Mit den Beats muss nicht gleich auch der Nacken brechen, findet Danny Breaks und gibt der Drum and Bass-Galaxie den Funk zurück. Auf seiner Platte "Vibrations" bleepen sich die Samples organisch in die fantasierte Zukunft der Breaks.
Text: clara völker aus De:Bug 60

Am Laufen Halten

Das Weltall ist kein sonderlich erforschter Raum und lässt daher diverse Möglichkeiten zu, es imaginär zu füllen. Ein idealer Spielplatz, um musikalische Visionen hinein zu projizieren. So sieht das anscheinend der Engländer Danny Breaks und platziert Drum and Bass auf seiner LP “Vibrations” mit organischer Leichtfüßigkeit in der gebrochen groovenden Unendlichkeit. Die Vorliebe für sphärische Angelegenheiten kommt natürlich nicht aus dem Nichts: “Früher war ich immer von den ganzen Science Fiction-Filmen fasziniert, Star Wars und so, die ganzen Knöpfe da drin, die Konsolen und Raumschiffinstrumente. Wenn man im Studio ist, hat man ungefähr den gleichen Vibe. Es gibt auch eine Menge Knöpfe zum Drücken, es ist, als hättest du da dein eigenes Kontrollschiff oder so etwas.” Statt völliger Realitätsflucht wiegt Danny Breaks auf seinen Platten Bassläufe und Blechbeats mit feingliedrigen und ungeschliffenen Sounds aus und klingt damit abseits brachialer Clubformate gleichzeitig konkret weitläufig und entfernt harmonisch. Komplexität ist dabei jedoch nicht oberstes Prinzip. Ein simples aber ausgeklügeltes Fundament verfrachtet sämtliche spacige Extras in den Hintergrund. Ähnlich wie bei HipHop basiert Drum and Bass bei Danny Breaks vor allem auf originellen, teilweise recht schwelgerischen Samples. Auch deswegen hört sich seine Musik trotz Futurismus weder kühl noch bombastisch, sondern immer analog und warm an. “In den letzten zwei bis drei Jahren hat es sich vom Im-Studio-Überschnappen zum Finden von einem netten Stück Musik, das man verwenden kann, entwickelt. Es geht darum, die richtigen Elemente zu finden, mit denen man beginnen kann. Man muss sich nicht verrückt machen über kleine, hinzugefügte Sachen sondern versuchen, es am Laufen zu halten.” Statt auf technische Raffinessen setzt er auf zusammengepuzzelt flowende Ideen, die ihre Brillanz in der abhebenden Leichtigkeit erreichen. Damit bleibt er seinem auf Weiterentwicklung beruhenden Labelkonzept treu: “‘Droppin‘ Science‘ bedeutet, etwas auf ein höheres Niveau zu bringen, nicht die gewöhnlichen Sachen sondern etwas, das mehr wissenschaftlich ist. Früher haben wir eher technische, wahnsinnig komplizierte Sachen gemacht. Jetzt geht es mir mehr um eine clevere Weise, ein Sample zu verwenden. Die meisten Drum and Bass Leute suchen nicht auf alten Platten nach Samples. Beispielsweise stammen die Drums, die sie verwenden, oft von ziemlich offensichtlichen Quellen. Die Science, die ich jetzt droppe, besteht darin, Flohmärkte nach alten Platten zu durchstöbern und rare Drum Breaks zu verwenden.”

