Selbstdarstellung und -aufwertung ist im Netz ist zur täglichen Kleiderfrage geworden: Welches CSS trage ich heute? Bildersignaturen und unbedingter Gestaltungswille künden vom persönlichen Ich-Expertentum.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 107

ICH BIN DAS MEDIUM
NEUE FLÄCHEN FÜRS EGO

Neue Flächen fürs Ego

Computer sind kalte Wesen. Jedenfalls haben die letzten 30-40 Jahre herzerweichender Versuche der Anthropomorphisierung von Computern den meisten Menschen diesen Gedanken immer noch nicht ausgetrieben. Aber längst geht es ja auch nicht mehr um den Computer als das andere Wesen. AI (Artifical Intelligence) ist ziemlich von der Bildfläche verschwunden, spätestens seit wir alle wissen, dass Gentechnologie eigentlich ein viel besserer Anwärter auf den “neuen” Menschen ist. Es ist der Screen als Ausdruck des Ichs, um den sich seit einer Weile alle Versuche der Übertragung von Menschlichkeit auf den Rechner drehen. Heimat statt HAL. Nicht mal die Laptop-Wärmflasche hat uns diesen Gedanken ausgetrieben. Nachdem das tragische Schauspiel der Konfektionierung des Screens als persönlichster Ausdruck uns nun ein Jahrzehnt peinlichster Bildschirmhintergründe gebracht hat, trägt Web2.0 die Selbst-Identifikationsmaschinerie in den öffentlichen Raum des Digitalen. Wenn Personalisierung das Web erobert, dann rankt sich in den Ecken des konfigurierbar Visuellen die heimische Bebilderungswut der eigenen Psyche und treibt zuweilen seltsame Blüten.

Hauptsache Bewegung
Erste Versuche für diese Art der Kommunikation von Selbstbildern dürften wohl “lustige” Email-Signaturen (nebst dafür gebastelter Programme) oder das hektische Auswechseln von Buddy-Bildchen gewesen sein. Und auch heute noch ist Instant-Messaging ein beliebter Spielplatz für alle, die ihr Anders-Sein publik machen wollen. Gelegentlich auch zurecht. Wann immer ich z.B. iChat anwerfe, treffe ich A. dort. A. hat einen Fimmel: Seine “Away-Message” ist eine höchst persönliche Plattform, ein Spiegelbild seines Charakters geworden und damit auch ein Platz für Entertainment. Statt “I’m Away From My Computer Right Now” steht da: “lass mich bloß in ruhe”, oder “nur kurz schlafen …” oder alberner “geht grad echt nicht”, absurder “kurz im rentnerreichelt”, spielerisch “meine extraleben sind aufgebraucht” oder völlig prophetisch: “ich glaub der ausgang ist der weg”. Beziehungen online ziehen mindestens 50 Prozent ihres Wertes nicht aus dem, was man sagt, sondern dem Bild, das man liefert. (Hatte ich schon erwähnt, dass A. als Buddybildchen z.B. gerne Idi Amin nimmt oder ähnliche historische Skurrilitäten?) Wer sich gelegentlich in Foren rumtreibt, kennt dieses Phänomen von einer anderen Seite. Mindestens die Hälfte besteht da nicht aus Diskussion, sondern aus Bildersignaturen. Und wer dann noch ein Weltmeister im Jugglen von obskuren Smilies ist, wessen Profil-Bild eine dusselige Animation oder sonst so obskur wie möglich ist, der ist wer, der gilt was, der ist der Foren-Oberpimp. (Keine Frage, für Außenstehende, die diese Art Code nicht kennen, werden Foren dadurch gelegentlich unlesbar, die eigentliche Diskussion, an der diese Art von Personalisierungsprozessen einen großen Anteil hat, sowieso unnachvollziehbar). Grundsätzlich gilt: Wider die Voreinstellung! Und warum? Menschlichkeit ist keine Statik! Wenigstens online will man wer anders sein können. Kaum eine Plattform, in der nicht sofort versucht wird zu ändern, was irgendwie änderbar ist. Bestens erkennt man das gelegentlich etwas tragische Schicksal des Kampfes zwischen Voreinstellung und Selbstpräsentationswut auf MySpace. Eigentlich nicht dafür gedacht, dem Profil ein eigenes Erscheinungsbild zu verpassen (sonst müsste man sein CSS nicht an obskurster Stelle einpasten), ist MySpace die Renaissance der blinkenden Bildschirmhintergründe schlechthin. Verpönt sowohl in Web2.0 als auch der professionelleren Web-Design-Welt, zeigt die Vergötterung des animierten GIFs hier eins: Lesbarkeit ist zweitrangig. Wichtig ist Bewegung.

