Mit dem Projekt "Sieg über die Sonne" untersuchen Pink Elln und Dandy Jack die Möglickeit, ohne weißen Leinenanzug und Tropenhelm zwischen südamerikanischer Rhythmik und 'westlicher' Elektronik zu vermitteln. Jenseits der Sonne beginnt das reine Tanzen.
Text: aljoscha, alexis aus De:Bug 50

Extremfrequenzen auf Planet Hollywood
Sieg über die Sonne, Dandy Jack

Wo bitte geht es zur Villa Elektronica? Nirgendwo. Sie besteht nicht mehr. Allein elektronische Spuren sind zurückgeblieben, dort in Santiago de Chile. An dem Ort, den Dandy Jack aka Y Martin Mitte der Neunziger Jahre zu seiner re-exilierten Homebase wählte, entstand für einen Zeitraum von drei Jahren ein zirkuläres Treiben für alle irgendwie von elektronischer Musik infizierten Locals und Nicht-Locals. Doch eigentlich beginnt die Geschichte von Y Martin in Frankfurt/a.M., noch vor den aktuellen musikalischen Entwicklungen der Post-Pinochet-Ära. Darauf insistiert Dandy Jack: “Ricardo Villalobos und ich sind Produkt der Pinochet-Diktatur. Unsere Eltern sind Kommunisten und damals in die BRD emigriert.”
Wohlwollend könnte diese politische Situation als Initialzündung der eigenen Labelgründung interpretiert werden. Denn Dandy Jacks (Y Martins) eigenes Label Ruta 5 stellt Verbindungen her, die nicht im national-kodierten Kulturtransfer operieren, sondern diese tradierten kommunistischen Elemente auf eine Ravesituation übertragen, in der es für die Akteure keine nationale Identität mehr gibt. Denn wer möchte schon was mit dem Goetheinstitut zu tun haben? “Mit Ruta 5 versuchen wir, Percussion-Sounds in elektronische Musik umzuwandeln, die natürlich total westlich kodiert ist.”

Double dich selbst

Ricardo Villalobos und Y Martin bilden darüber hinaus Ric y Martin. Sie sind das elektronische Double Ricky Martins, das unterhalb der Repräsentation lateinamerikanischer Musikcodes agiert. Stattdessen werden in die Musikmaschine der westlichen Hemissphäre Lecks geschlagen, um die Beschreibungsebenen für das (medial) inszenierte “latinfizierte musikalische Material” zu verkomplizieren. Die Codes werden verschoben, unkenntlich gemacht und neu arrangiert. Ric y Martin existiert in diesem virtuellen Status, in dem das Wissen um das exotistische Begehren auf Ricky Martin integraler Bestandteil ihrer elektronischen Zersetzungsarbeit ist. Im Elektronisch-Werden der perkussiven Elemente wird das “latinfizierte” Objekt Salsa etc. suspendiert.
Das Projekt “Sieg über die Sonne” spielt sich dahingehend auf einem anderen Planeten ab. Eher an einem Swimming-Pool der maroden Hotelkette Planet Hollywood. Die Akteure heißen Pink Elln und Dandy Jack. So ästhetisch-idealistisch das Projekt Sieg über die Sonne ist, so real präsent sind chilenische und deutsche Praktiken des Musik-Hörens und -Produzierens. Da es den einen ideellen Ort für “Sieg über die Sonne” nicht gibt, verläuft der Clash der vielfältigen elektronischen Genres ganz immanent im Pop-Universum. Alles um neue Bewegungsformen zu erfinden. Dandy Jack obliegt die Kunst, nicht von Kunst zu reden und trotzdem über Anschlüsse zu reflektieren, die das Dancefloor-Koordinatensystem entgrenzen. Das Material lässt sich dadurch aber nicht beliebig kontextualisieren. Es wird vielmehr auf eine konkrete Situation bezogen, in der Neu-Interpretationen entstehen können. Dandy Jack vergleicht diese Interpretationsmöglichkeiten mit Klavierstücken der Klassik oder den Funktionsweisen Bossanovas:
“Das kann an einem Ort sein, einem Theater etwa, zu einem Ballett beispielsweise, wo unser Material zu einer Performance ausgearbeitet wird, was ich persönlich sehr schön fände. Uns fehlen allerdings ein wenig die Partner für solche Projekte. Ich halte momentan Ausschau nach Choreographen.”

Wo immer du bist

Eine fette Bassdrum scheint eher ungeeignet zu sein für eine Musik, die an mehren territorialen Räumen funktioniert. Die Tracks von Sieg über die Sonne sind feingliedrig und voll, dennoch sind die Sounds sehr clean, klingen fast übertrieben nach Technik. Aber gerade durch diese übertriebene Glätte öffnet sich das Feld zum anderen rhythmischen Raum. Die südamerikanische Musik tritt nicht als benennbarer Signifikant in die Tracks, wie etwa bei Atom Hearts Kraftwerk Projekt, sondern als minimale Verschiebung der musikalischen Textur. Nicht die Masterstyles House & Techno sind das Feld für diese Manipulationsarbeit, sondern Ambient, Breakbeat und Popmomente. Dubtechno als Produzent von Raum und Tiefe spielt hier überhaupt keine Rolle, vielmehr ist die Ruhe Ambients Chiffre für das noch nicht Benennbare. Andererseits soll die als Versuchsanordnung angelegte Musik live auch so verdichtet werden, dass zwei, drei Stunden dazu getanzt wird:
“Man muss die Maschinen eben voll ausnutzen, in die extremen Frequenzzonen hineingehen, um Räume zu schaffen, die Dynamikgrenzen erweitern. Das wäre dann reines Tanzen.”

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Elektronische Lebensaspekte.