Ich bin wie meine Tasche. Das kann jeder behaupten, der eine FREITAG Tasche trägt. Seit 1993 hat dieses Produkt aus alter LKW Plane die Schweiz und den Rest der Welt überschwemmt. Jetzt erscheint das Buch zur Tasche.
Text: anne pascual aus De:Bug 54

Das Buch zur Tasche
Die Geschichte von Freitag

Zuerst trugen sie nur die Zürcher Galeristen, mittlerweile findet man sie auch in der kleinen Studentenstadt Münster. Jetzt kann man das Stück, aus dem das Accessoire gefertigt werden soll, schon bei der Produktion im Netz auswählen. Der Kauf einer FREITAG Tasche ist also kein Unfall, dafür ist auch der Anschaffungspreis zu hoch und das Produktionsverfahren zu teuer. Neben praktischen Faktoren wie Größe, Haltbarkeit und witzigem Material überzeugt eindeutig die Gewissheit, ein Objekt zu haben, das sonst niemand besitzt. Jede Tasche ist zusammengeflickt aus einmaligen Resteteilen, so wie man selbst auch. Und um das den anderen Mitmenschen mitzuteilen, kommt so ein Accessoire gerade recht. Es begleitet einen überall hin mit und verrät etwas über deinen Geschmack. Die Low-Tech Machart und die Tatsache, dass jede Tasche von Hand gefertigt wird, zeigt, dass Massenprodukte ihren Charme längst verloren haben. FREITAG Taschen funktionieren, weil sie eben kein übliches Lifestyle Produkt sind, sondern den Luxus des Gewöhnlichen in ein tragbares Format gebracht haben. Die Meilensteine dieser Erfolgsgeschichte könnt ihr in dem jetzt erschienen Buch FREITAG®, dass der Schweizer Verleger Lars Müller herausgibt, nachlesen. Der De:Bug haben die Freitag Brüder etwas von ihrem Blick auf die Welt verraten.

DER ANFANG
DeBug: Seit 1993 gibt es euch. Könnt ihr knapp erzählen, wie der Stein ins rollen kam?

Daniel: Es existieren unzählige Varianten unserer Entstehung. Mir persönlich gefällt die 40-Tonnen-Story am besten: Wir Schweizer lassen ja nach wie vor keine 40 Tonner durch unser Land. Deshalb kam uns die Idee, die LKW an der Grenze in Stücke zu schneiden und jeden Konsumenten seine Ware selber tragen zu lassen…

Markus: Meine Geschichte von FREITAG geht so: Wir sind und waren Fahrradfahrer, und da braucht man eine praktische wasserfeste Tasche. 1993 gab es noch keine Fahrradkuriere in Zürich und auch noch keine Fahrradkuriertaschen, wir mussten die also selber machen. Die LKW, die von morgens früh bis abends spät an der Wohnung an der Transitachse Hamburg-Palermo vorbeidonnerten, haben uns auf die Idee gebracht, LKW-Planen zur Taschen-Herstellung zu verwenden. Die Einfassungen aus Fahrradschläuchen zu schneidern und als Trageriemen alte Autogurte zu verwenden, war dann nahe liegend. Seitdem versuchen wir mehr oder minder der Nachfrage nachzukommen. Einen Businessplan haben wir bis heute nicht aufgestellt.

DIE IDEE
DeBug: Welcher Background färbte sich auf die eigentliche Produktentwicklung ab?

Markus: 1980, als wir noch zur Schule gingen und gerade 9 Jahre alt waren, begann das Waldsterben in der Schweiz. Das fanden wir schade und haben unsere Eltern dazu gebracht, ihr Auto zu verkaufen und für die ganze Familie ein Generalabonnement für die Bahn anzuschaffen. Später habe ich eine Berufslehre als Ausstellungs- und Dekorationsgestalter absolviert. Ein schöner Beruf, aber wie in der Werbebranche meistens wird dort viel Müll produziert. Das tat mir leid und ich begann meine Displays, Fotokulissen etc. gleich von vorneweg aus Müll zu bauen. Darauf folgte ein abgebrochenes Studium als visueller Gestalter an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich, wo meiner Meinung nach auch viel Müll produziert wurde. Natürlich nicht die Materialschlacht wie in der Berufslehre, aber es wurde viel Mühe in Projekte investiert, die von vornherein für die Schublade bestimmt waren. So kam dann irgend wann die Lust auf, wenigstens in der Freizeit etwas Vernünftiges zu machen. Drogen nehmen wollte ich nie, DJ waren auch schon alle andern, so habe ich mich dann eben zusammen mit meinem Bruder auf das Taschenmachen spezialisiert.

Daniel: Kurz: Die FREITAG-Tasche ist das Produkt zweier visuell geschulten Zürcher, die im zarten Kindesalter in Kontakt mit Tofu und der Aluminiumsammlung gelangten.

DER PROZESS
DeBug: Im Gegensatz zu anderen Gebrauchsgegenständen und Designobjekten sind FREITAG-Taschen “recycled, manufactured und costumized”. Der Wert des Produkts wird also durch die Idee des speziellen Herstellungsprozesses bestimmt, anders als üblicherweise. Lässt sich dieses Prinzip auf weitere Produkte übertragen? Oder ist die skim.com Kleidung mit den angebrachten ID Nummern die logische Fortführung der Taschenidee, weil man mit ihnen über Email oder SMS miteinander kommunizieren kann?

