Die Notwist Brüder segeln wieder los, mit im Boot ist Schlagzeug Legende Billy Heart
Text: Eric Mandel aus De:Bug 151

Ein Trommelschlag. Ein zweiter. Eine Serie von komplexen Wirbeln, die einander zu antworten scheinen, Wiederholungen variieren, weiterspinnen, zurück auf den Anfang werfen, sich zu einem Schlagzeugsolo verdichten, so einleuchtend und klar strukturiert wie eine gute Erzählung nach dem Abendessen, noch bevor Vibrafon und Bläser-Harmonien es unterfüttern und kontextualisieren.
So beginnt “La Place Demon“, die neue CD des Tied & Tickled Trio.

An einem anderen Ort: Eine hohe Stimme intoniert einen Kehrreim, unterlegt von Pianotupfern und akustischen Saitenklängen, bis nach und nach Break, Beat und Chor dazustoßen und vom “Old Age” geraunt wird. Die im Hintergrund vernehmbare Zeile “You can’t take the heat out of death” wird im zweiten Track – gerappt – wieder auftauchen. So beginnt “Own Your Ghost“, die neue CD von 13&God.

Zwei Platten, die zufällig zur gleichen Zeit erscheinen. Aber natürlich gibt es noch weit mehr Verbindungen. Beide gehören zu einem kreativen Kontinuum, das an dieser Stelle kaum ausführlich vorgestellt werden muss, die Rede ist einmal mehr von Weilheim. Hier residieren die Brüder Micha und Markus Acher und ihr Bandkollege und Produktionspartner Martin Gretschmann alias Console aka Acid Pauli und produzieren Album für Album, entwickeln Bandkonzepte, Querverbindungen, Unterzellen und Seitenlinien. “La Place Demon” (ein Wortspiel mit dem Laplaceschen Dämonen) zum Beispiel ist eine Hommage an den Lieblingsschlagzeuger der Brüder, Billy Hart, ein Jahrhundert-Drummer, der auf mehr als 500 Alben spielte, zu seinen prominentesten Auftritten gehören die auf Miles Davis‘ “On The Corner” und dem gerne missverstandenen “Tutu” (1986), Herbie Hancocks frühe Fusion-Platten (“Sextant“), “Black Unity” von Pharoah Sanders, sowie HannibalsChildren of the Fire“, seit 15 Jahren erklärter Favorit der Brüder.

Own Your Ghost” dagegen ist die Fortsetzung einer anderen transatlantischen Liaison, die vor sechs Jahren unter dem Namen 13&God auf den Weg gebracht wurde – ein Amalgam aus den Bands The Notwist (D) und Themselves (USA), letztere ihrerseits ein Teil des Anticon-Kollektivs aus Oakland. Trotz ihrer unterschiedlichen Referenzen (hier: Jazz, dort: Rap), und der verschiedenen Welten, die sie heraufbeschwören, bilden die Platten ein formidables Doppelpack – einmal Westcoast, einmal Eastcoast, wenn man so will. Die beiden Schenkel des geographisch-ästhetischen Dreiecks laufen bei den Achers zusammen, die nun, sekundiert von Martin Gretschmann, Rede und Antwort stehen über Genese und Gelingen des doppelten Experimentes.

Sechs Leute im Raum
Denn Experimente waren es. “Own Your Ghost” dürfte das erste Album sein, das die Weilheimer nicht in Weilheim aufgenommen haben. “Beim ersten Mal haben wir uns das Material gegenseitig zugeschoben und auch auf unfertige Sachen von früher zurückgegriffen”, erinnert sich Markus, “diesmal haben wir gemeinsam begonnen, zu komponieren. Sechs Leute im Raum – das ist gut, denn es bedeutet Input. Da kommt viel zusammen, aus dem man auswählen kann, um in verschiedene Richtungen zu gehen.”

Da wurde schon, plaudern die Brüder aus dem Anekdotenschatz, auf Wunsch der Amerikaner Jel und Doseone, viel Aufhebens um ein Tuba-Sample gemacht, auf dessen Basis dann ein ganzer Track wuchs und wucherte – bis allen klar wurde, dass die Tuba einfach bescheuert klingt und deswegen entsorgt wurde. So wurde im Rotationsprinzip dem kreativen Chaos seine Gestalt abgerungen, bis wieder eine dieser kristallklar formulierten, hochspannenden, weil jederzeit unberechenbaren Song-Sammlungen fertig war.

Dass sich auf dem Album alles um die Erfahrung des Alterns dreht, geht auf Doseone zurück, den stets gut gelaunten Lyriker mit dem unerschöpflichen Wortschatz und dem einprägsam nasalen Singsang-Rap-Style. Der gibt, per Skype zugeschaltet, zu:
Ich hab diese Krankheit, man nennt sie: Gedichte schreiben. Ich kann nicht aufhören. Songs wie ‘Et tu‘ und ‘Janu Are‘ sind 2005 im 13&God- Tourbus entstanden. Seitdem kam es immer wieder vor, dass ich beim Schreiben wusste: Das wird ein 13&God-Song. Bevor wir angefangen haben aufzunehmen, hatte ich bereits dieses Monster von verwandten Texten. Die habe ich mitgebracht, editiert, vereinfacht oder verkompliziert und alles angeboten. Markus konnte sich da bedienen und mit dem Material praktisch improvisieren und Gesangslinien finden.”

