Text: h Volker Tisken aus De:Bug 07

“Jeder Haushalt Ein Label – Ich Glaube, Diese Idee Ist Ganz OK” Dirk Mantei (D-man) im Gespräch mit Volker Tisken (vt@ucon.de) HD 800 begann mit einem Verwirrspiel, das aufgelöst werden müsste: Im Winter 95/96 feierte Heidelberg Geburtstag. 800 Kerzen – ganz schön heftig. Im Festprogramm auch einige Exoten. Zum Beispiel Kunst- und Videoinstallationen in leerstehenden Ladengeschäften des neugebauten BG Chemie Komplexes. Die Vernissage fand nachts statt – organisiert und beschallt von D-man, dem Source Kral und weiteren Assoziierten. HD 800 war eine geile Party. Der Mix aus Fun und dem, im nabelschauverliebten Heidelberg gerne inszenierten Sehen und Gesehen werden. Aber dann folgte der neue Club des milk! Manns: HD 800 im Connexion / Mannheim. Was sollte nun das? HD stand nicht mehr für 06221, sondern für high definition. Und inzwischen steht HD auch für die Hard Disk im Mac von D-man. Heraus quellen die Vinylveröffentlichungen des low profile Labels “HD 800 track” und die Projekte des HD 800 channel. Mal sehn, welche Bedeutungsmutationen HD noch annimmt… Schlechte Karten für ein Interview: Zwei Musikmaniaks laden mich ins Studio ein, wo sie eigentlich ein Arbeitsdate haben. Trotzdem nimmt Dirk sich erst mal Zeit für mich. Tom Trommler setzt sich in den Sessel im Hintergrund und macht sich locker. Musik und Gespräch halten sich ziemlich die Waage. Da Papier kein Multimediapotential hat, wird das Leseerlebnis also erst richtig umfassend, wenn folgendes Material oder die entsprechenden Derivate im Hintergrund akustisch abrufbar sind: 1. Barjazz mit Begleitautomat (BMB). 2. Die Beat Platte der Stieber Twins, auf der Samples aus BMB zu groovigen Loops morphen. 3. Studioaufnahmen von Eberhard Ditzner (drums) und Marc Buhre (bass) mit tschechischen Plattenkartons als Drums (weil Dirk dabei “eine saugeile Kontrolle über den Sound hatte”). 4. Samples und Loops auf der HD 800. 5. The Beach Boys (verdammt, ich hab den Namen vergessen, aber es ist diese Edelveröffentlichung)… ”BMB war für ein halbes Jahr unser führendes Projekt”, beschreibt Dirk, wo das HD 800 studio gerade steht. “Marc hat das CD-Cover fertig – alles liegt in den letzten Zügen…dabei fand ich die Information interessant, daß 70 Prozent aller Deutschen einen CD-Player haben, aber nur 50 Prozent aller Deutschen CDs kaufen…wann hast du deine letzte CD gekauft?” VT: “Am 10. Oktober.” D-man:”Ey, wir haben schon Ende November – des wesch du noch so genau?” VT: “Für einen Freund zum Geburtstag. Für mich kauf ich schon seit Monaten keine mehr, weil ich keine Kohle hab.” D-man:”Tja, das geht wohl vielen Leuten so im Moment…” Das war jetzt kein klassischer Einstieg in ein Interview – aber wichtig. Im Studio wurde im ganzen letzten Jahr ziemlich klarstrukturiert gearbeitet. Vormittags die Stiebers, abends BMB, an den Wochenenden der HD 800 Club. Die Struktur muß sein, denn bei HD 800 track, HD 800 remix, HD 800 channel hier wird BMB erscheinen könnte sonst was zerwabern. D-man:”Der HD 800 Club versucht interessanten Rock und Elektronik zu verbinden. Er soll kein stromlinienförmiger Techhnoclub sein! Oder vielleicht ist es auch genau das, was wir sind – ein stromlinienförmiger