

Cut Up bei Morgengrauen – Jesse Rose

Jesse Rose ist mit seinen 26 Jahren schon ein Veteran. Er arbeitet seit nunmehr dreizehn Jahren als DJ. Und gilt als Vorreiter einer Szene, die die flinken britischen Trendblätter ”Fidget House“ genannt haben. Was steckt hinter dem Mann?
Jesse wächst in einem sehr musikalischen Umfeld in London auf, er wird mit Motown Soul und Jazz groß und lernt von seinem Vater das Improvisieren. Mit 14 zieht die Familie nach Bristol, wo Jesse Jamie Anderson kennen lernt. Die beiden organisieren eigene Parties und legen dort auf – Chicago House, frühen Detroit Techno. Sein großes Ziel damals: einmal bei Kiss FM und im Ministry aufzulegen. Um es mit Jesses eigenen Worten zu sagen: ”Mit 17 hatte ich das dann erledigt.“ Anfang der 90er Jahre begann er, mit seinem besten Kumpel Jamie und AJ Scent die ersten Tracks zu machen, allerdings war er zunächst nur für ”Vibes“ und ”Ideen“ zuständig, ohne wirklich Hand anzulegen. Als die Technologie voranschritt und der Laptop sich breitmachte (und im gleichen Maße aufwändige Studios mit tonnenweise Spezialistenequipment überflügelte), war es dann soweit: Jesse produzierte seine ersten Tracks selber. Das war 2000.
Machen wir einen Zeitsprung vor Begeisterung: Heute ist Jesse Labelboss (Frontroom Recordings und Loungin` Records), er besitzt die PR-Firma “Cause and Effect“ und bereist als DJ wochenendlich Europa. Wie geht das? Jesse erzählt: “Ich habe einen
ziemlich strikten Zeitplan, um das mit den Labels zu stemmen, die PR-Firma zu betreiben, zwischendurch Mixe und Produktionen zu basteln und dann auch noch Zeit für meine mehr als geduldige Freundin aufzubringen. Irgendwie scheint es zu klappen, obwohl es natürlich sehr hart ist, morgens um sieben im Studio zu stehen. All das hat wohl meine Musik und meinen Style beeinflusst, wenn ich mehr Zeit zum Chillen hätte, vielleicht würde ich dann ja Downtempo machen!?“
Davon ist er momentan weit entfernt. Die bereits erwähnte Kategorisierung trifft es ganz gut (“fidget“ heißt soviel wie nervös, unruhig, zappelig). Auch wenn sich Jesse im Laufe der Jahre durch Minimal Sounds, den HipHop-Sound der Piratenradios, Detroit-Techno und Drum and Bass beeinflussen ließ, bei seinem Output lässt sich tatsächlich immer eine große Portion Soul ausmachen – allerdings auf 4/4 Housetakt gehoben und mit so wirren wie eingängigen Cut-up-Samples versehen. Logischerweise wird er also auf der Insel gefeiert – was Jesse nicht groß aufzuregen scheint: ”Naja, die Presse ist immer glücklich, wenn sie ein paar Produzenten zusammenpackt und dem Ganzen dann einen Namen geben kann. House wurde ein wenig schal und dann kamen wir und haben all dieses verrückte Zeugs eingeschoben und haben allen damit einen richtigen Arschtritt verpasst.“ Hinter diesem ”Wir“ von Frontroom Recordings verstecken sich neben dem erwähnten Jamie u.a. auch der Berliner Stefan Goldmann, Trevor Loveys, Solid Groove und Lee Mortimer als neustes Signing. Auf dem benachbarten Loungin´Recordings hingegen vergraben sich Trevor Loveys, Graeme Sinden, Domu, Art Bleek und Max Fresh in Broken Beats, Nu Jazz, Off Kilter House. Verwirrend? Sicherlich. Spannend? Auf alle Fälle. Noch einmal Jesse: “Eigentlich gibt es keine Verbindungen zwischen den Labeln, abgesehen von den Künstlern, aber da ist dann trotzdem der Sound unterschiedlich. Wir wollen das auch gar nicht verbinden, darum spiele ich eigentlich nie bei Loungin` Events und Chris und Graeme spielen nicht bei Frontroom Events. Es geht uns darum, ehrlich zu sein mit dem Sound.“ Ach ja, er hat gerade ein drittes Label eröffnet: Made to play.

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Elektronische Lebensaspekte.