Random Access Memories
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 173

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Text: Timo Feldhaus, Illu: Bernhard Heuser

Wunderbar und vergessen, geheim und elitär, aber auch heillos in sich selbst verfangen.

Man nimmt Platz in einem einfachen, unpersönlich eingerichteten Raum, dessen Interieur aus nicht mehr als dem Nötigsten besteht: ein paar Stühle, ein paar Tische, ein hochwertiges Musikabspielgerät, Menschen. Der informierte PR-Arbeiter sagt einleitend etwas zum unbekannten Werk, dann startet er das erste Lied. Die Menschen hören zu, manche schreiben. Man tut nichts anderes. So lange, bis das letzte Lied endet. Dann wird der Datenträger wieder weggeschlossen, später postalisch in ein anderes Land geflogen und der Vorhörer unterschreibt einen Zettel, auf dem er sich verpflichtet, über das gerade Gehörte bis zu einem bestimmten Zeitpunkt zu schweigen. Nach Hause geht man mit nichts als neuer Musik im Kopf.

Das Internet verändert die Art und Weise, wie Musik gehört wird. Nachdem in den letzten Jahren die meisten Alben, von denen sich ein Label noch Geld durch Verkauf erhoffte, in verhängnisvollen Formaten wie dem stark komprimierten Stream oder auf dank Wasserzeichen verfolgbaren Voice-Over-CDs in die Redaktion von Musikzeitungen gelangt sind, bekommt die Musik durch ein solches Live-Musikhör-Ereignis wieder die angenehme Aura des Geheimen und Elitären. Daft Punk, die sich unter Helmen verbergen, jede Interviewsituation scheuen und seit über 20 Jahren ihr ganz eigenes Versteckspiel mit den Zeichen des Pop treiben, entwickelten zum Erscheinen ihres vierten Studioalbums zudem eine aufwendige Marketingkampagne, die den superedlen, elektrifizierten Bombast-Rock, der sich in den 13 Liedern ihres Albums findet, glänzend widerspiegelt.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, “Random Access Memories” zu begegnen: Man glaubt, anders als Bangalter und De Homem-Christo, nicht daran, dass es irgendeinen Sinn macht, einen musikalischen Möglichkeitsraum zu erschaffen, in dem die Vorstellung herrscht, das Internet sei nie erfunden und wir lebten irgendwo Mitte der 70er Jahre. Man findet es außerdem verschenkt, in der Musikproduktion auf das Sample sowie den Laptop zu verzichten. Weder die Eagles noch Fleetwood Mac, Queen oder Pink Floyd bedeuten einem etwas. Dann bleibt nur Kopfschütteln. Ist dem aber nicht so, dann freunde dich langsam mit der Idee an, dass ausgerechnet zwei Androiden zu uns herabgestiegen sind, um der Musik den Soul zurückzugeben.

Wenn diese Ausgabe erscheint, ist “Random Access Memories” bereits einige Tage zu kaufen und die Single “Get Lucky” womöglich immer noch auf Platz Eins der britischen Charts. Du hast all den einnehmenden Yacht Rock gehört, die ubiquitär angerissenen Disco-Licks Nile Rodgers und die ewigen tollen Vocoder-Stimmen, die das ansonsten stark durch das Drumming des Sting-Trommlers bestimmte Soundgerüst zusammenhalten und selbst den Gesang des Strokes-Sängers Julian Casablancas in die unbestimmten, gleichmachenden Weiten des Spaces treiben. Du hast das tolle Stück mit Giorgio Moroder gehört. Moroder erklärt darauf, wie er zur Musik gekommen ist und die Musik erklärt nebenbei, wie sie zu sich selbst gekommen ist. Man kann das kaum erklären, es ist schlicht wunderbar. Und es nimmt kaum Wunder, dass neben Mordoder all diese elementaren Musiker der Jetztzeit bei dem epischen Werk zugearbeitet und sich sogar noch zu einer Video-Making-of-Reihe überreden ließen. Die detailversessene Art, mit der die Tracks im ehrwürdigen Staub verschiedener Super-Studios auf der ganzen Welt live eingespielt und in Handarbeit mithilfe feinster Technik zusammengebastelt wurden, ist nichts anderes als eine Huldigung der Musik selbst. Vom ersten Track “Give Life Back to Music” an handelt es sich um eine Anbetung – der Qualität, der Melodien, des Klangs, des Muckertums, der Magie, des epischen Großpops. Es ist Musik für Musiker. Und wie bei allen wirklich großen ihrer Zunft – Paddy McAloon von Prefab Sprout ist wohl der begnadeste unter ihnen – geht es in Text und Musik eigentlich die ganze Zeit nur um Erinnerung, Liebe und die Musik. Aber das ist überhaupt nichts Neues: Bereits auf “Discovery“ war zu Ende gedacht, was man auf “Homework“ im Rohen angelegt fand. Denn eigentlich ist es nicht die Kombination von Rock mit Dance-Musik, die den Verdienst und großen Erfolg Daft Punks ausmacht, sondern dass sie Techno mit Nostalgie, dem Moment der Erinnerung beschmierten. In der von Zukunftsbesessenheit bestimmten elektronischen Musik lieferten sie den Blick zurück, und entwickelten Melodien, die nach Heimweh klangen. Nun sind sie endgültig in der Vergangenheit ankommen. Die Roboter, pophistorisch schon immer auf der Suche nach einer Seele, machen Musik, die sich ausgesprochen gegen Computer richtet.

Ironischerweise bestehen die beiden Franzosen zwar darauf, sich nicht bei Versatzstücken älterer Produktionen zu bedienen, doch ihre Musik klingt genau in diesem Augenblick zum ersten Mal altbacken. “Random Access Memories” ist am Ende vieles: Es ist zum Beispiel ein hervorragendes Popalbum; vor allem allerdings, weil es sich zu seiner Zeit und ihren Produktionsbedingungen verhält. Es ist eine Dokumentation über Disco, ein Soundtrack zur Lage der Musiknation, ein gutes Gewissen. Nur ein “Around The World”, das fehlt.

Daft Punk, Random Access Memories, ist auf Columbia erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.