Daniel: Es ist schwierig, ein vergleichbares Konzept zu finden, das nicht als Gag erscheinen soll. Die Pseudo-Recyclingkonzepte, die Autonummern zu Agenda und Raddeckel zu Koffern verarbeiten, können visuell nicht mit unseren Taschen konkurrieren und sind funktionell meist eine große Enttäuschung. Die technische, digitale Individualisierung wie bei skim.com wirkt da für mich ehrlicher und zeitgemäßer. Die skim.com Idee hat ihren Ursprung in einer FREITAG-Tasche, die den Ausschnitt einer Telefonnummer zeigt. Außerdem bin ich sicher, dass die künstliche Individualisierung und Numerierung mit einem dazugehörigen Service oder Mehrwert uns in Zukunft garantiert in allen möglichen Produkten und Variationen begegnen wird. Es gilt zu sagen, dass die beiden Brands (FREITAG und skim.com) außer der Ursprungsidee wenig gemein haben. Beide haben einen anderen Humor, hinter skim.com steht auch ein anderes Team. Dementsprechend ist es eigentlich schlecht, die beiden Geschichten zu vermischen, wie wir es eben getan haben.

DIE STRATEGIE
DeBug: Wusstet ihr von Anfang an, wie das Business Modell FREITAG funktionieren soll?

Markus: Nein bzw. ja, das heißt, das Produkt ist Marketing und Marketing ist Produkt bei uns.

Daniel: Das Business Modell von FREITAG ist sehr simpel: Verkaufe ein ehrliches, originelles, qualitativ hochwertiges Produkt und verlange dafür einen angemessenen Preis!

DeBug: Besonders skim.com zeigt ja, wie ihr das Öffentliche & Soziale der Produkte einbezieht. Ihr vertreibt “community und urban style”, warum?

Daniel: Das mit der “urban style community” ist alles nur Marketinggesülze! We are you! Wenn wir erst mal eure Emailadresse haben und euer Kaufverhalten analysiert ist, werdet ihr von unserer perfiden Marketingabteilung bearbeitet und manipuliert, so wie das deine Online-Buchhandlung, der Supermarkt und dein Kreditkarten-Unternehmen ebenfalls schon längst tun. Spätestens seit 1984 haben wir den Unterhaltungswert dieser Werbeaktion erkannt und genießen es, dass Aldi uns schlecht kennt.

Markus: Ich würde gerne ein paar Hotels eröffnen, in denen man auch gut essen kann. Die Hotels wären natürlich auch so was wie “Community” und “urban”, obwohl ein paar von ihnen neben Städten auch auf einem Berg oder am Meer stehen sollten. Bis es soweit ist, begnügen wir uns, Gepäckstücke für stylische, urbane Leute zu bauen, die auch gerne mal die Stadt verlassen.

DeBug: Das Buch erzählt von euch, den FREITAG-Taschen und den Menschen, die sie tragen.

Markus: Ja, das kann man so sagen. In erster Linie ist es ein schönes Bilderbuch, das die Geschichte der Tasche und derer, die sie machen und vertreiben, erzählt. Ich glaube, das war es, was Lars Müller, den Herausgeber, interessierte.

Daniel: Dass Menschen im FREITAG-Buch eine wichtige Rolle spielen, ist logisch. Da unsere Taschen Unikate sind, sagt die Tasche ähnlich viel über den Besitzer wie sein Haustier aus. Ich möchte nicht soweit gehen zu sagen, dass die Besitzer ihren Taschen so gleichen, wie normalerweise die Hundehalter ihren Vierbeinern ähneln, aber es zeigt in eine ähnliche Richtung.

DIE REALITÄT
DeBug: Nun zu Zahlen und Fakten: Wie groß ist der FREITAG Betrieb? Wie viele Taschen verkauft ihr pro Jahr? Wie viel Material braucht ihr insgesamt?

Daniel: FREITAG ist nicht excel-sheet driven, daher vergesse ich die Zahlen unglaublich schnell! Entscheidungen werden nach wie vor aus dem Bauch gefällt. Aber die LKW-Kolonne, die wir dieses Jahr verarbeitet haben, ist ca. 28 Kilometer lang. Das machen wir zwei nicht mehr alles alleine. Wir sind 19 Leute im Team.

ZUKUNFT & UTOPIEN
DeBug: Was habt ihr noch vor?

Markus: Hm, also ich würde sagen, dass wir noch viele schöne “Produktideen” im Bereich “community und urban style” realisieren wollen, obwohl die Worte “community” und “urban style” sich schon ziemlich abgedroschen anhören. Ich denke, als erstes sollten wir neue Bezeichnungen für diese alten Begriffe finden und dann einfach dort weiterarbeiten, wo wir gerade stehen geblieben sind.

Daniel: Wir möchten auf jeden Fall eine Fluggesellschaft gründen, damit wir unseren Kunden mit dem Kauf einer Tasche Flugmeilen gutschreiben können. Und zudem ist eine Schweizer Fluggesellschaft eine Marktlücke, haben wir gehört…

DeBug: Wir sagen Danke für euren Bericht!

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Elektronische Lebensaspekte.