Das Wunderkind Daedelus hat in Los Angeles schon früh verlernt, zwischen Teekessel und Computer zu unterscheiden. So kommt er zu
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 83

Zu hip für das nächste Ding
Daedelus

Daedelus macht einfach zuviel. Man würde es ihm vorwerfen, wenn nicht jedes einzelne Release von ihm so ein Zuckerbäckermeisterwerk wäre. Daedelus schwingt die Gitarre und liefert solide Freestyle-Basis auf Busdriver und Radioinactive, wuselt sich mit dem Dublab-Owner Frosty durch die Wogen der Kindertraum-Piraterie aus dem Füllhorn mit Adventure Time, leiht Madvillain ein Akkordeon, gibt weitere Gitarrestunden bei Ammoncontact oder Hu Vibrational und fühlt sich auf Laboratory Instinct, Plug Research, Eastern Development, Mush oder Phtalo ebenso zu Hause wie auf endlosen Kollaborationen und Remixen. Ganz abgesehen von den Sachen, die wir trotzdem noch beiseite gelassen haben. Daedelus ist einfach überall dabei, wo man Hip groß schreibt, notfalls auf die eigene Mütze, aber dennoch ist der Mann mit dem eigenwilligsten Backenbart in Los Angeles immer wieder auch einen Schritt zu weit draußen, um sich gut als das neue Ding verkaufen zu lassen. Außerdem meist mützenlos.

Daedelus ist mit Sicherheit selber schuld. Allein die Cover! Ich meine, wie könnte der einsame Erfinder aus dem vorletzen Jahrhundert auf dem Cover von “Invention” mit der Schamesröte im Gesicht beim Gedanken an einen überdimensionalen Wasserkessel irgendwie hot sein? Oder das Tryptichon auf “Quiet Party”: Tonbandgerät, Gasherd, Zahnbürste. Das würde sogar nach Eigenbrödler riechen, wenn es nicht in Kohle gezeichnet wäre. Perfektioniert als Bedroomnerd-Comic dann auf “The Household EP”. Und schließlich, Kür in Wales, “Snowdonia”, bebrillte Schalträger unter Kindermonstern. Daedelus erfindet gerne, dass er aus Wales kommt. Drachen, Könige, Romantik. Wir sind sicher, sein neues Album, “A Gent Agent” auf Laboratory Instinct, übertrifft das visuell nochmal. Wie konnte es nur dazu kommen?

Daedelus, wir brauchen da nicht mal raten, war Drum-and-Bass-Konvertit. Breaks sind die Zukunft, dachte er sich vermutlich, als er seinen ersten Sampler bekam. Aber nicht diese Hificyber-Matrix-Scifi-Zukunft, sondern das Kaleidoskop, das Frankenstein-Ethos, das Sammler-Jäger-Krieger-Erbe von Drum and Bass lebt in den Tracks von Daedelus. Der Sampler ist ein Piratenschiff und kennt folglich keine lineare Geschichte, sondern nur Beute. Das hat er mit vielen der ehemaligen Glitch-Suppe gemein, aber deren Glaube an die Technologie trennt sie vom “völlig untalentierten” Erfinder Daedelus, für den ein Ballen Samt, ein verrosteter Teekessel und ein G5 irgendwie gleichwertige Teile des einen Raubzuges sind. Daedelus kann Dinge auseinander nehmen, aber zusammen bekommt er sie nicht mehr. Selbst Jungleechos wehen auch jetzt noch von Jamaica über England zurück an die Westküste quer durch seine Platten.

Aber der Sampler war nicht sein erstes Instrument. Dafür spielt er einfach zuviele. Wie bei jedem guten Amerikaner war sein erstes Instrument der Fernseher. Und wie jeder aus seiner Generation war der Fernseher auch für ihn ein Loop. Ein Instrument der Re-Runs. Ein Blick in die Historie der Filmgeschichte, der Serien. Ein echtes Abenteuer also. Jedenfalls im Vergleich mit der Geschichte, die Los Angeles vor der Haustür, gefangen im Jetzt, einem vorgaukeln will. Fragt man ihn nach dem Einfluss von LA auf seine Musik, dann taucht Jazz auf und die 60er. Und natürlich der Meltingpot, in dem HipHop und Elektronik verschmelzen kann, weil beide so Underground sind. Und dann? Alfred Weisberg-Roberts, so sein bürgerlicher Name, war Elektroakustikfan in dem Alter, in dem andere Kaugummiblasen platzen lassen (nicht, dass er gleichzeitig nicht auch Wave gehört hätte oder Funkadelic), und ein Jazzstudent. Würdet ihr das glauben? Und natürlich ist Daedelus ein Viktorianer. Wenn er Bücher schreiben würde, er wäre Neal Stephenson und Jeff Noon auf einmal. Kein Wunder, dass Daedelus das erste Kid vom Block war, das Ravemusik hörte. Aber gib mir einen Break.

Jeder einzelne Track von Daedelus schillert wie eine Öllache anstelle einer Perle in einer Auster. Und trotz breit gefächertem Wissen über Musikgeschichte ist Daedelus immer noch naiv. Daedelus ist jemand, der vor einem Sample steht und es bewundert wie einen Schatz. Und wie in jedem guten Videospiel lauern überall Schätze. Jeder Track ist eine Stage, und wenn man den geheimen Stern findet, umso besser. Er ist auf der Suche nach Abenteuern. Er würde gerne von einem Music-Executive verklagt werden, weil er immer Samples klaut. Abenteuer und Style schließen sich aus. Weshalb Daedelus eben auch nicht der neue Electronic-HipHop-Star werden kann, wie z.B. Prefuse. Wer Style hat, der lebt eine Geschichte, einen Thriller vielleicht, aber der Plot ist klar, das Ende vorgezeichnet. Bei Daedelus kann man nicht wissen, was einen erwartet, man erkennt ihn nur wieder, weil er ein Character ist, der viele Gesichter hat. Eine Geschichte, die immer endet, nur um neu anzufangen. Eine Chronik ohne Überschrift und Timeline.

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Elektronische Lebensaspekte.