Text: Sascha Kösch aus De:Bug 43

Amerika zählt
auf Daniel Bell

Achtung, Achtung. Legendenzeit. Aber nur kurz. Detroit. Wir kommen noch mal darauf zurück, auch wenn Daniel Bell nicht wirklich eine Marke mit sich herumtragen könnte: Born In Detroit, den Klang von “Made in Detroit” hat man zum großen Teil auch ihm zu verdanken. Und mehr. Er würde es verneinen, oder zumindest nur mit einer ungemütlichen Geste eingestehen, der Sound von Daniel Bell ist überall. Erst mal also ein kleiner Rundgang durch seine Geschichte.

Legende Nr.1
Daniel Bell kam über ein paar Zwischenstationen (Highschool-Punkband namens “God Loves Punks”) von der Westküste in Toronto und in Detroit an, um dort Film zu studieren. Mitgebracht hatte er eine Vorliebe für HipHop und dessen Produktionsweisen. Die einfachen Beats, die spartanischen Arrangements. Bis auf ein paar gescheiterte halbherzige Versuche ist von Film nichts übriggeblieben. Wozu auch. Er veröffentlichte 1990 auf dem noch ganz neuen “Plus 8”-Label als Cybersonic einen Track in Zusammenarbeit mit Hawtin: “Technarchy”. “Technarchy” war ein Startschuss. Ohne Tracks wie diesen wäre Techno hierzulande – und zumindest in Kontinentaleuropa – nie zu dem geworden, was es ist. Das, was später mal Sägezahn hieß, dieser nagende Synthesizersound, wurde hier ins Zentrum gerückt. Belgientechno, Hollandtechno, Tekkno mit vielen K’s, all das Griff immer auch auf “Technarchy” zurück. Legende Nr.1.
Und dennoch war “Technarchy”, das weltweit ziemlich erfolgreich war und es sogar auf eine Bertelsmann Compilation brachte, einer der Gründe, warum Daniel Bell nicht allzu lange bei Plus 8 blieb. Zu hart. “Das war nicht mein Stil. Plus 8 wollte weiter in diese Richtung gehen, aber ich wollte eher grooviger, langsamer, konzentrierter arbeiten.” Das tat er. Und wir vergessen generös, dass Cybersonics “Jackhammer” gut und gerne für Gabba verantwortlich sein könnte. Zusammen mit Claude Young startete er ein eigenes erstes Label namens “7th City”, benannt nach der Comic-Vision von Alan Oldham. Die Vision eines gothamähnlichen Detroits, einer Stadt, die so nie existiert hat, denn Detroit hat mal grade ein Viertel mit Hochhäusern, die den Namen verdienen. Eine 12″ erschien. “Planet Earth/Trance Missions”. Auch das wieder ein Hit, soulful, housig, deep und dennoch hart, vor allem aber: überall gespielt. Eine 7inch ging unter, Claude Young beschäftigte sich mit eigenen Dingen und Bell wollte sich mehr konzentrieren. Also erfand er “Accelerate”, sein neues, ganz eigenes Babybell.

Legende Nr.2
Warum Accelerate und die Tracks, die er dort als DBX gemacht hat, so legendär wichtig sind, lässt sich leicht erklären. Es rief, unter Berufung – Amerikaner gehen gerne in Berufung-, auf die von ihm geliebte HipHop Produktionsweise, minimale Jackhouse Chicagogrooves dazu auf, sich um einen Sound herum zu organisieren. Um einen. (Nicht zwei.) Es reduzierte das, was an Songresten in Techno übriggeblieben war, einfach so weg. Minimalismus war geboren. Sicher gab es vorher schon Minimalismus, aber nicht in Techno, House, elektronischer Musik, nicht in so konzentrierter, nahezu mit dem ersten Release klassischer Form. Die Tracks damals, zwischen 1991 und 1994, hießen: Blip, Bleep, Phreak, Electric Shock, wurden “reduced”, nicht “produced”. Sie versammelten so etwas wie ein musikalisches Hackerethos und die krudeste Simplizität der Maschinen (lange Zeit war die Casio RZ1, eine Cheapo-Mini-Sample-Drummachine, das Zentrum der Tracks), das Überlassen der Persönlichkeiten und Stimmungen an einen roboterähnlichen Groove. Sie waren eine der ersten Verbindungen von Futurismus und Nostalgie einer nicht erfüllten Zukunft der Vergangenheit. Der sehr nahen.
In Chicago rockte Accelerate, weil die Beats denen in Chicago ähnlich waren. Sehr ähnlich. Und das freakig Elektroide der Chicagoer Houseszene wie eine Erleuchtung vorkommen musste. Auf der Welt machten sich sofort endlose Nachahmer auf den Weg, vergaßen Acid und all das Gewusel breiter Arrangements und Patternschichtung und begannen sich noch einmal hinzusetzen und mit Daniel Bell zu reduzieren, was reduziert werden musste. Alles. Vielleicht ohne es zu wissen, vermutlich aber nicht ganz. Zumindest in den Zentren der neuen Entwicklungen von minimalen Technotracks ist all das, was wir heutzutage als Clicks, als reduzierten Minimalismus usw. hören, all die serielle Art, mit Labeln umzugehen, Teil eines Erbes von Daniel Bell. Legende Nr.2.

