Bei den New Yorkern Dälek versteckt sich der Funk hinter einer Wall of Sound aus Industrialschleifen und Distortionbässen. Ihr Robot-War-HipHop hat eine heute viel zu seltene Eigenschaft: Er polarisiert die Heads. Man kann Dälek nur lieben oder hassen. Techno Animal lieben sie.
Text: florian sievers | florian.sievers@debug-digital.de aus De:Bug 51

abstrakt hip hop

Robot War Hop Pt.2
Dälek

Könnte HipHop vielleicht eine Frischzelleninfusion vertragen von gar nicht so naheliegenden Musikstilen, wie, sagen wir: US-Hardcore-Punk? Könnte ihm eine nicht rockistisch ausgelebte Gitarrensozialisation ein bisschen von dem Scheißdrauf-Ethos zurückbringen, der in den vergangenen Jahren verloren gegangen ist? Drei dicke, fröhliche Amis, die gar nicht so finster sind, wie sie auf Fotos aussehen, kümmern sich jedenfalls seit einigen Jahren um genau das: Dälek rocken Beats, ohne Rock zu sein, und landen mit ihrem zornigen HipHop eher in der Nähe von Mr. Oizo, altem Britcore oder Wordsound denn bei scheußlichem NuMetal oder dem Unaussprechlichen, das früher mal “Crossover” genannt wurde. An der Niederwalzung aller Genregrenzen arbeiten hier: Producer Oktopus, 27, der eigentlich Alap heißt, früher mal Roadie bei den Bad Brains war und jetzt mit seinem Laptop megatonnenschwere Beats auf die Meute loslässt. DJ Still, 22, bürgerlich Hsi-Chang, der stille Jamaika-Taiwanese, der mit dem Tonarm quer über die Platten scratcht und dabei ein Wahwah-Pedal malträtiert wie weiland Jimmy Hendrix. Und natürlich MC Dälek selber, 25 Jahre alt und Hispanic, den seine Mama als Will kennt und dessen MC-Name für “Dialect” steht, weil Amis das eben so aussprechen.

Ich bin eine Band

“Das ist wie bei Van Halen damals”, grinst Will: “Ich habe das ganze Projekt nach mir benannt.” Zusammen produziert Dälek, die Band, Robot-War-HipHop, bei dem sich MC Däleks eindringliche Raps in einer Wall of Sound aus Industrialschleifen und Distortion-Bässen verlieren. Eigentlich sind diese Typen ja mit Hardcore und Punk aufgewachsen. In den frühen 90ern aber freundeten sie sich mit Beats und Reimen an, als sich harte Gitarren sowieso an HipHop annäherten. Wir erinnern uns da, mal mehr, mal weniger gerne, an “Judgement Night”-Soundtracks, P.E. zusammen mit Anthrax bei “Bring Tha Noize” oder Punk-HipHop-Diskussionen auch in Deutschland.
Die Truppe kommt aus Newark/New Jersey und Long Island/New York und hat sich 1997 zusammengetan, damals noch mit einem anderen DJ, der jetzt House produziert. Irgendwann spielten sie in der Highschool von DJ Still, der in ihrem Vorprogramm zwei Plattenspieler zerstörte und sofort verpflichtet wurde. Das sieht live zwar schlimm aus, tut aber nur den Platten weh. “Ich fühle mich nicht durch das begrenzt, was Plattenspieler in der Popkultur bedeuten”, erklärt Still, “sondern alleine durch ihre Physis.” Schon 1998 veröffentlichten sie ihre Debüt-LP “Negro, Necro, Nekros” auf dem Hardcorepunk-Label Gernd Blandsten, wo sich bereits so großartige Emo-Hardcorebands wie 1.6 Band äußerten. Alap betreibt nämlich ein Aufnahmestudio und produzierte früher Emo-Bands wie eben 1.6 Band, Native Nod oder Rye Coalition, aber auch finstere Legenden wie Warzone oder Straight Edge-Combos wie Relapse. Ein Freundschaftsding, HipHop quergedacht, also.

Was ist schon abstrakt?

“Warum sollte eine abstrakte HipHop-Platte nicht auf einem Label erscheinen, das sowieso abstrakten Rock oder abstrakten Punk macht?”, erklärt Oktopus die Veröffentlichungsstrategie. “Unser HipHop passt sowieso auf kein normales HipHop-Label.” Denn der HipHop von Dälek ernährt sich nicht von Funk oder Soul, obwohl er funky und soulful ist, sondern von Industrial, Japan-Krach, Klassik, Dancehall, Sun Ra, Punkrock und sogar Pink Floyd oder Black Sabbath – also von allem eigentlich. Die drei sind manische Plattensammel-Nerds, sie kennen sich mit experimentellen US-Minimalisten, My Bloody Valentine oder Metal genauso aus wie mit seltenen Soul-45s oder den Einstürzenden Neubauten – auch wenn sie deren Namen nicht richtig aussprechen können. “Schließlich hat alle Musik eine gemeinsame Energie”, erklärt Oktopus, “man kann da keinen Anfang und kein Ende setzen.”

Schnell weg

Wie früher spielen Dälek live noch immer zusammen mit Hardcorebands wie Born Against in autonomen Jugendzentren. Gleichzeitig aber treten sie auch zusammen mit DJ Spooky, Pharcyde, Afu-Ra oder Prince Paul auf, dessen HipHop-Auffassung ja ganz gut zu der ihren passt. “Es gibt diese Rapper, die ihre erste Show vor 10.000 Leuten zusammen mit, sagen wir: Lil’Kim spielen”, sagt Oktopus. “Aber was weißt du schon vom Leben und von den Menschen und vom Geschäft, wenn du direkt so angefangen hast?” Stattdessen reisen sie lieber ganz bodenständig sechs Wochen lang mit einem Mietwagen durch Europa, pennen bei Bekannten von Bekannten und verkaufen ihre Platten aus dem Koffer. Und wenn sie dann live spielen, mit two Turntables, einem Laptop und einem Mikrophon, verlässt regelmäßig die Hälfte des Publikums den Raum, und die andere Hälfte lässt sich die Synapsen durchpusten.
Trotzdem oder gerade deswegen sind Dälek natürlich HipHop. Denn ihre Musik ist tatsächlich, um hier mal einen inflationär gebrauchten HipHop-Begriff einzubringen, Teil jenes “Next Levels”, nach dem doch alle immer suchen. “Es ist 2001, Mann, und man sollte diese Musik nicht auf einfache Tanzmusik runterverdummen”, grommelt Oktopus. “HipHop war schließlich mal die ultimative Fusion aus allem. Es inkorporierte alles, was um dich herum ist.” Und MC Dälek ergänzt: “Diese ach so neue Idee von experimentellem HipHop ist doch total überflüssig – schließlich ist HipHop per se experimentelle Musik. Oder sollte es zumindest sein. Man kann das kein bisschen definieren oder eingrenzen.”

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Elektronische Lebensaspekte.