Technoclub. Und manchmal hab ich das Gefühl, daß wir der einzige sind auf der Welt…obwohl ich mir habe sagen lassen, daß es noch andere gibt. – Wir versuchen, uns den Rücken freizuhalten, damit wir viele Sachen machen können, die musikalisch interessant sind. – hd 800 ist kein Label – jedenfalls kein Vertriebslabel – vielleicht Label im Sinne von Erkennungszeichen, wo die Produkte herkommen und wie sie zusammenhängen – ja, ok, so könnte man das nennen.” Herausgekommen sind auf Vinyl die scheiben 8003 “mit Martin und Bodo aus Frankfurt – die zwei machen auch Sport, Zehnkampf und so..”, 8004 mit D-man eigenem material, und 8005 – “der vertrieb wollte dafür ein Pappcover haben” – mit Tracks der hd 800 Djs Bouillabass, Move D und D- man. D-man:”Wir haben nur wenig Info auf dem Cover, weil man einfach oft nicht sagen kann, was es ist. Es sind keine lupenreinen Ereignisse, die man sprachlich sauber einordnen kann. weschwasischmehn (D-mans dialektale umsetzung von “‘knowaddamean”)? Man muß es halt hören.”. D-man:”HD 8002, der Casettensampler, war eigentlich der Ausgangspunkt für alle Aktivitäten und Projekte. Veröffentlicht wurde alles, was abgegeben wurde. Manche behaupten, da sei viel Dreck dabei, aber ich finds gut so, basisdemokratisch.” VT: “Wie hast du aufgerufen?” D-man:”Ich habe einen Zettel aufgehängt – im Vinyl Only seinerzeit. Keine Richtung vorgegeben, nix. Die Casette ist eine echte Perle!” ”Was ich toll finde, ist, daß Leute, die mit dem Casettensampler 8002 das erste mal mit ihrer Musik in die Öffentlichkeit gingen, jetzt in anders gewichteten Projekten auftauchen – Andrew ist jetzt den Source Jungs aufgefallen. Die Kyros Platte lief auf HD 800 channel. Da wird schon deutlich, was wir wollen: Die Leute, die was machen, zusammenziehen und gemeinsam mehr draus machen.” Ein paar Platten verkaufen, damit sich das Studio finanzieren läßt. Und das mit einer low-profile-Philosophie. Ganz anders als Source, die international, bezeihungsweise überhaupt auf einem ganz anderen Level arbeiten: D-man:”Source erfüllt eine ganz wichtige Funktion …aber es gibt hier so viel mehr Aktivitäten, Leute die zu Hause für sich herumprogrammieren, mal auch zu zweit und zu dritt…jeder Haushalt ein Label – ich glaube, diese Idee ist ganz ok. Je mehr Leute sehen, es gibt Möglichkeiten, Tapes, Tracks und andere Sachen einem Publikum zu Gehör zu geben, umso mehr Leute fühlen sich motiviert, selber was zu machen….das ist einfach eine fette Rückkopplung!” VT: “Seh ich das richtig, wenn ich sage, du gehst nicht so rein in die Marktmaschine Plattenindustrie, wie Source das tut?” D-man:”Ich arbeite auch innerhalb dieser Maschine. Sobald du das Produkt in der Hand hast – egal an welchem Ende – bist du da drin. Musik auf Platten wird über die Plattenindustrie gehandelt – basta. Das seh ich auch unter ganz anderen Gesichtspunkten so. Da gibt’s kleine Label, die Frankfurter zum Beispiel, die machen viel mit gebrochenen Beats, während ich mit ‘ner Viererbassdrum arbeite. Also kannst du sagen, ich bin schon Mainstream innerhalb dieses Technodings. Weschwasischmehn?” D-man:”Also wenn wir jemand hier hätten, der uns mal richtig erklärt, wie man ein Telefon bedient, wenn uns die