Daniel Savine ist gerade auf der Höhe seiner Drum and Bass-Karriere. An seiner Wohnungstür in Ludwigshafen klingeln die Engländer von Reinforced Sturm, um seine Tracks mit Kabuki zu lizensieren. Doch der christliche Glaube ist stärker als die Musik.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 43

Den Amen Break wörtlich genommen
Daniel Savine & Kabuki

Daniel Savine ist auf Abschiedstour. Wenn dieser Artikel erscheint, liegen zwischen seinem letzten Mal Platten drehen und dem selbstgewählten frühzeitigen Ruhestand höchstens noch ein paar Tage, denn Ende 2000 ist Schluss. Warum, dazu kommen wir später. Beim ersten Hinsehen scheint der Zeitpunkt selten schlecht gewählt zu sein, läuft doch bei Daniel Savine musikalisch zur Zeit alles rund. Zusammen mit Precision, Makai und Megashira Tausendsassa Kabuki hat er gerade seine erste 12″ auf Reinforced veröffentlicht. Ihre beiden Tracks “Invader” und “Clink Street” sind die ersten deutschen Tracks, die ihre Heimat in Dollis Hill gefunden haben. Etwas, wovon man hierzulande vor zwei Jahren nur zu träumen wagte. Auch davon, dass Tracks aus Kontinentaleuropa einmal von den Dons des Drum and Bass, Grooverider und Fabio, auf deren BBC One In The Jungle Radioshow rauf und runter gespielt werden. Sozusagen der Adelsschlag in der Welt der Breakbeats. Mit “Intastate”, dass im Januar auf “Skunkrock Productions” (sein ehemaliges Label, aber auch dazu später mehr) erscheinen wird, wartet sogar ein Track mit noch größeren Hitqualitäten darauf, die Fähigkeiten des Produzentenduos Savine/Kabuki mit noch fetterem Edding zu unterstreichen. Aber wie gesagt, Ende des Jahres ist Schluss damit.

Von Dollis Hill nach Ludwigshafen

Daniel Savine ist im Norden Londons aufgewachsen. In Dollis Hill, Heimat des Reinforced Headquarters gleich in der Nachbarschaft, ging er mit Marc Mac und Bundesgenossen zur Schule, hing rum und entdeckte die Liebe zu Musik im Allgemeinen und zu Breakbeats im Besonderen. Anfang der Neunziger zog er nach Ludwigshafen, aber der Kontakt zur Reinforced Crew riss nicht ab. Ein Umstand, der ihm später bekanntlich sehr zu gute kommen sollte. 1995 produzierte er zusammen mit seinem Freund Vortexion – einigen vielleicht noch durch seine Releases auf Reinforced in Erinnerung – seine ersten Tracks auf 7″. Einige Jahre später gründete er sein eigenes Label: Skunkrock Productions, das er später Mark von ESP Bookings überlässt. Beim Auflegen lernte er Kabuki kennen. Man verstand sich und tauschte Telefonnummern aus, um bei Gelegenheit einmal zusammen ins Studio zu gehen. Das erste Ergebnis ihrer Zusammenarbeit war “Backup”, ein deeper Roller mit Wobbelbassline, der sich als B-Seite zu Dom & Rolands Remix von Daniels “This Time” anschickte, diesem den Rang als Kaufargument abzulaufen. Das war 1998, Skunkrock Productions’ Katalognummer 003, und schon damals konnte man erahnen, dass die beiden noch das Potential für so manchen großen Track haben würden. Eine Tatsache, die auch nicht den alten Kumpels von Reinforced verborgen blieb, und so bat man Daniel und Kabuki, einen Track für die “Deadly Chambers Of Sound Compilation” zu machen. Da Kabuki als Zweitwohnsitz Tokyo sein eigen nennt und die Zeit sowieso schon fortgeschritten war, einigte man sich darauf, anstatt des Compilationbeitrages eine 12″ abzuliefern. Platz frei für “Invader” und “Clink Street”. Diese beiden Tracks, aber vor allem auch “Intastate” (das eigentlich auch für Reinforced gedacht war, später aber durch “Invader” ersetzt wurde und von Skunkrocks Mark zum Glück vor dem Regal bewahrt wurde) sind die besten Beispiele dafür, wie weit sich Drum and Bass Produktionen aus Deutschland mittlerweile entwickelt haben. Warme, pulsierende Basslines, ein Hauch Detroit in den Sounds und crispe Beats bilden das dancefloortaugliche und hoch musikalische Dreigestirn, das von den Engineerskills von Mainframe (of Makai Fame) noch unterstützt wird. Wie gesagt, da können selbst Grooverider und Fabio nicht widerstehen.

Die Abschiedsrunde
“Ich bin ein schwacher Mensch, und deswegen muss ich mich von der Versuchung befreien,” höre ich Daniel am anderen Ende der Leitung sagen. “Ich weiß, dass viele Leute denken werden, dass ich eine Macke habe, aber ich bin Christ und das Leben im Musikbusiness hält mich von meiner spirituellen Entwicklung ab. Ich liebe Musik, aber ich brauche diesen radikalen Schnitt. Wenn jemand süchtig ist, dann muss man die Sucht bekämpfen. Ich bin dreifacher Vater, und demnächst wird meine Frau unser viertes Kind zur Welt bringen. Ich möchte meinen Kindern ein gutes Vorbild sein. Ich habe lange darüber nachgedacht und auch lange mit mir gekämpft, aber jetzt bin ich mir sicher, Ende des Jahres ist Schluss mit Auflegen und Produzieren. Das Musikbusiness ist dekadent und geprägt von Materialismus, Hedonismus und Geldgier. Ich möchte daran nicht teilhaben. Guck dir die Bilder im MixMag an, meine Frau hat mich gefragt, ob ich meine Kinder später so sehen möchte, und die Antwort war nein. Dass eine Menge Freunde versuchen, mich zum Weitermachen zu überreden, schmeichelt zwar meinem Ego, aber ich bin fest entschlossen, Ende des Jahres aufzuhören und mich nur noch um meine Familie und meine spirituelle Entwicklung zu kümmern. Aber wer weiß, was später einmal passiert.”
Angesichts einer solchen Erklärung muss ich erst einmal schlucken. War nicht Musik die Erlöungsversprechung überhaupt? Kann man die Liebe zur Musik für die zugegebenermaßen vorhandene hedonistische Stoßrichtung der Clubkultur verantwortlich machen? Und ist nicht jeder selbst dafür verantwortlich, inwieweit er sich diesem Treiben hingibt oder nicht? Vielleicht ist genau das einer der Gründe für Daniel, die Technics in die Ecke zu stellen. Wie auch immer. Wir wünschen ihm viel Glück.

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Elektronische Lebensaspekte.