Spaßiges Verdrehen

Neuerscheinungen im Drum und Bass Sektor wecken Danny Breaks’ Interesse demzufolge nicht mehr. Er legt schon seit längerem lieber HipHop oder Breaks auf. Auch wenn auf der aktuellen LP keine expliziten HipHop Stücke zu finden sind, hat das Hören dieser Musik großen Einfluss auf seine Produktionsweise. “Drum and Bass Sachen werden im Augenblick schlecht, finde ich. Aber ich liebe immer noch das, was Drum and Bass Musik ausmacht, das ganze Tempo, die Art wie die Drums verwendet werden, die spezielle Bewegung, das, was es sein kann. Ich kombiniere HipHop und Drum and Bass, weil mich HipHop so beeinflusst. Wenn ich einen HipHop Track mache, digge ich zuerst nach einem Sample, Drums und sowas. Die gleiche Herangehensweise habe ich bei Drum and Bass. Meine Sachen hören sich wahrscheinlich deshalb leichter an, weil die meisten Drum and Bass Sachen diese harten, militanten Tunes sind, ich aber HipHop Samples in der Drum and Bass Sache verwende. Wahrscheinlich klingt es weicher, weil es auf einem organischen Sample beruht.” Persönliche Präferenzen loten die Platte aus: “Ich mag auch Easy Listening oder Bossa, und Chill Sachen sowieso. Ich finde es recht lustig, solche Loops über ziemlich harte Drums zu setzen und sie so etwas zu verdrehen.” Mal davon abgesehen, was vom Equipment her alles möglich wäre, das Spannende bleiben die unvorhersehbaren Lücken, die sich aus lustigen Ideen und verschrobenen, räumlichen Sounds ergeben. “Die ganzen Sounds, die man in Sciencefiction Filmen hört, sind wahrscheinlich unterbewusst in meinen Kopf gelangt, als ich jünger war. Es war immer mein Anliegen , solche Sounds zu machen. Ich mag wirklich ziemlich sphärische, irgendwie flowige Musik.” Da für Danny Breaks alles “eine Frage der Vibes” ist, scheut er sich nicht, auf dem Droppin‘ Science Unterlabel “Alphabet Zoo” atmosphärisch anmutende LoFi Hip-Hop Tracks zu veröffentlichen, die trotz galaktischen Flows funky genug sind, um mindestens Köpfe zu bewegen: Im Grunde ist Mr. Breaks nämlich Kopfnicker und Stubenscratcher: “Tanzen habe ich nie gemocht. Ich bin ein Kopfnicker. Aber ich mag es immer noch auszugehen und mit meinem Kopf zu nicken. Je betrunkener ich bin, desto intensiver werden die Kopfnicker. Mein Körper hört ungefähr am Nacken auf, sich zu bewegen.” So erklärt sich auch, weshalb er nach Deutschland, das er “kultivierter” als England findet und deshalb auch lieber mag, mit dem Zug reist. Latent langsame Entwicklung scheint für ihn die ultimative Bewegungsform zu sein, ob in Musik oder Realität: “Ich mag Zug fahren. Man kann sich seine Zeit nehmen und sieht die Welt an einem vorüber ziehen.”

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Der Londoner Danny Breaks feiert auf seinem Label "Droppin'Science" den B-Movie-Humor im Drum and Bass. Wenn ihn das nicht auslastet, hilft er im Hip Hop aus. Science droppen zwischen breaken und scratchen.
Text: michael busche/oke göttlich aus De:Bug 33