Legende Nr.3
Zum Geldverdienen arbeitete er nebenher während dieser Zeit bei “Record Time”, dem Detroiter Vertrieb, und entwickelte so ein Standbein für Detroit Tracks auch neuerer Label in aller Welt. Als 1994 “Losing Control” auf Accelerate und für Europa Peacefrog erschien, begann Legende Nr.3. “Ich habe einfach mit Filtern gemacht, was keiner vorher so gemacht hat.” Und gab damit den sehr frühen Startschuss für ein erneutes Zusammendriften der zu dieser Zeit stark auseinandergelebten Szenen von House und Techno – und natürlich für endlose Variationen des Filterthemas, aus dem sich noch heute ganze Genres zusammensetzen können. Das Geld, nicht wenig, steckte er in einen eigenen Vertrieb, 7th City und sein gleichnamiges neues Label. Denn das sehr strikte Thema der Reduktion auf Accelerate (er bekam damals massenweise Promos, die genau so klangen wie DBX) war erst mal zu genau definiert, um weitergetrieben zu werden, auch wenn auch jetzt noch Tracks aus dieser Zeit erscheinen, sei es auf Klang oder Peacefrog oder Accelerate, und immer noch genau so frisch klingen können.
Die Distribution schluckte soviel Zeit, dass an eigene Tracks vorerst gar nicht mehr zu denken war, obwohl er sein Studio direkt neben dem Schreibtisch aufbaute. Bis 1998 steckt er so in Aufgaben der Administration und des Handlings von 7th City in beiden Formen, dass man schon trotz gelegentlicher Releases dachte, Daniel Bell hatte seine Zeit. Dann aber begann sein neues Label “Elevate” (auf dem er zunächst Tracks des damals noch ganz unbekannten Theo Parrish veröffentlichte, jetzt immer mehr seine eigenen Tracks als Elevate Special Projects) wieder zu einer Legende zu werden. Er hing die Distribution endlich an den Nagel, verkaufte sein altes Equipment (die legendäre RZ-1 ist bei Theorem gelandet) und machte sich Gedanken über den seltsamen Stand elektronischer Musik in Amerika. Es war einfach nicht mehr progressiv genug. Man hatte ein paar Jahre verschiedenster Wellen von Acid und anderer Stile hinter sich, meist stark zersplittert auf lokale Szenen und wenige Clubs. Doch die wirklich neuen spannenden Tracks kamen fast alle aus Europa, und das hauptsächlich, weil in den Staaten jeder in einer irren Weite aus Land nur noch vor sich hin werkelte. Genau diesen Punkt im Visier machte er sich an die Sammlung neuer Tracks für 7th City das Label, und als er vor über einem halben Jahr von Tresor zu einer Mixcompilation eingeladen wurde und die ihm obendrein auch noch eine Wohnung vermitteln wollten, zog er nach Berlin. Mitte.

Bauen an Legende Nr.4
In eine Kleinstadtatmosphäre, in der Nachts alles so still ist, dass man die Vögel in den Bäumen plaudern hören kann, obwohl mitten im kulturell ausgebombten Hypegebiet schlechthin gelegen. Dort produziert er nun Tracks auf leisester Lautstärke, sucht die neuen Stücke für seine drei Label aus (bzw. alte für Accelerate) und hält nach dem nächsten Schritt elektronischer Musik Ausschau, in dem all das, was an Legenden war, aufgehoben werden kann, und sich dennoch etwas Neues entwickelt. Er ist zu einem Powerbook-Menschen geworden. Ein Computerproduzenten. Jemand, der Tiefe und Reduktion, House und Techno, Digitalität und neue Wege zusammen mit den Leuten auf seinem Label, alles Freunde seit langer Zeit verbindet – Anthony Shakir, Tejada, Shawn Rudiman, Titonton Duvante. Aber auch mit Neuentdeckungen wie Jeff Samuels, der seit 1995 in einem Zeitloch in irgendeiner so obskuren Kleinstadt Amerikas wohnt und produziert, dass Accelerate Tracks von damals ihm noch präsenter als alles sind, was heutzutage geschieht, der aber dennoch einen neuen Aspekt bringen kann. Einen ganz eigenen Sound. “Es gibt viele solcher Leute in Amerika. Man muss sie nur finden. Seit den großen Wellen von Techno damals sind sie irgendwo untergetaucht, haben nicht wie hier ständig Verbindung zu Plattenläden oder anderen Producern und arbeiten konzentriert vor sich hin.”
Nach einer so langen Pause hat es einige Zeit gedauert, aber nun ist 7th City wieder da. Ganz da. Die Tracks der Hand voll EP’s, die ich von den kommenden Releases auch auf Elevate gehört habe, zeigen, dass Amerika neben all den neuen Labeln der Powerbookgeneration auch in den Produzenten der ersten Zeit wieder eine neue Weise gefunden hat, relevante Tracks für die Zukunft zu produzieren, die mit Sicherheit wieder irgendwann ihre eigenen Legenden bilden werden. Und wenn, dann im Zusammenhang mit Daniel Bell.

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Elektronische Lebensaspekte.