Die vier HipHopper von Cyne haben die besten Voraussetzungen, um Indie-Electronica-Hop zu machen. Aber genau das fänden sie langweilig und destillieren aus ihrem Hintergrund von Bad Brains über Jim O'Rourke bis Nas lieber lupenrein klassischen HipHop.
Text: Johannes Schardt aus De:Bug 95

Breit und tief
Cyne

Als ich Michael Gersten, ein Viertel der HipHop Gruppe CYNE, zum ersten Mal traf, kam er gerade aus dem Mastering Studio. Mit ansteckender Begeisterung erzählte er mir, was für ein unglaubliches Gefühl es war zu erleben, wie ihre Musik in Vinyl geritzt wurde. Seine Augen leuchteten wie die eines kleinen Kindes kurz vor der Weihnachtsbescherung.

Anderthalb Jahre nach dieser Begegnung erscheint nun der zweite Longplayer von CYNE und die Leidenschaft, die damals aus Michaels Augen funkelte, rollt jetzt mit jedem Beat durch die Lautsprecher. Hört man “Evolution Flight”, vermag man sich vorzustellen, wie jemand stundenlang Plattenstapel durchforstet, um das passende Sample zu finden. Wie einzelne Soundschnipsel so lange herumgeschoben werden, bis daraus der perfekte Loop entsteht. Man spürt, dass jede Silbe mit Bedacht gewählt ist; dass an den Reimen akribisch gefeilt wurde, bis jedes Wort seinen rechten Platz fand. Man kann erahnen, welch liebe- und mühevolle Detailarbeit in einem Track steckt, der so locker, so rund, so flüssig und elegant klingt, dass er den Kopf zum Nicken und das Herz zum Hüpfen bringt.

Irgendwo zwischen den Extremen Mainstream- und Underground-HipHop haben die beiden Emcees Clyde und Akin und die Produzenten Dave und Michael eine bequeme Nische gefunden, die sie nun schon seit 4 Jahren kontinuierlich kultivieren. Während dieser Tage viele versuchen, die Grenzen von HipHop zu dehnen, zu brechen und aufzuweichen, fühlen sich die vier aus Florida sehr wohl in diesem abgesteckten Territorium. Denn statt nach links oder rechts arbeiten CYNE in die Tiefe.

Ein Gepräch mit Michael Gersten aka Speck.

Michael, von dir weiß ich, dass du – neben HipHop – sehr viel andere, unterschiedliche Musik hörst. Ist das bei den anderen drei auch so?

Oh ja, wir sind alle Fans von verschiedensten Arten von Musik. Akin, Clyde, Dave und ich tauschen ständig Musik untereinander aus. Ich habe Akin Soft Machine näher gebracht, er hat mir Bonga Angola schmackhaft gemacht. Ich gebe Dave eine Jim-O’Rourke-Platte, er leiht mir Bad Brains. Clyde bekommt von mir das Telefon-TelAviv-Album und er brennt mir eine CD mit japanischen Camp-Lo-Veröffentlichungen.

Eine ziemlich breite Palette an verschiedensten Einflüssen, trotzdem macht ihr aber HipHop in seiner reinsten Form. Es gibt keine Exkursionen in Indierock oder Electronica-Gefilde, die man ja heutzutage oft hört und die bei eurem Background, den du gerade geschildert hast, ja durchaus möglich wären.

Ich denke, das rührt hauptsächlich daher, dass wir das meiste von diesem “neuen” HipHop einfach nicht mehr hören können. Vieles ist so nichtssagend, der “Soul” fehlt. Ich habe oft das Gefühl, dass dieses “anders” oder “experimentell” Klingen ein reiner Selbstzweck ist.
Aber das entscheidende ist, dass der klassische HipHop unser gemeinsamer Nenner ist. Leute wie Nas, Biggie, Wu Tang, Gangstarr, De La Soul usw. hatten einen riesigen Einfluss auf uns vier. Außerdem sind wir alle fasziniert von dem Prozess, soliden, “klassischen” HipHop zu produzieren.

Beschränkt ihr euch daher auch bewusst auf die traditionellen HipHop-Produktionsmethoden?

Wir haben auch schon Ableton Live ausprobiert und Dave hat kürzlich angefangen mit einem Micro Korg Synthesizer rumzuspielen, aber am Ende landen wir dann doch immer bei unseren MPCs. Wenn jemand sein ganzes Leben lang Gitarre gespielt hat, fühlt er sich wahrscheinlich auch komisch, wenn man ihm eine Trompete in die Hand drückt. So geht’s uns auch. Wir lieben Vinyl und unsere MPCs. Das sind die Werkzeuge, mit denen wir am besten und am liebsten arbeiten. Und es ist auch schon eine bewusste Einschränkung von uns, nur mit Samples zu arbeiten.