/drum and bass Weg von Noiseforschung, hin zum erweiterten Funkpool DROPPIN’SCIENCE Oke Göttlich & Michael Busch (oke@nonplace.de/mb@shakeup.de) (Foto: Akari Luig) Wenn es um anhaltenden Spass und fortgeschrittene Ästhetik innerhalb des Genres Drum’n’Bass geht, kommt man an Danny Breaks und seinem Label Droppin’ Science kaum vorbei. Droppin’ Science versteht sich seit seinen Anfangstagen 1993 als ein Label, das bisher weder Tribut an die fortschreitende Technisierung noch an selbstauferlegte Innovationszwänge zahlen musste. Danny bricht die wissenschaftlichen Züge strenger Konzeptualisierung und bringt gleichzeitig Witz und Originalität mit ins Spiel, was alleine schon genügen würde, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Gegenüber den meisten Droppin’ Science-Tunes lassen sich viele zeitgenössische Veröffentlichungen auf reine DJ-Tools reduzieren, die für die Party ohne Zweifel wichtig sind, aber den Groove und/oder Soul vor der Tür stehen lassen. Jenseits von Style-Opinion-Leadertum (von wegen: was, wie, wann, und warum wahrzunehmen wäre), verweist er lächelnd auf sein riesiges Sample-Repertoire aus B-Movie, Science-Fiction- und 70’s Blaxploitation-Soundtracks, die neben fein selektierten Beats und Breaks die Atmosphäre seiner Tracks aufbauen. Eine Stärke, die sich durch seine Ablehnung von laborähnlich generierten Sounds ergibt. In seinem Studio ist noch Platz für staubige und dreckig klingende Samples, die sich wie Viren in die Festplatte fräsen und auf Vinyl so unverschämt lässig wirken. “Für mein Verständnis sind viele alte Tracks viel futuristischer als Techno heute ist”, sagt Danny Breakz. “Die späte 60’er Jahre Musik ist bereits Drum’n’Bass für mich. Knackige Beats und voluminöse Grooves, dafür braucht man nicht das neueste Kabel oder die modernste Maschine. Damit klingt alles so furchtbar poliert. Ausserdem kann man die spacigen alten Sounds nicht allein mit dem Equipment machen”, bringt es Danny auf den Punkt. Er hat auch kein Problem damit, sich genreübergreifenden Projekten anzuschliessen, der Liebe zum HipHop zu frönen oder auch einfach mal nur ein Buch zu lesen. Ob es deswegen auch leichter fallen muss, der ewigen Science vs. Humor-Diskussion fruchtbares hinzuzufügen, sei dahingestellt. Use Of Weapons aka Dave Brinkworth & Marc Pritchard, seine momentanen Labelmates, zeigen ebenfalls auf einen leicht veränderten Kurs bei Droppin’Science: weg von reiner Noiseerforschung, hin zum erweiterten Funkpool. Droppin’ Science verpflichtet, und so hängt die Messlatte ziemlich hoch. Immerhin gehen Klassiker wie ‘Astrological’ oder ‘The Bear’ auf Dannys Kappe. Und wieder: Innovation ist, wenn es trotzdem funkt! Die letzten beiden Doppel-EP’s sind mehr als ein richtiges Album und gleichzeitig eine repräsentative Werkschau. Zwischen den Welten von schleppendem, spacey HipHop und Inyourface-D&B zu vermitteln, bedarf fast ausserirdischer Diplomatie, obwohl eigentlich nur einen Mausklick entfernt. Die direkte Verbindung zu Rare Groove, Jazz und Funk muss bei ihm nicht künstlich hergestellt werden, wirkt dabei allerdings auch nie aufdringlich oder cheesy. Hier könnten Pädagogen und Sozialarbeiter ansetzen, aber Scratchen ist immer noch nicht in irgendwelchen Lehrplänen verankert. “Seit ich kein Grass mehr rauche, hab ich auch auf jeden Fall mehr Energie, um Sachen zu machen, die bislang zu kurz gekommen sind. Scratchen ist nur ein Beispiel!”, wie er uns vor einem strikten Funk/HipHop-DJ-Set in Köln verrät. Seine Skillz auf diesem Gebiet kann man aktuell bei seinen Remixen für DJ Zinc oder dem Karma Album ‘Thrillseekers’ hören, HipHop-Fans dürfen sich ausserdem auf die Bearbeitung für Lootpacks ‘Weeded it’ freuen. Da schliesst sich der Kreis um HipHop. Dannys Hang zur LoFi-Funk-Ästhethik schraubt leichtfüssig die Halbwertzeit der Tracks hoch. Nicht zuletzt weil “die Drums das wichtigste sind. Das muss den Leuten immer wieder gesagt werden!” Breaks ‘r us.

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