Doseone stimmt zu, dass der Themenkreis von schweren Gedanken beherrscht wird, aber er relativiert: “Ich schreibe Lyrics, die Micha seiner Tochter erklären kann. ‘Own Your Ghost’ ist als Platte über das Altern getarnt, aber es geht natürlich nicht darum zu sagen, dass wir alle müde sind und nach dem Abendessen ins Bett gehen, es geht um Lebensfreude.
Und ja, ich schreibe viel über den Tod, das ist mein Ding. Aber natürlich auch über Ex-Freundinnen und Obama. Das ist der Kampf, den ich zu kämpfen habe.”

Realer Anlass zur Grübelei jedoch ist für die Band das Los des siebten Mitglieds Dax, der seit einem Tourbusunfall an den Rollstuhl gebunden ist und wegen Komplikationen nicht so intensiv am Aufnahmenprozess teilnehmen konnte wie sich das alle gewünscht hatten. Es bleibt ein Wermutstropfen und kein noch so schönes Album kann die Band darüber hinwegtrösten.

Eitel Sonnenschein dagegen herrscht, wenn es um das andere Experiment geht, das nun das Licht der Welt erblickt. Der Gastauftritt von Billy Hart, der über den gemeinsamen Kollegen, den Saxofonisten Johannes Enders eingefädelt wurde und auf einer dreitägigen Tourpause des Drummers in Weilheim eingespielt wurde, brachte das Tied & Tickled Trio, die Jazz-affinste Formation des kleinen Indie-Imperiums, dazu, seinen Modus komplett umzukrempeln. In Markus’ Worten: “Bei den Platten davor gab es einen anderen Ansatz. Wir sind ja große Fans von bestimmten Jazz-Platten, wollen aber eigentlich gar keinen Jazz machen. Wir haben immer versucht, neue Wege zu finden, damit dann etwas zu machen und unseren Ansatz zu entwickeln. Da gab es verschiedene Versuche, zum Beispiel mit Beats zu arbeiten, oder viel zu improvisieren und das dann zusammen zu collagieren – eine reine Studioarbeit, alles war immer sehr zusammengefügt. Nun ging es aber um Billy Hart, jemand, der auf jeder zweiten unserer Lieblingsplatten Schlagzeug spielt, der diese Art zu spielen praktisch erfunden hat. Er ist die Musik, die wir mögen, und da wurde uns klar, dass wir die jetzt einfach spielen können. Wir mussten uns nicht verstellen, mussten nicht denken, dass wir jetzt Jazz machen, obwohl wir’s doch gar nicht können. Es war so: Wir machen unser Ding, er macht sein Ding, das war sehr befreiend.”

Aus Michas Zusammenfassung spricht noch der Stolz und die Aufregung angesichts der Begegnung:
“Er hat auch viel gelacht. Er ist so ein Held von uns, und dann kommt der in unser Rumpelstudio in Weilheim und war der umgänglichste Mensch der Welt.”

Viel Liebe wurde schon im Vorfeld in diese Arbeit gesteckt, auch die Hausfreunde Johannes Enders und Carl Oesterhelt haben der generationsübergreifenden Konstellation Stücke auf den Leib komponiert, die insgesamt 14 Beteiligte einschließt – darunter auch die Stammspieler Casper Brandener und Andreas Gerth.
Wir hören Handclap-Referenzen an “On The Corner“, andernorts taucht ein Motiv Ornette Colemans auf, ein weiteres Stück kombiniert Billy Harts anbetungswürdige Groove-Fähigkeit im freien Zusammenspiel mit elektronischen Verschlaufungen. Letzteres bezieht sich auf eine Ästhetik, an der Hart aktiv mitgewirkt hat, und die in der Zwischenzeit auch in seinem eigenen Schaffen eher brach lag – bis eben Typen wie das TTT kamen, um es auf ihre kühle, süddeutsche, besonnene, vom Indierock sozialisierte Weise wach zu küssen.

Billy Hart selbst, der heute an verschiedenen Hochschulen in Neuengland lehrt und in den Semesterferien ausgiebig tourt, geizt am Telefon nicht mit Lob über die bayrische Erfahrung: “Sie haben mir das Gefühl gegeben, ein neues Level zu erschließen.” Das will schon was heißen.

Tied & Tickled Trio, La Place Demon ist auf Morr Music/Indigo erschienen.

13&God, Own Your Ghost, erscheint Anfang Mai auf Alien Transistor/ Indigo

One Response