Der Rückblick auf 15 Jahre elektronische Lebensaspekte
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 165

Gründermythen. 15 Jahre. 165 Ausgaben später. Wie viele Reviews? Okay, lieber nicht zählen. Das Wichtigste war zuerst die Unabhängigkeit, nicht als Einzelner, sondern zusammen. Selbstbeherrschung steht auf dem Cover als letztes, direkt unter Elektronische Lebensaspekte. Das ist der Punkt, auf den wir am Ende kamen. 1997. Man kann sich kaum noch daran erinnern. Es war auch nicht der erste Anfang. Unser Zuhause war unser Büro, angebunden ans Netz waren wir über eine Standleitung der “Internationalen Stadt”. Musik, Medien, Kultur, das reimte sich für uns aber eher im alles zusammenfassenden Begriff der Schnittstelle. Ressorts? Nein, Vorlieben. 1997 war die Zeit, in der fast alles schon gewesen war, dachte man, alles in die nächste Kurve der Wiederholung ging, aber eine gewaltige, digitale, alles umfassende neue Wiederkehr anstand, die nichts lassen sollte wie es war.

Musiksoftware begab sich in die Emulation der alten Hardware-Welt mit 303-Sims und überholte sich am anderen Ende mit der Granularsynthese selbst. Native Instruments war damals noch der modulare Ort von Generator. Alles sprudelte Altes in Neu aus dem Rechner. Und in der Dead-Media-Liste konnte man nachsehen, was man alles schon hinter sich hatte. Die Internetbubble war durch, wir wussten sie kommt wieder. Der Minimalismus hatte seinen zweiten Frühling schon fast abgeschlossen. Noch bevor er begann die Welt zu erobern, hatten sich Concept 1 und Studio 1 um die Wette verschlankt. Die Social-Media-Welt war gelebte Realität in obskuren Portalen, Newsgroups und Mailinglisten. Retrogaming auf der Vectrex-Emu war schon damals hip. Es galt einerseits, die gelebten Fehler der digitalen Welt (was für ein Glück, dass man uns zu DE:BUG geklagt hatte und wir nicht auf dem angestaubten Buzz sitzen geblieben sind) produktiv zu machen, endlich loszuglitchen, zu entwickeln und andererseits die Geschichte an der Hand zu halten und rüberzuretten in die “Neue Welt”, die – wir waren keine kalifornischen Ideologen – alles, aber sicher kein endloser Boom werden würde, auch wenn Jobs gerade wieder bei Apple eingestiegen war und den maroden Kasten zur profitabelsten Firma der Welt machen sollte. Mit MP3s!

Berlin war ein guter Ort für DE:BUG, weil es sich weigern musste modern, hyperkapitalistisch, global über seine maroden Grenzen hinaus zu werden. Zu viele Keller mussten da erst mal ausgeräumt werden, eine halbe Stadt immer noch wiederbelebt, neu definiert, umgeschrieben. Profit, in erträglichster Form, kam mit erlebten Ideen und letzten Kohle-Eimern, nicht als Kapital mit Holzhammer. Berlin war das Motto für eine Stadt ohne Stadt. Da ging alles, da ging nichts. Da wurde das Geräusch zum Sound, der Sound zum Rauschen, das Rauschen zum Rausch, der Rausch zu Musik. Im WMF lief die Musik der Freunde, im Bootlab nebendran wurden die letzten kritischen Utopien gebastelt und gesendet. Der Schritt von der Theorie zur Extase brauchte keinen Spagat, nur zwei Füße auf dem Boden.
Genug der Lobhudelei. Denn die Stadt war tot. Musikalisch wie konzeptuell. Die Stadt war retro. Der lange gepflegte Kampf des Sounds einer Stadt, der olympische Wettlauf um die Vorherrschaft des neuesten Grooves aus seinen urbanen Wurzeln heraus, hatte sich überlebt. Files wanderten um die Welt wie Identitätsbrösel, nur um in noch kleinere Brocken runtergebröselt zu werden. Der Laptop-Act bringt seine und die Welt der Anderen mit sich auf die Bühne. Wir haben alle gemeinsam getanzt, jetzt war es Zeit gemeinsam weiterzuspinnen und trotzdem zu tanzen. Das Tribale – auch im Netz damals noch ein geschätzter Begriff multitudinaler, minoritärer Kämpfe – war von seinen Wurzeln gründlichst gelöst und der Kampf um die Identität basierte auf dem Zugang zur Technologie.

