Erleben wir gerade die zwanghafte Wiederholung des New-Economy-Hypes? Oder legen sich solide Buchhaltung und das Internet ab jetzt ganz offiziell in ein Bett und nennen ihren Nachwuchs Geschäft2.0? Die Antwort heißt: Ja! Aber wieder mal ganz anders als gedacht.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 108

Als letztes Jahr im September “Web2.0” auf dem Debug-Cover prangte, war die Wortkreation schon fast ein Jahr alt, aber eigentlich nur in Nerd- und Marketingkreisen gängig. Inzwischen ist der Begriff dermaßen rum, dass bereits gepflegtes Web2.0-Bashing schwer modisch ist, wobei besonders gerne vor einer “Blase2.0” gewarnt wird, die bald zu platzen drohe: Was wiederum ziemlich dämlich ist, und zwar zunächst weil damit auf einen Begriff eingedroschen wird, der nichts für seine schmierige Marketing-Vergangenheit kann und schon gar nichts für seinen aktuellen Missbrauch als Pepp für Gammelkonzepte aus den tieferen Agenturschubladen. Allerdings ist auch jenseits des schrillen Werbe-Buheis eine annähernd befriedigende Definition, was Web2.0 denn nun sein soll, schwer bis unmöglich: Im Gestrüpp der technischen, sozialen und rein quantitativen Zuschreibungen, die offensichtlich zum Begriff gehören, hat sich noch jeder verheddert: RSS, AJAX, Blogs, Wikis, Community-Networks, Breitbandpenetration. – Ihr wisst schon. Im Grunde genommen steht Web2.0 nämlich für ein Gefühl und kein klar umrissenes Konzept. Das Netz fühlt sich seit ein, zwei Jahren einfach wieder gut an, die Nutzermassen merken, dass da doch noch was geht. Für so ein Phänomen muss selbstredend ein Name her, weil wir über das kollektive Erlebnis auch reden wollen. Demnach ist eine exakte Definition genauso unmöglich wie sinnlos, und trotzdem geschieht etwas Fundamentales auf unseren Bildschirmen und in unseren Köpfen.

Es sind die Medien, Blödi!
Die Frage nach der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit des zweiten Netz-Booms kann man also prima stellen, solange man sich dabei nicht am falsch verstandenen Begriff abmüht, weil die Diskussion dann zwangsläufig in einer Sackgasse landet, zum Beispiel bei der Sinnhaftigkeit der YouTube-Übernahme durch Google für 1,6 Milliarden Dollar. Richtig verstanden bedeutet Web2.0 auch auf ökonomischer Ebene erst einmal, dass Nutzerhorden in neuen Dimensionen und mit ungekannter Passion das Internet im Wortsinn bevölkern. Dass sie dabei immer mehr Inhalte liefern, ist ein zwangsläufiger Effekt, der auch schon hinreichend lange prophezeit wurde. Daher scheint er jetzt endlich doch noch wahr geworden, gleichermaßen vertraut und doch ganz neu. Solche Paradoxe kommen uns ja heute dauernd unter: Cyberspace, Medienrevolution, virtuelle Communities, Wissensgesellschaft, alles schon so oft gepredigt, dass ihre Realisierung nicht mehr überrascht, trotzdem fühlt es sich immer wieder ganz anders und neu an. Dass diese einschneidenden, kollektiven Erfahrungen auch ein wirtschaftliches Potential haben, liegt auf der Hand. Besonders offensichtlich wirbelt die Verschmelzung von Kommunikation und Unterhaltung die betroffenen Branchen ordentlich durcheinander, und eine Medien-Revolution ist – logisch – in einer Mediengesellschaft auch ökonomisch ein starkes Stück: Banner-Werbung oder Google-Ads schnappen sich dicke Brocken des Werbekuchens, so dürfte Google-Deutschland dieses Jahr rund 800 Millionen Euro umsetzen, damit spielt der Kleinanzeigenkonzern mit Suchmaschine bereits in einer Liga mit der ProSiebenSat1-Gruppe (eine Milliarde im ersten Halbjahr). Und Google kassiert ja nicht einfach statt der TV- und Print-Branchen, der Konzern verteilt im Rahmen des Adsense-Programms relevante Summen an Sites weiter, die Werbeflächen zur Verfügung stellen. Die Entwicklung, die vor unseren Nasen als Mediennutzer und -mitgestalter abläuft, ist natürlich besonders sichtbar, und der Rest Geschichte: Relevante Infrastrukturen wie die Eisenbahn- oder die Stromnetze wuchsen schon vor 200 bzw. 100 Jahren nach dem Muster Wachstum, Hype, Absturz, Wachstum. Das Internet folgt diesem Muster im Zeitraffer, und aus dieser Perspektive markiert das Schlagwort 2.0 einfach das Ende einer typischen Wachstumsdelle.

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Elektronische Lebensaspekte.