Damian Lazarus hat eine Vision: Er möchte mit seinem Label Crosstown Rebels die verkrusteten Raverohren in seinem Heimatland England mit frischen Energien freiputzen und die dickärschige Rave-Mafia in Rente schicken. Gute Musik und ein ganzes Heer an befreundeten Produzenten und DJs auf seiner Seite, scheinen sich seine Träume langsam zu verwirklichen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 80

England startet neu
Crosstown Rebels

Der Dinosaurier wankt. Im Mutterland der Acid-House-Erweckung und des Rave-Tourismus stehen die Zeichen auf Sturm. Nachdem man als Kontinentaleuropäer über ein Jahrzehnt damit verbracht hat, ob des Ausmaßes der Kommerzialisierung und humorlosen Professionalisierung der dortigen Clubkultur und Musikindustrie staunend über den Kanal zu blicken, scheinen sich die Kräfteverhältnisse jetzt merklich zu verändern. Das durch die immer gleichen Superstar-DJs in den zu multinational agierenden Unternehmen herangezüchteten Clubs (gerne auch “Superclubs”) und durch bislang auflagenstarke Rave-Fibeln wie Mixmag postulierte, dreifach verknotete Stildiktat aus Trance, Progressive und anderen wundersam charakterlosen Stilblüten von House und Techno scheint die Massen nicht mehr zu erreichen. Auflagen sinken, clubeigene Postillen wie “Ministry” werden eingestellt oder die dazugehörigen Clubs (Ministry of Sound) kurzerhand gleich mit. Die Präfixe “super” und “mega”, die als hedonistische Verheißung zum guten Ton gehörten, hängen schlaff an den geschlossenen Clubpforten.
Da passt es ins Bild, dass der bestbesuchte Abend in der Geschichte des letzten verbliebenen so genannten Londoner Superclubs “Fabric” ein Abend mit Ricardo Villalobos und Richie Hawtin war. Kein Paul Oakenfold, kein Judge Jules. Wo es früher kein Entkommen gab, entdeckt man jetzt den minimal kickenden Ravedreh.

Es gibt nicht viele englische Label, die über den Tellerrand des eigenen, inzestuösen Musikmarktes blicken und ein Netzwerk von Gleichgesinnten über den Globus spannen. Music for Freaks von den Freaks zum Beispiel oder Swayzaks gleichnamiges Label. Oder Damian Lazarus’ Crosstown Rebels.
Gegründet vor knapp zwei Jahren, nachdem sein damaliger Geschäftspartner ihr Vorgängerlabel City Rockers in der Hoffnung auf rekordverdächtige Umsätze in einen “schicksalhaften Deal” mit Ministry of Sound geschliffen und damit das für Damian Wichtigste verkauft hatte: die eigene Unabhängigkeit. Also entschloss er sich, unter neuem Namen alleine weiterzumachen und verpflichtete für die beiden ersten Maxis die Berliner Kiki & Silversurfer. Nicht unbedingt eine Entscheidung, die große Verkaufszahlen im eigenen Land verspricht, denn die Zahl derer, die die Platten der beiden auf Bpitch Control und Lasergun dort kannten, dürfte zu dem Zeitpunkt mit Fug und Recht als überschaubar bezeichnet werden. Ganz anders in Deutschland oder Frankreich, wo sich Gleichgesinnte wie Black Strobe, Tiefschwarz, M.A.N.D.Y. oder Dan Ghenacia freudig Hände und Ohren rieben. Zeit für einen Austausch.

Nach mittlerweile fünf Maxis ist Crosstown Rebels dabei, sich auch in England zu etablieren. Dem musikalischen Eurozentrismus des Labels zum Trotz. Die gerade erschienene, erste Crosstown-Rebels-Mix-CD “Rebel Futurism” dürfte ein weiteres Mosaiksteinchen in der sich langsam ändernden Interessenslage der tanzenden und Platten kaufenden britischen Öffentlichkeit sein und ganz nebenbei so manchem europäischen DJ und Produzenten das Tor nach England weiter denn je öffnen. Das Tracklisting liest sich dann auch wie ein Querschnitt durch die größten Hits des letzten Jahres. Ein Umstand, der, wie Damian betont, eben nicht auf England zutrifft, wo Tracks wie Le Dust Suckers “Mandate My Ass” oder Joakims “Come Into My Kitchen” kaum gespielt wurden und demzufolge teilweise gänzlich unbekannt sind. Noch, wie man hinzufügen möchte.

Morgengrauen

Die Clubs ziehen langsam vorsichtig mit, die Kids in den Clubs sowieso. Leute wie Michael Mayer und eben Kiki avancieren zu neuen Lieblings-DJs von Leeds bis Brighton. Bleibt nur das leidige Problem mit der englischen Musikpresse, die sich seit Jahren dadurch auszeichnet, die bis zur Unterkante abgefüllte Ibiza-let’s-fuckin’-‘ave-it-Raserei weiter zu halluzinieren. Mit dem bekannten, angegrauten Personal versteht sich. Eine Kampfansage von Damian:
“Die ganzen Danceblätter hier in England haben zur Zeit ein großes Problem, ein Magazin nach dem anderen macht dicht. Angeblich, weil es nicht mehr genug Menschen gibt, die sich für unsere Musik interessieren. Dabei sind sie selber das Problem. Sie haben den Kontakt zu ihren Lesern verloren. Die Journalisten sind älter geworden und haben all ihr Geld für Drogen ausgegeben. Das hat sie bequem, müde und ängstlich gemacht. Sie haben Angst vor Veränderung, vor Neuem. Immer noch grinsen uns Erick Morillio, Danny Tenaglia etc. von ihren Covern an und sie erwarten, dass ihretwegen noch irgendwer da draußen aufhorcht. Aber zum Glück gibt es einige junge Schreiber, die inspiriert sind von anderen Platten, von Dingen, die sie gehört oder erlebt haben. Zum Beispiel, dass die Kids in Berlin bis zum nächsten Nachmittag tanzen. Zu DJs, die für dreihundert Euro ganze Nächte spielen, anstatt für zwei Stunden voller Blödsinn das Hundertfache zu bekommen. Oder dass in Barcelona vor ein paar Monaten zweitausend Kids stundenlang in der Kälte warteten, um die neuesten DJs und Acts zu sehen. Oder die Afterhourclubs in Paris, bei denen die Leute so laut schreien, dass sie ihre Stimmen verlieren. Crosstown Rebels und andere Labels haben es zur Zeit nicht einfach, von vielen Menschen hier gehört zu werden, aber wir halten dagegen und hämmern unsere Vision weiter heimwärts. So langsam sieht es ein bisschen besser aus. Natürlich haben wir immer noch einige unserer alten Dinosaurier, die meinen, Clubkultur zu repräsentieren. Aber die Einsicht, dass eine Veränderung in der Luft liegt, scheint sich durchzusetzen. Trotzdem wird es noch eine ganze Weile dauern, bis Tracks wie Ricardos ‘Easy Lee’ oder ‘Luv Sikk’ von Kiki in die nationalen Charts klettern.”
Daran ist in Deutschland nicht mal ansatzweise zu denken. Cheers, Damian!

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Elektronische Lebensaspekte.