Alte Helden machen jetzt auf Funkrock mit Soulröhre. Hat sie ihr musikalisches Gespür verlassen oder uns? Bevor sich die Frage beantworten lässt, sind sie schon wieder ganz woanders.
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 102

Ein wichtiger Bestandteil von Chicken Lips war es immer, der Sache an sich ein Stück voraus zu sein, so haben sie schon immer die gerade akutesten Styles geliefert.
Als Bizarre Inc haben Andrew Meecham und Dean Meredith Maschinengrooves gegen die Handwerker-Mucker gemacht, dann als Chicken Lips mit angedrecktem “Live”Bass und Gitarre einen Zwischenschritt weg von der Maschinenmusik hingelegt und der ganzen Post-Disko-Welle gehörig Anschub gegeben.
Making Faces ist jetzt wieder ganz anders und wenn man der Chicken-Lips-Historie glauben will, kann man die Uhr, die mit den frischen Skills, genau nach ihnen stellen – dürfte also nicht zu viel schief gehen. Denkt man.

Debug: Mit dem aktuellen Album und der angedeuteten Ausrichtung auf Songs/Bandformat und durchgehenden Gesang seid ihr da angekommen, wogegen ihr mit Bizarre Inc und dessen Detroit-Techno-Verehrung angetreten wart. Es schließt sich gewissermaßen ein Kreis. Journalisten gefällt so etwas. Sich schließende Kreise. Ist handgemachter Funk das alte neue Ding?

Andy Meecham: Ehrlich gesagt ist das Album nur ein Projekt, mehr ein Experiment, eine ziemlich konzeptuelle Sache, das nächste Chicken-Lips-Album wird wieder sehr dancemäßig. Wir wollten bloß mal was anderes machen, weil wir so viel Rock-Disco-Sachen gehört haben, Third World, 10 CC, Talking Heads, Arthur Russel, letztlich haben wir aber genauso gearbeitet wie sonst, ich habe alle Instrumente eingespielt und Dean hat die Drums und Percussions programmiert, Johnny hat dann später darüber gesungen.”

Und man dachte sich die Platte nun im Umfeld der neuen Freude am Live-Spielen, im Sinne von: Ich lade meine Crew ins Studio und ab geht der Funk. Mocky hat das so gemacht, J. Lidell auch. Prince hat sich als einzig wahrer Popstar zu Recht wieder ausgegraben und wird gerade für diese Manier lobüberschüttet.
Nachdem Chicken Lips den Live-Check also nicht wirklich so bestanden haben, wie man es gerne gehabt hätte, bleibt die Frage folgende:
Wird jetzt mit Disco gestreckter Soul-Rock im Sinne von Rock-Rock respektive Altherren-Rock das neue Ding oder ist es mit Chicken Lips als avantgardistisches Sperrspitzenzentrum nun vorbei?
Das drängelt alles so angenehm wenig, Funk hin oder her, aber man kennt das von Clubtüren, wenn da kein Gedränge ist, ist es nett, schön, einfach und easy, aber irgendwie auch langweilig. Irgendwie fehlt was. Making Faces bleibt zuletzt der Anstrich von reinem Eklektizismus. Musik für eine Tanzfläche, die nur noch in der Geschichte existiert, die nur noch im Kopf ihren Platz hat, aber Soul und auch Disco sind ganz zuletzt Kopfmusik und so wird es seltsam starr und gerüsthaft, das alles.

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Elektronische Lebensaspekte.