MySpace
Auch die schräge Art der Aufteilung in diverse Blocks von MySpace und die Unnavigierbarkeit widerspricht eigentlich jeglicher Usability, aber eignet sich genau deshalb perfekt zur Selbstdarstellung: Was jeder kann, ist einfach nicht persönlich. Wer auf MySpace, etwas darstellen will, der versucht, nicht nur so viele Freunde wie möglich zu sammeln, sondern macht aus den 8 oder 16 Freundbildchen ein Puzzle, ein Ideogramm, einen visuellen Friendspace, der nicht einfach von den abgebildeten Namen lebt, sondern von der Originalität der Bilder, die sich die Freunde für ihr eigenes Ich suchen. Und natürlich hört die Pflicht der Selbstdarstellung als Differenz hier nicht auf. Man muss auch noch lernen, gute “Thanks for you Add”-Bildchen zu haben und natürlich die richtige Auswahl von Filmchen oder Bildern in die Kommentare der eigenen Freunde zu posten.

YouTube + Blogger
Und auch auf eigenen Blogseiten ist die geschickte Auswahl von YouTube-Filmen, die man auf die eigene Seite packt, zu einem Ausdrucksmittel geworden. Sag es mit dem Medium. Während man sonst im extrem strikten, legalen Rahmen dessen, was man überhaupt bloggen darf, zu ersticken scheint, öffnet das Angebot von YouTube die Tore zur Medienflut. Blogpostings, die nur noch aus einem YouTube-Film bestehen, sind mehr als ein Trend. Sie sagen: Ich bin das Medium, ich kann damit umgehen und weil ich damit – in vorzüglicher Weise – umgehen kann, bin ich der Meister meines eigenen medialen Schicksals. Ein weiteres Spielfeld findet man auf den freien Blogprovider-Seiten (Blogger, WordPress, Twoday etc.). Da gibt es nicht wenige, für die die angebotenen CSS-Templates nicht etwa etwas sind, dass man einmal durchcheckt, um das für sich Passendste zu finden und so dem eigenen Blog eine visuelle Note zu geben, die zum Inhalt passen mag. Die Templates werden eher als eine Art Kleidung benutzt, die man möglichst oft wechseln muss. Welches CSS trage ich denn heute zum (online) Ausgehen? Je nach Wetter, Stimmung oder was sonst das Ich in Stimmung bringt.

Del.icio.us
Obskurer – und damit auch wieder für Nerds auch interessanter – wird die mediale Selbstrepräsentanz und -aufwertung des persönlichen Ich-Expertentums dann, wenn die visuellen Aspekte verloren gehen. Bestes Beispiel hierfür der Bookmarkservice Del.icio.us, der sich nicht ohne Grund vor kurzem entschieden hat, sich selbst zu einem veritablen Social-Software-Netzwerk zu erweitern. Während man zu Anfang nur auf seinem Blog rumposen konnte, welche coolen Seiten man so in der letzten Zeit gefunden hat (über die Verbindung automatischer Postings von Deliciousbookmarks auf dem eigenen Blog, ähnlich wie die Einbindung des eigenen Flickr-Accounts), geht es in letzter Zeit auf Delicious immer öfter auch darum, welche Bookmark-Poster Fans von einem sind, wer einem welche Online-Tipps zuspielt, wer zum eigenen Netzwerk gehört und wohin die kollektive Reise im Netz geht. Vermutlich aber wird auch hier soziales Netzwerk in Kürze bedeuten: Das Visuelle muss aufgepeppt werden.

Flickr + Wikipedia
Selbstdarstellung auf Flickr geht in der letzten Zeit einen ganz neuen Weg, den des Geo-Taggings: Verschafft man den eigenen Bildern einen Ort auf der Weltkarte, der nicht unbedingt stimmen muss, kann man sich so selbst als findigen virtuellen Globetrotter darstellen. Vermutlich ist das die erste Phase dessen, was geschieht, wenn das Netz endlich aus der engen Umarmung der Screens befreit und das darzustellende Ich plötzlich wieder mobil wird, so dass unsere mediale Repräsentanz nicht mehr nur darin besteht, die verschiedensten Weisen, in denen man online erscheint, bis ins kniffligste Detail zu personalisieren, sondern seine Persönlichkeit auf den digitalen Doppelbildern der realen Strukturen der Welt zu hinterlassen und zu beginnen, Webseiten und eigene Profile über kleine Screens in Kleidung zu integrieren und die MySpace-Freundeliste beim Eintritt in den Club auf die Anwesenden zusammenzuschnurren. PS: Out: Bin den eigenen Wikipedia-Eintrag editieren…

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Elektronische Lebensaspekte.