Es gibt aber auch zwei Stücke mit Live-Instrumentation auf eurem neuen Album.

Ja, richtig. Nicht komplett live aufgenommen, aber einige Spuren wurden mit echten Instrumenten eingespielt.

Warum?

Nunja, wir haben bei diesen zwei Songs auf Live-Instrumentierung zurückgegriffen, weil wir nicht die Samples finden konnten, die wir uns vorgestellt hatten. Aber auch die Herausforderung, mit anderen Musikern aufzunehmen, hat uns gereizt. Es waren auch alles Musiker, die wir sehr respektieren und von denen wir wussten, dass sie verstehen, was wir wollten.

Als da wären …

Für “Plight About Now” hat Femi, ein Freund von Akins Familie, Percussions aufgenommen. Er spielt in einer Afrobeat Gruppe und war in den letzten 20-30 Jahren schon in unzähligen Bands und Recording-Sessions beteiligt. Er ist unglaublich talentiert und hat sofort die Atmosphäre des Songs erfasst. Wir haben ein paar Mikrophone in meinem Wohnzimmer aufgestellt und ihn dann einfach ein paar Stunden machen lassen.
Auf dem gleichen Stück ist auch Mike Maines zu hören, der ein phantastisches Studio in Gainesville hat. Er hat die außerordentliche Fähigkeit, alles aufnehmen zu können und gut klingen zu lassen. Mit ihm zu arbeiten war also ein Kinderspiel. In einer Nacht nahm er 16 Spuren Trompeten auf und schaffte genau das, was wir im Kopf hatten: Es groß klingen zu lassen.
Der zweite Song mit Live-Instrumentierung ist “Growing”, die erste Single aus dem Album. Drei Musiker von The Mercury Programm sind darauf zu hören. Alles Freunde von uns, die damals in unserer Nachbarschaft wohnten. Wir waren sehr neugierig, wie eine Kollaboration mit ihnen klingen würde, und so gaben wir ihnen ein skizzenhaftes Demo des Songs. Dann schleppten sie Vibraphon, Rhodes und Bass in meine Wohnung und wir nahmen innerhalb von ein paar Tagen alles auf.
Aber am Ende haben wir versucht, alle live eingespielten Takes so gut wie möglich als Samples zu maskieren.

Die Ästhetik des Samplings ist euch also sehr wichtig?

Diese Ästhetik ist auf jeden Fall etwas, zu dem wir uns hingezogen fühlen. Der Klang, die Rundheit, die Wärme des Vinyls und auch die Herausforderung, einen komplett neuen Sound aus verschiedenen Quellen zu kreieren. Das Kombinieren und Schichten von Tönen, Rhythmen und Strukturen aus unterschiedlichen Zeiträumen und musikalischen Genres hat etwas tief Befriedigendes und kann sogar süchtig machen. Und auch das “digging for records”, das Aufspüren von neuen Samples, ist etwas, das zu einer Obsession werden kann.

Mit eurer Musik steht ihr bei City Centre Offices aber bisher ziemlich alleine auf weiter Flur da. Habt ihr euch bewusst für ein Label ohne HipHop-Kontext entschieden?

Naja, schon mit Beta Bodega hatten wir ja ein Label, das sich über elektronische Veröffentlichungen definierte. Wir waren eine Art Experiment, bzw. der nächste Schritt und so wurde das Sublabel Botanica del Jibaro aus der Taufe gehoben.
Jetzt auf City Centre Offices stechen wir natürlich etwas heraus, aber unser Ansatz und unsere Einflüsse decken sich doch sicherlich mit vielen Künstlern des Labels. Die Jungs von CCO bieten uns eine sehr angenehme und offene Umgebung, in der wir unsere Musik veröffentlichen können – und genau das ist, was wir wollen.

In einem solchen Kontext ist es wahrscheinlich auch einfacher, Hörer zu finden, die nicht ausschließlich aus der HipHop-Szene stammen.

Genau. Und das ist auch unser Wunsch. Wir sind ja selbst Fans von so unterschiedlichen musikalischen Stilen, daher hoffen wir, dass unsere Hörer eine ähnliche Offenheit für Musik haben. Wenn wir es schaffen, eine sehr heterogene, breite Hörerschaft anzusprechen, waren wir erfolgreich.

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Elektronische Lebensaspekte.