Zeit dafür bleibt. Wenn wir jemand hätten, der Pressemitteilungen schreibt…wir würden das alles machen, denn ich glaube es muß mehr als fünf-, sechshundert Leute geben, die die Art von Musik hören…Aber du hörst es ja gerade: BMB.” Die neue CD läuft schon die ganze Zeit im Hintergrund – ganz schräger Barjazz. D-man:”Das wird ganz schön schwierig werden, das bei den Leuten durchzubringen. Aber die Zahl x an Leuten, die sowas gerne hören, wird sich sicher finden lassen. Und ich hab überhaupt keine Bedenken, wenn wir da mit entsprechenden Methoden im Rahmen der Plattenindustrie vorgehen. – Weil davon kann ich wieder CDs kaufen. Und ich kauf einen Haufen CDs. Und einen Haufen Platten. Was ich wichtig finde…….Mann, das kann doch nicht sein. Die Leute jammern immer nur, daß nichts geht und selber kaufen sie keine…ey, Platten und Markt, das ist wichtig!” VT: “Nach dem Sampler “Kindergeburtstagshype” Volume 1 bis17 kommt Nr. 18 ziemlich sicher. Und genauso sicher wird er gekauft wie blöd. Aber die Macher dürfen auf keinen Fall danebenliegen. Das Problem habt ihr nicht. Ihr könnt machen, was ihr wollt, den Zuhörern was zumuten… aber der Kreis der Leute, die sich gerne was zumuten lassen, ist doch relativ klein. Hört der Spaß da nicht irgendwann mal auf?” D-man:”Ja, der Kreis ist klein – … laber laber, aber auch wieder größer als man glaubt. Und er wächst, wenn man dran arbeitet. Wir könnten jetzt voll ausdiskutieren, warum eine Platte ein Abräumer wird – von Janet Jackson bis…” VT: “Darüber machst Du Dir Gedanken?” D-man:”Auf jeden Fall! Das ist ja mein Business… und ich wäre liebend gerne dabeigewesen, als die neue Janet Jackson Platte produziert wurde. Auf jeden Fall! Das ist ein supergeiles Produkt – mit einer irren Kompatibilität. Weltweit. In Bombay oder bei den Eskimos…Es geht um Pop – und deswegen machen wir’s auch. Das ist der ganze Spaß. Und was man mitmacht und was nicht, das läßt sich überhaupt nicht pauschal sagen. Man muß sich eigentlich bei jedem Kommerzhit fragen, ob seine Macher bei dir noch einen Lacher erzeugen.” Tom Trommler:”Barbie Song.” Dirk lacht: “Genau! Also den find ich der Hammer! Über solche Phänomene sind wir doch dazu gekommen, das zu machen, was hier bei uns passiert…die Bravo fährt hier auch öfters rum und du solltest mal sehen, da kann kommen wer will, die Avantgarde oder wer auch immer und sitzt hier in der Ecke und liest Bravo.” VT: Ok, die Teeniezeiten unvergesslich und Du machst heute noch Pop. Aber deine Projekte sind weit weg von dem, was man kommerziell hört…” D-man:”Mh – da muß ich mich mal kurz rückversichern” Ein Griff zum Regler und BMB wird ziemlich laut. D-man:”Jaja – also – ja – aber – und weiter? Also ich könnte jetzt ja oder nein sagen.” VT: “Wenn Du jetzt nein gesagt hättest, hättest du mich verunsichert.” D-man:”Also ich find’s auch ziemlich schwierig, Fragen zu stellen.” Die Studiotür geht auf. Ein neuer Gast kommt rein. Dirk: “Hey, hosch Du en CD-Player?” – “Ja, warum?” – “Kaufsch Du auch CDs?” – “Was willst Du denn wieder alles wissen?” – “Nur so halt. Das ist unser Running Gag heute abend!” Danke fürs Gespräch an Dirk und Tom.

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Elektronische Lebensaspekte.