Die Schule von '94
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 143

Zuerst die Version von Dan Bodan: “Ich begann mit ‘Annapolis Valley 94’, ausgehend von einer sehr ungewöhnlichen Begegnung. Einige Jahre meiner Kindheit habe ich in dem kleinen Dorf in Annapolis Valley, einer Region im kanadischen Nova Scotia, verbracht. Im letzten Jahr dort habe ich einen Freund gefunden. Wir waren so etwa 11, gerade am Rand zur Pubertät und ich begann Gefühle zu entwickeln, die ich nicht kannte. Eigentlich war ich verliebt, aber ich wußte damals nicht, was das bedeutet. Na ja, jedenfalls zog ich weg und 13 Jahre später lebte ich in Berlin. Hier wurde mir ein Neuankömmling in der Szene vorgestellt. Ich beachtete ihn nicht sehr, aber eines Tages standen wir bei einer Vernissage umher und kannten offenbar sonst niemanden. Wir begannen uns zu unterhalten, eine Information jagte die andere und plötzlich, im gleichen Moment, realisierten wir beide, dass wir vor 13 Jahren diese besten Freunde waren. Und plötzlich fluteten all diese Gefühle aus der Zeit wieder aus mir heraus. Die Lieder versuchen nun ein Gefühl der Nostalgie zu transportieren für etwas, das möglicherweise, aber möglicherweise auch nicht damals passiert ist. Viele persönliche Erinnerungen sind so fragmentiert und verschleiert von dieser übermächtigen Nostalgie für die natürliche Schönheit der Ostküste Kanadas.“

Und nun meine Version: Dan Bodan wurde 1985 in die kanadische Prärie geboren, ein Jahr, bevor Martin Rev und Alan Vega als Suicide ihr Album Ghost Write aufnahmen. Die New Yorker Band gibt es zu diesem Zeitpunkt schon seit fast 10 Jahren, eine Zeit, in der sie die Tradition von Elvis in seiner Sun-Session-Phase, Link Wray und dem ganzen Rocka- und Psychobilly, den Stooges und Velvet Underground mit der vehementen Radikalität von Minimalismus, Freejazz und freier elektronischer Improvisation recht schlüssig verbanden. So oder so ähnlich würde ein zeitgenössisches Jazz-Magazin das wohl reflektieren. Nun bin ich aber sicher, niemand hat die monotone Kühle und poetische Wehmut Suicides in den letzten Jahrzehnten so sehr auf den Punkt gebracht wie der in Berlin lebende Künstler und Musiker Dan Bodan mit seinem just erschienenen Album Cashmere Sweater. Dass selbst die in seinen Performances so schlüssig nachvollzogene Geste dabei stets bereits verloren ist, das referiert er in dem von den Figuren David Lynchs geliehenen dämonischen Grinsen eines irregewordenen Clowns, in Megaüberspanntheit.

Der letzte Kanadier, der Berlin in großem Stil aufgemischt hat, war Chilly Gonzales, damals bei Kitty-Yo. Die Boheme-Bar Berlin-Tokio im Berlin-Mitte der Endneunziger ist zehn Jahre später die Neuköllner Kellerkneipe Das Loch, wenn Bodan sich auf dieser Bühne, oder etwa als der Rising Star der diesjährigen Transmediale, spastisch zuckend bewegt, dann aber wieder innehält und babyweich ins Publikum schaut und die zu große Lederjacke abstreift. Da hat sich einer die richtigen Gedanken gemacht, da kann einer absolut berührend singen, und da hat einer einfach mal einen wahnsinnigen Hüftschwung. Das 20minütige Annapolis Valley 94 lässt den vorangegangenen Rest der Platte nochmals Revue passieren, in über verzerrten Noiseteppichen ausgestöhnten Uhuhhs und Ahhhs, sinistrem Funk, scheppernden Technobeats, dröhnendem Kirmesgeglocke und gut gesleaztem Soul. Annapolis Valley 94 ist eines der schönsten, schiefsten Epen der Popmusik, stets, wie alle ganz großen Popplatten, oszillierend zwischen tiefgreifender Schönheit und verwirrender Komik.

“Cashmere Sweater” ist im Eigenverlag erschienen.
http://www.danbodan.bandcamp.com

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Elektronische Lebensaspekte.