Mute ist das größte und dienstälteste Elektronikindielabel Englands. Von Depeche Mode über Richie Hawtin bis Pole hat es sich über 20 Jahre frisch gehalten. Mute-Chef Daniel Miller verrät DEBUG in einem seiner raren Interviews, was er für die nächsten 20
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 41

Depeche Mode, oder doch U2?
Ein Treffen mit Mute-Chef Daniel Miller

“Hi, ich bin Daniel”, sagt Herr Miller, streckt mir eine große, freundliche Hand entgegen, macht sein Telefon aus, plumpst auf das Sofa, bestellt Kaffee, und meine geheime Sorge, dass das Gespräch etwas zäh werden könnte, ist wie weggewischt. Denn: Daniel Miller, Chef von Mute Records, gibt eigentlich keine Interviews, hat auch das gesamte vergangene zwanzigste Geburtstagsjahr seiner Plattenfirma über konsequent geschwiegen, einfach weil…:”Was hab‘ ich schon zu erzählen, die Musiker müssen reden.” Sagt einer, der 1979 aus seinem Londonder Wohnzimmer aus die vielleicht erfolgreichste Independent-Plattenfirma aller Zeiten startete, Labels wie Factory oder Creation überlebt hat und die Basis für diesen Erfolg eben doch selbst als Musiker gelegt hat, mit der 7″ ‘T.V.O.D / Warm Leatherette‘ von The Normal, einem Meilenstein elektronischer Musik, erfolglos gecovert von unzähligen Bands und Acts. Grace Jones und DJ Hell sind nur einige von ihnen. Heute umfasst der Mute-Katalog somit das Abwechslungsreichste, was eine Plattenfirma bieten kann: Depeche Mode und Non, Erasure und Nick Cave, Appliance und Throbbing Gristle, Can und Moby, Richie Hawtin und Yazoo.

Let there be punk

“T.V.O.D.? Die übliche Geschichte. Ende der 70er Jahre waren plötzlich Synthesizer erschwinglich und ich konnte elektronische Musik machen. Denn nichts anderes habe ich gehört. Elektronik, vor allem aus Deutschland. Deutsche Musik hat mich über die Jahrzehnte immer wieder am Leben erhalten, außer Punk fällt mir an englischer Musik nichts ein, was irgendwie wichtig gewesen wäre. Punk und Elektronik waren dabei, sich zu vermischen, und ich wollte eine Single machen. Ab ins Presswerk und dann zu RoughTrade. Dort erfuhr ich, dass der Laden gleich die ganze Auflage vertreiben wollte. Ich hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte, das ganze Plattengeschäft war völlig neu für mich. So wurde die Single ein kleiner Hit. Ein Label wollte ich aber nie machen. Erst als ich ein paar Demos bekam, wuchs die Idee in mir.” Gesagt, getan. Willkommen in Daniel Millers Universum, in dem Depeche Mode fortan genauso Platz hatte wie Fad Gadget, DAF oder der extreme Noise eines Boyd Rice. “Depeche Mode sind zum Teil dafür verantwortlich, dass ich selber aufgehört habe, Tracks zu produzieren. Die Chance, mit ihnen gemeinsam im Studio zu arbeiten, war viel spannender für mich als an eigenem Material zu arbeiten. Ich habe mich sowieso nie als Musiker verstanden, mochte die Suche nach Sounds immer viel mehr, als diese dann in Songs umzusetzen.” Und doch. Neben einigen Kollaborationen erfand Miller ganz nebenbei die Silicon Teens, die erste virtuelle Teenyband, die mit rein elektronischen Mitteln Rock’n’Roll Klassiker coverte. Analoger Powerpop, der nichts mehr mit der futuristischen Minimalmusik von The Normal zu tun hatte. Oder doch? “Ich weiss nicht, ob der Unterschied wirklich so groß war. Natürlich interessierten sich plötzlich andere Menschen für meine Musik, aber als großer Pop- und Chuck Berry-Fan machte es für mich keinen entscheidenden Unterschied. Und die Platte war extrem erfolgreich. Die Single ‘Memphis Tennessee‘ war einer der wenigen Tracks, die John Peel jemals zweimal in einer seiner Shows spielte. Gott, was war ich stolz.” Kein Zurück mehr also. Mute war geboren, und mit Depeche Mode winkten die Charts. “Ich hätte es mir beinahe mit Depeche Mode verscherzt. Als ich sie das erste Mal traf, hatte ich wahnsinnig schlechte Laune und wollte mir partout nicht ihr Tape anhören. Außerdem hasste ich New Romantics, und die Jungs waren wie dem entsprechenden User’s Guide entsprungen. Dann spielten sie im Vorprogramm von Fad Gadget und es war um mich geschehen. Sie gaben mir noch eine zweite Chance, zum Glück…aber das wohl für uns alle das Beste.”
Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe alter Freunde, die alle in denselben Studios arbeiteten, entwickelte Miller ein Netzwerk, im dem das Label langsam wachsen konnte. Nach dem Motto: Klar spiele ich dir diese Basslinie ein, ich bräuchte dich dann nächste Woche für ein paar Stunden Engineering. Dann können wir auch noch diesen Mix fertig machen…- Wenn eine neue Musik dabei ist, sich zu etablieren, gibt es keine Grabenkämpfe.