Haben die Amerikaner nicht die fettesten Leitungen, die schnellsten Modems, die billigsten Telefongebühren? Wächst man dort nicht mit siebzehn Providernummern im Kopf und einem TCP/IP Stack unter den Fingernägeln auf? Nein, jedenfalls nicht bislang. Aber die Zeit nähert sich, und die erste Generation von Leuten, für die das rockende Amerika eher in Laptops als unter Bierlachen stattfindet, steht bereits vor der großen Einfuhrbeschränkungskriegserklärung des Landes mit gezückter Kryptosoftware und ist bereit, den Mythos Amerika unter einem Ping hier und einem PlugIn dort zu begraben.
DE:BUG 15, September 1998

Die Redaktion 1999 – Sascha Kösch, Thaddeus Herrmann, Mercedes Bunz und Jan Joswig (left to right)

Drum and Bass hatte seinen Zenith längst erreicht und sollte in seiner Sample-Zersplitterung zum Vorbild neuer Experimente weit über den Floor hinaus werden. Im Glitch-Sog von Clicks & Cuts nicht aufgegangene IDM-Adepten gründeten – auch wieder irgendwie radikal – Indietronicbands. Und noch bevor die letzten Jahre des Jahrtausends zu Ende gehen sollten, traf dieser historische Durchbruch jenseits der Historie in den digitalen Restgeräuschen neuer Explosionen der Möglichkeiten auch noch auf die Verfügbarkeit von allem überall für fast nix. Die Telekom stellte uns im Sommer 1999 DSL hin, Napster lieferte den Soundtrack des ausglühenden Jahrhunderts dazu, Bootleg-Boom ahoi, und schon wieder konnte man einen Sommer lang träumen, die Zukunft wäre angekommen. Würde wieder mal etwas zu sehr nach Zombies geduftet haben, aber bot trotzdem massenhaft Altneues in bis in die letzten Winkel durchkalkulierbaren Musikrichtungen, Lebensstilen, Moden und Theorieschnippseln. Und das war vor WiFi und als MP3-Player gerade ein Album schafften und die ersten Testgeräte von Final Scratch heimlich in Holland in Umlauf kamen.
Neues Jahrtausend. Große Ernüchterung. Die digitale Revolution tut so, als wäre nichts gewesen. Mit David Moufang holen wir auch noch den letzten ins Netz. Gut. Alle drin? Die Reise kann losgehen, und sie soll sich in den Grundzügen auch nicht mehr groß bewegen.

Der Knaller bei der Sache ist auf jeden Fall, dass auf Servern wie mp3.com (wie politisch unkorrekt die auch sein mögen) die Möglichkeit für jeden gegeben ist, seine Tracks weitgehend zensurfrei ins Netz zu stellen. Das heisst, kein(e) Plattenfirma/Vertrieb/Plattenladen muss überzeugt werden und der finanzielle Aufwand und das Risiko sind fast gleich Null!!! Man kann sich leicht ausmalen, dass das eine revolutionäre Zwangsentbindung (und dadurch Demokratisierung) für die Musik bedeutet – mehr noch als seinerzeit Punk und Techno! Natürlich kann und wird auch jeder erdenkliche Schrott feilgeboten, aber es kostet ja fast nichts. Das ist aber immer noch würdevoller, als sich in einem Trendladen beraten (?!?!) zu lassen. Ich denke, jeder ausser Sven Väth und ein paar Kollegen wissen, was ich meine…Andererseits hab(en) ich/wir durch das Internet auch noch keine Mark verdient – dafür aber die deutsche Telekom um so mehr!!!
David Moufang, DE:BUG 31, Januar 2000

