“Deutschlands Mauern fallen”, nicht nur am 1. Mai in Kreuzberg. Eine Hamburg-Berlin-Kollaboration aus einschlägigen Kreisen lehrt derzeit meine Punk-sozialisierten Politfreunde, zu Schaffeltechno das Tanzbein zu schwingen. Aber Verwirrung: Bundesadler, Technopunk und im Feuilleton der Aufstand der Wohlfühl-Deutschen. Alfred Bierlek und Wolf Dosenbiermann von der Gruppe “Das Bierbeben” stehen Rede und Antwort.
Text: Sami Khatib aus De:Bug 82

Wenn die Nacht am tiefsten, ist das Bier am nächsten

Debug:
Meine Herren, warum brauchen wir gerade heute wieder eine minimale Stumpf-Ästhetik? Wollen sie einen Gegenentwurf zur Deutschpunkfraktion, die mittlerweile durch notorische Hippiepunks und 80ies Revival auf Mia- und H&M-Niveau angekommen ist?
Herr Bierlek:
Die Deutschpunkfraktion wären wir, wenn es denn eine solche gäbe und wenn uns nicht ein Schauder überkommen würde beim Erklingen der Silbe “deutsch“. Das unliebsame, marginale Kind der Musikhistorie namens “Deutschpunk” liegt uns merkwürdigerweise jedoch am Herzen. Cotzbrocken, Beton Combo, KFC, Honkas, ChaosZ etc. waren in unserer Teenagerzeit viel wichtiger als jene zum heiligen Gral erhobenen TonSteineScherben. Und stumpf und minimal – immer. Das ist unser Geschmack.
Debug:
Trotzdem machen sie nicht nur bierselig ravenden Alkipop. Sollen ihre exponierten Frauen-Vocals das Publikum beruhigen?
Dosenbiermann:
Zum ersten Mal kontrastierten wir die Stimmen von “Der Westen“ und “Der Osten“ mit stumpfsinniger Punkmusik auf der Sieben-Zoll-Schallplatte “Die Birne ist reif” (Rock-o-Tronic, 2001), die dumpf wummernde Interpretationen rumpeliger Deutschpunklieder der Achtziger-Ära enthielt. Das Konzept entstand mehr oder weniger zufällig, es wurde trotz starker Paradigmenwechsel im musikalischen Bereich einfach aufrechterhalten.
Debug:
Warum dieser Gruppenname? Die Albumtracks klingen eigentlich nicht mehr so roh nach Bierpunk.
Bierlek:
Selbstredend. Der Name soll unsere Bürde sein; er ist eine Prüfung. Kann man geliebt werden trotz eines unangenehmen Namens? In etwa so als wenn man als Kind Agnes oder Ludger heißt.
Debug:
Meine Herren, der gute alte Betroffenheitspunk oder Politpop funktioniert seit einigen Jahren nicht mehr so richtig. Spielen sie bewusst mit politischen Symbolen, um hüben wie drüben Verwirrung zu stiften, oder braucht es bei manchen Fragen ganz oldschool-mäßig ein politisches “1 zu 1 Statement”? Ich denke dabei vor allem an ihr Logo, den durchgestrichenen Bundesadler.
Bierlek:
Es ist durchaus so, dass wir eines Nachts – angewidert in einer Diskothek – dachten, den ganzen Leuten hier sollte man ihren Kopf einmal mit ein wenig Inhalt füllen. Dieser müsste möglichst einfach formuliert sein, so glaubten wir. Es liegt der ganzen Idee somit eine gewisse Wut, verbunden mit semipädagogischer Besserwisserei (=Idee Deutschpunk), zugrunde.
Debug:
Angesichts besonders gewitzter Fashion- und Politclowns, die mit ihren Bundesadler-Hemdchen à la Eva Gronbach Straßen und Feuilletons bevölkern, will “Das Bierbeben” der unzweideutige Tritt vors deutschtümelnde Schienbein sein?
Dosenbiermann:
Diese Hemdchen sind in ihrer ganzen Widerwärtigkeit genauso eindeutig wie es ein notwendigerweise durchgestrichener Bundesadler ist.
Debug:
Eine letzte Frage: Was bedeutet ihnen eigentlich Bier, dieses demokratischste, weil billigste Säftchen aller Dancefloorfüller?
Bierlek:
Einige von uns lieben den Gerstensaft als quasi universales Hilfsmittel zur Autodekonstruktion. Andere hingegen verabscheuen schon den Geruch des Gebräus.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.