Es wird ernst

Depeche Mode waren zusammen mit Vince Clarkes Nachfolgeprojekten Yazoo und Erasure die Initialzündung für Mute. Sie bezahlten die Rechnungen für die kleineren, nicht so kommerziellen Projekte. “Schwierig zu beurteilen, wo Mute heute wäre, wenn ich damals nicht Depeche Mode getroffen hätte. Vielleicht wäre die Firma längst tot, vielleicht hätten wir U2 gesignt, keine Ahnung. Wichtig ist, dass wir damals so intensiv an Depeche Mode und Yazoo gearbeitet haben, dass ich bestimmt zwei Jahre lang überhaupt keine Platten mehr gekauft habe. Wir wollten in die Charts, das war das Wichtigste. Und wir haben es geschafft.” Der Rest ist Punk. Denn wer Ende der 70er Jahre angefangen hat, Platten zu kaufen und aus England kommt, war Beatles Fan, hat die Sex Pistols miterlebt und ist so in der Lage, sich mit einer Vielzahl von Musikrichtungen zu identifizieren und das Label mit unterschiedlichen Genres zu bestücken. Mute ist eine der wenigen Plattenfirmen, auf der so unterschiedliche Acts wie Nick Cave neben Nitzer Ebb und Laibach neben Komputer Sinn machen, weil sie alle unterschiedliche Nischen des Geschehens ausfüllen und der Back-Katalog so voller Referenzen steckt. Nicht nur, weil viele Künstler sich über die Jahre mehrmals musikalisch komplett neu erfunden haben und so gleich auf mehreren Zonendecks des Mute-Imperiums ihre Liegestühle platziert haben. “Ich musste während der 21 Jahre nur zwei Bands rauswerfen, weil sie sich musikalisch zu weit von dem entfernt hatten, was zu Mute passt. Bei allen anderen Bands, die die eine oder andere Totalwendung gemacht haben, war es immer so, dass mir die eine Platte dann mal besser gefiel als die darauffolgende. Es passt aber immer. Musiker brauchen Freiraum. Man kann niemanden für mehrere Jahre signen und davon ausgehen, dass man so drei Alben des gleichen Stils eingekauft hat.”

Wo ist der Dancefloor?

Das hat man sich bei Mute oft gefragt, denn außer Renegade Soundwave und völlig unbekannten Acts wie Fortran 5 hat Mute Dance und Techno komplett verschlafen. Könnte man zumindest denken. “Wir hatten mit Rhythm King unser eigenes Dancelabel und mit Bomb The Bass und S-Express ja auch sehr erfolgreiche Acts. Die Verbindung zwischen den beiden Labels war nur vielen Leuten nicht klar. Wir handhaben das heute eigentlich noch genauso. Wenn sich ein Mitarbeiter für eine spezielle Musikrichtung besonders interessiert und sich da engagieren will, gründen wir ein neues Sublabel für die Basisarbeit. Aber gerade heute ist es ja so, dass diese Grenzen zwischen den Genres immer mehr verschwimmen, oder die Musiker einfach andere Dinge ausprobieren wollen. Pan Sonic zum Beispiel. Warum sind die auf Blast First und nicht auf Mute direkt? Es ist schwierig, das genau auseinanderzuhalten. Für viele mag es verwirrend sein, ich finde es spannend. Und mit Nova Mute haben wir heute ein Dancelabel mit etablierten Künstlern wie Richie Hawtin oder Luke Slater. In Amerika sind Paul van Dyk und The Prodigy unsere Künstler, die wieder völlig andere Aspekte der Tanzmusik abdecken. Und andere Acts wie DAF oder Nitzer Ebb waren ja auch immer Dancefloor orientiert, nur auf eine andere Art und Weise, einfach, weil sie ein paar Jahre früher angefangen haben.” DAF kamen, gingen und tauchten dann schließlich wieder auf Mute auf. Denn fast ebenso wichtig wie Neuveröffentlichungen sind die Reissues alter Platten. So hat Mute den gesamten Back-Katalog von DAF zurückgekauft, hält die alten Throbbing Gristle Platten auf dem Markt und ist auch stolzer Lizenznehmer der deutschen Krautrocker Can. “Das ist musikalische Geschichte, die man nicht einfach sang- und klanglos in den Regalen von Second Hand Läden verstauben lassen darf. Und als ich The Prodigy gesignt habe, hatten sie nur einen Wunsch…den Can Back-Katalog. Ihre Platten sind voll von Can-Samples. Ich finde das bezeichnend. Der Kreis schließt sich sozusagen. Auch diese Bands haben Einflüsse, und wenn diese Platten dann auch auf Mute veröffentlicht wurden, versteht man vielleicht auch besser, warum bestimmte Acts eben bei uns sind und nicht auf dem Major XY.” Eine Sache habe man aber in der Tat verschlafen, gibt Daniel Miller zu. Das, was man gemeinhin als Laptopmusik bezeichnet, findet auf Mute so gut wie nicht statt. “Mein eigenes Studio ist auch längst auf einem Powerbook und ich verfolge die Entwicklungen dieses Genres sehr genau. Wir haben auch gerade unseren ersten Act gesignt. Wieder mal jemand aus Deutschland, der bereits mehrere Platten gemacht hat. Lass dich überraschen.” Naja, ich habe da so eine Ahnung, aber dennoch…gerne.

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Elektronische Lebensaspekte.