Die Bösen, die Guten, das Halbgare. Weiterköcheln mit neuer Offenheit und neuen Grenzen. Der Deckel ist auf der Zukunft und ab und an springt ein Ei aus dem Topf, sprengt die Schale und wird zu einem bezaubernden, nie vorher gesehenen Dinosaurier. Über Jahre kämpft man um Verfeinerung hier, neue Medien dort, neue Freiheiten, endlose Möglichkeiten, die Digitalisierung von Allem, das Zugrunderichten der alten Wirtschaft – Himmel, AOL kauft sogar Time Warner auf! Die Welt mag Kopf stehen, fällt aber immer wieder auf die Füße. Wie soll man da noch unterscheiden zwischen den Pendeln der Utopie, des “Realen”, dem guten Vinyl und den bösen multinationalen Konglomeraten. Die nächste Wirtschaftskrise kommt bestimmt. Wir frönen erst mal dem neuen Überfluss, suhlen uns in neuen Discogs-Welten, plaudern auf Soulseek, lagern unser Gehirn an Google und Wikipedia aus, suchen nach einem neuen Fundament in der Geschichte und lassen die Vergangenheit in aller Tiefe der Affirmation im Retro über uns hereinbrechen.

Darum geht es in Retro. Anders als bei Referenzen, bei Zitat-Pop und all den Vermächtnissen, die man so glaubt aus den 80ern immer noch (und jetzt um so mehr) mit sich rumschleppen zu können, ist dieses Wiederaufleben nicht einfach Wiederholung, Andeutung, Anspielung. Ein Wiederaufleben muss, sonst überlebt nichts, viele mediale Register ziehen – Haare, Brillen, Sounds, Einstellungen. Schließlich darf man Jugendliche ja nicht in Käfigen halten. Retro ist prinzipiell immer multimedial. Mit allem, was Multimedialität so an Idiotie zu bieten hat. Man muss JA also auch in ganz vielen Bereichen sagen.
DE:BUG 50, August 2001

Alles aufgeholt, alles eingepackt? Gut. Kurz bevor wir die 100. Ausgabe antreten, tritt die Welt in den perpetuellen Beta-Zustand. Das ist neu. Web 2.0 vernetzt die Vernetzung mit sich selbst, holt die letzten Monaden im Netz aus dem Keller und lüftet die APIs. Du, Ich und die Datenbank wird das neue allgemeingültige Lebensmodell, das durch die kommende Smartphone-Legende nur tragbarer werden wird, sich substantiell aber nicht mehr verändert, weshalb wir immer noch über den Nachfolger des Urbanen Penners rätseln. Der frische Wind zwischen allem mag zum Stellungskrieg der neuen Inkompatibilität der Identitätsbeschaffer aufbrausen, aber die Fragen der Privacy, Transparenz, Konvergenz und Fragmentierung bestimmen dennoch den haltlosen Grundglauben an eine weitgehend utopiebefreite Zukunft, deren Projekt für die nächsten Jahre immer noch erst mal schnöde die Digitalisierung von Allem heißt. Die Beziehungsindustrie ist mittlerweile angekommen, Printindustrie als behäbiges Monster wird zum Nachzügler auf dem Weg ins neue Haus, die Kunst klebt sich süße Kätzchen auf die peinlich berührten Zuspätkommer-Bäckchen, die Lernindustrie schleppt die nächste Generation nur mühselig hinterher, und die Staatsindustrie gönnt sich eine Hand voll Piraten. 15 Jahre Schnelldurchlauf mit mehr Lücken, als jedem lieb sein kann. Aber die nächsten stehen an. Und mit der Digitalisierung von Allem mögen sich noch viele schlafende Hunde wecken lassen, die Frage danach, wohin man die Meute treibt, wird aber dennoch immer mehr ins Zentrum rücken. Und vielleicht stellen wir dann Selbstbeherrschung auch an den Anfang.

4 Responses