Ronald Lippok, Alberto Fabris und der hausgemachte Weißwein
Text: Tim Caspar Boehme aus De:Bug 142

Wer hätte das gedacht? Zwei altgediente Elektroniker, die vorher noch nie zusammen im Studio saßen, spielen mal eben so ein sensationell unaufgeregtes Album ein, auf dem sie einen eleganten Song nach dem nächsten aus dem Handgelenk wedeln. Ronald Lippok ist von seinen Projekten Tarwater und To Rococo Rot zwar bekannt für allerlei Kreuzungen von analog und digital ohne Berührungsängste mit Pop, doch so durchgehend entspannt wie mit seinem neuen Projekt Dakota Days hat man ihn bisher selten gehört.

Zwischen Mitstreiter Alberto Fabris und ihm scheint die Chemie bestens reagiert zu haben. ”Wir haben uns im Nachtbus kennen gelernt, während einer Tour mit Ludovico Einaudi“, so Ronald. Der italienische Pianist Einaudi hatte mit den Lippok-Brüdern unter dem Namen Whitetree dem improvisierten Pop neue Möglichkeiten eröffnet und nahm sie später mit auf seine Solotour. Nachts, während die anderen im Tourbus schliefen, tauschten sich Alberto und Ronald über gemeinsame musikalische Vorlieben aus.

Neben Elektronik oder Public Image Limited kamen sie immer wieder auf weniger offensichtliche Einflüsse wie 10CC oder die späten Fleetwood Mac zu sprechen. Als Alberto sein Studio in Comerio am Lago Varese erwähnte, schlug Ronald vor, sie sollten dort irgendwann gemeinsam aufnehmen.

Im März 2008 kam Ronald zum ersten Mal nach Norditalien, ohne dass die beiden eine genaue Vorstellung davon hatten, was sie eigentlich machen wollten. Insgesamt drei Wochen verbrachten sie miteinander in Albertos kleinem Heimstudio, das in der einstigen Küche seiner Großmutter untergebracht ist. Ronald schlief mit dem Schlagzeug neben dem Bett in seinem kleinen Zimmer, die Texte schrieb er abends am Tisch mit einer Flasche hausgemachtem Weißwein aus Venetien. ”Ronald hat diesen Wein geliebt“, bestätigt Alberto, der während der Arbeit am Album selbst auch nicht zurücksteckte.

Trotz aller Beschaulichkeit der Szenerie entstand das Album unter Hochdruck. Am Morgen fingen sie mit nichts an, und am Abend war der Song da – obwohl man sich kaum kannte. Stilistisch ist Dakota Days die wunderbar geglückte Synthese aus den diversen Einflüssen der zwei Experimentalisten mit gemeinsamer Schwäche für Yachtrock, ohne dass sich ihre vielfachen Referenzen in den Vordergrund drängen würden. Auffällig neben der natürlichen Entspanntheit der Musik: die Dominanz von akustischen Instrumenten.

Doch auch das war nicht geplant. ”Es geht nicht darum, ein Statement zu machen, dass wir eine Rockband sind, die weniger elektronisch klingt“, stellt Ronald klar. Elektronik spielt für sie nach wie vor eine große Rolle. Die Sache entwickelte sich halt in diese Richtung, was an Instrumenten gerade da war, wurde benutzt. Und so hört man auf ihrer grandios zurückgelehnten Coverversion von Kylie Minogues ”Slow“ ein afrikanisches Ngoni, ohne dass es auch nur entfernt stören würde. Überraschungen dieser Art darf es von ihnen gern mehr geben. Ronald ist sicher, dass weitere Alben kommen werden: ”Gib uns einfach noch mal drei Wochen.“

”Dakota Days“ ist bei Ponderosa erschienen.

http://www.ponderosa.it

One Response

  1. jeep

    Verdammt, was für eine unerlässliche Auslasssünde beim Italo-Text in De:Bug 144. Dakota Days ist mindestens so groß wie “Disquiet” von Static & Christof Kurzmann aus dem Umfeld von City Centre Offices. Das ist Italo Disco 3.0 nach der Überwindung von Italo House (und der Rückerinnerung an “Ancora Tu” von Lucio Battista). Italo Sentiment für 2010. Kitsch reimt sich eben doch auf Grandezza.