Klavier und Cello. Mehr braucht das dritte Album der Slow-Core-Band um Chris Hooson nicht, um den Schmerz zu lindern.
Text: Markus von Schwerin aus De:Bug 129


“The End Of Trying” ist bereits das dritte Instrumentalalbum, das Chris Hooson mit seiner Slow-Core-Band Dakota Suite aufgenommen hat. Jedoch das erste, auf dem nur Klavier und Cello zum Einsatz kommen. Letzteres spielt kein Geringerer als die amerikanische Jazz- und Ambient-Koryphäe David Darling. Und dazu zwitschern Vögel bei geöffnetem Fenster.
Schmerz lass nach

Kein Kind von Traurigkeit

“Kein Kind von Traurigkeit” wäre wohl die denkbar unpassendste Bezeichnung für Chris Hooson. Der in Leeds als Sozialarbeiter tätige Sänger und Gitarrist hat in den zwölf Jahren, die sein Bandprojekt besteht, mit der Hauptantriebskraft für seine Musik nie hinterm Berg gehalten.

Songs zu schreiben ist für mich hundertprozentige Katharsis, ein lebenswichtiges Ventil, wenn mich die Schwermut zu erdrücken droht, so beschreibt es der vor 38 Jahren in Liverpool Geborene auch heute noch. Nicht ohne zu ergänzen, dass diese Bewältigungsform eigentlich jedem zur Verfügung stünde.

Meine musikalischen Fähigkeiten sind bescheiden, aber ich kann mich glücklich schätzen, dabei auf so gute Mitmusiker bauen zu können.

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Hält hier jemand sein Licht unter den Scheffel? Immerhin haben Dakota Suite mit ihren elegischen Klageliedern im Zeitlupentempo nicht nur Low-Fans auf sich aufmerksam machen können. Spätestens das zweite Instrumentalwerk “The Way I Am Sick” (2002) zeigte, dass Hooson nicht nur die Selbstbezichtigungskunst eines Townes van Zandt verinnerlicht hat, sondern bei ihm auch Arvo Pärts “Für Aline” und Harold Budds “Music For Three Pianos” Spuren hinterlassen haben.

Optisch erinnerten die von Hoosons Frau Johanna gestalteten Covermotive in Schwarz-Weiß (Strommasten, schneebedeckter Schilf…) immer schon an die Grafik des Münchner Jazzlabels ECM.

The End Of Trying

Nun ist mit “The End Of Trying” ein Dakota-Suite-Album erschienen, dessen Klangästhetik von einem einstigen ECM-Künstler maßgeblich geprägt wurde: dem amerikanischen Cellisten David Darling. Dessen 81er Werk “Cycles” soll Hooson bereits in der Vorpubertät erworben haben:

Damals lebte ich im niederländischen Groningen, wo meine Eltern eine Kneipe betrieben. Als Kind dauernd bedröhnter Eltern war ich ganz auf mich gestellt und die drei Schallplattenläden der Stadt wurden meine Ersatzfamilie. So hatte ich schon als Zehnjähriger Keith-Jarrett- und David-Darling-Platten in meiner Sammlung – das machte sich sehr gut neben Kiss und AC/DC.

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Und wie kam dann nach einem Vierteljahrhundert der Kontakt zu Darling zustande?

Ich rief ihn an und das Telefonat verlief in etwa so:

Chris: Hallo David, seit meinem zehnten Lebensjahr bin ich ein großer Fan …

David: (macht ein merkwürdiges Geräusch, das Unbehagen verrät) Worum geht’s?

Chris: Ich habe einige Klavierstücke geschrieben, die speziell auf Ihr Cellospiel zugeschnitten sind, und würde mich sehr geehrt fühlen, wenn …

David: O.K., schick mir die Stücke und ich werde sie mir anhören.

Er mochte die Musik und schickte kurz darauf die Files mit einer Fülle eigener Ideen zurück. Ich hatte das Vertrauen, dass er intuitiv das Richtige zu meinen Vorgaben spielen würde. Als ich dann aber den ersten Cello-Ton auf “One Day Without Harming You” vernahm, war ich einfach nur sprachlos!

Auf dem neuen Album sind alle drei Dakota-Suite-Mitglieder als Pianisten angegeben. Haben deine Kollegen David Buxton und Colin Dunkley diesmal auch Kompositionen beigesteuert?

Ja, und in der Regel spielte jeder seine eigenen Stücke. Nur wenn meine Klaviertechnik nicht ausreichte, überließ ich einige Colin. Er weiß, wie ich mir die Klavieranschläge wünsche, wie lange bei mir jeder Ton nachhallen soll und auch wie hartnäckig ich am Zeitlupentempo festhalte … Die meisten Aufnahmen entstanden in Colins Haus bei geöffnetem Fenster. Ich mag es, wenn man den Klavierklang einem Raum – sei es eine Privatwohnung oder eine Kirche – zuordnen kann. In professionellen Studios erstirbt diese Natürlichkeit.

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Und doch scheinst du auch ein Faible für Laptop-Elektronika zu haben. In einem deiner Blogs ist von einer Remix-CD des neuen Albums die Rede.

Ja, es gibt da einige Künstler, die ich sehr schätze und bei denen ich mir vorstellen konnte, dass sie einen Zugang zu meiner Musik haben. Also schrieb ich einige meiner Favoriten an – darunter Peter Broderick, Alva Noto, Greg Haines und Machinefabriek – und alle sagten sie zu! Die Remixe werden im März auf meinem eigenen Label “Navigator’s Yard” erscheinen. Es werden nur 300 Stück gepresst, von denen ich bereits 200 über die Dakota-Suite-Website verkauft habe.

Musikmassage

Wo wir gerade vom Marketing sprechen. Einige der jüngsten David-Darling-Veröffentlichungen tragen das Etikett “Musical Massage”. Würdest du Deinen Platten ebenfalls eine entspannende Wirkung attestieren?

Meine Musik hatte noch nie etwas Leichtes und ist ganz bestimmt nicht darauf angelegt, im “New Age”-Kontext zu funktionieren. Was ich entwickle, hat im tiefsten Schmerz seinen Ursprung und ist nicht dazu gedacht, jemanden zu entspannen. Es würde mich regelrecht beleidigen, wenn man meine Musik mit der Meditationsecke in Verbindung brächte.

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Elektronische Lebensaspekte.