Was für ein klasse Plot: Ein psychologisches Institut sucht zur Erforschung von Aggressionsverhalten 20 Freiwillige. Diese werden in "Gefangene" und "Wärter" eingeteilt und sollen sich in einem Scheingefängnis aufhalten. Tarek, Ex-Journalist und Taxifahrer, wittert hinter dieser Ausschreibung eine gute Story für sein Comeback und bewirbt sich ebenfalls - "undercover" natürlich und ausgerüstet mit einer Spezial-Kamera in seiner Brille.
Text: ingrid arnold aus De:Bug 45

kino

Überleben in der Disziplinargesellschaft
Der Gefängnisthriller DAS EXPERIMENT im Kino

Der Gefängnisalltag beginnt in spielerischer Atmosphäre. In dem eigens für das Experiment eingerichteten und mit Überwachungskameras ausgestatteten Zellentrakt finden sich die Teilnehmer aber schnell in ihre Rollen ein: Die “Strafvollzugsbeamten” pochen auf ihre Autorität und die Gefangenen rebellieren gegen Schikane und Demütigung. Tarek begibt sich in die Rolle des Provokateurs, um brauchbare Bilder zu bekommen. Doch aus Spaß wird binnen kurzer Zeit “blutiger Ernst”, das Gefängnis entwickelt sich zur “tödlichen Falle”. Ein Abbruch des Experiments misslingt.

“What happens when you put good people in an evil place?”

Die Romanvorlage “Black Box” von Mario Giordano basiert auf dem bekannten Stanford Prison Experiment, 1971 von Philip Zimbardo durchgeführt. Schon nach einem Tag kam es dort zu ersten Übergriffen der “Wärter”, und nach sechs Tagen musste ganz abgebrochen werden – obwohl jeder Versuchsperson klar war, dass es sich nur um ein Rollenspiel handelte.

Die Assoziationskette zur Psychologie des Gefangenseins ist lang und führt über die Haftbedingungen in Stammheim bis zu den “Sonderkommandos” der Nazis, wo KZ-Häftlinge gezwungen waren, bei der Ermordung ihrer Mitgefangenen zu helfen.
Dass DAS EXPERIMENT in Deutschland spielt, macht ihn wohl gerade deshalb so spannend. Genre-Regeln von Gefängnisrevolte und Flucht vermutet man hier nicht unbedingt befolgt. Stattdessen kann der Film mit Charakteren wie einem sadistischen Aufseher namens “Berus” einen wohligen Thrill erzeugen – und gleichzeitig ein Plädoyer abgeben für freie Willensäußerung, menschliche Behandlung und in der Konsequenz für öffentliche Kontrolle von Haftbedingungen. Obwohl der Film auch deutliche Zweifel an der Moral derartiger Experimente äußert, muss man die Freiheit der Wissenschaft nicht gleich mit in Frage gestellt sehen. Wäre auch viel verlangt von einen Thriller.

Oliver Hirschbiegel ist bislang fast nur als “Kommissar Rex”-Regisseur hervorgetreten. Moritz Bleibtreu spielt bei ihm als Tarek nun wahrscheinlich die Rolle seines Lebens, darf mutig und rebellisch sein und ausgiebig die Augenbrauen zusammenziehen. Und da in Gefängnisfilmen wie in allen Kammerspielen vor allem Ensemble-Leistung zählt, stellen “Kommissar Tauber” Edgar Selge als verantwortlicher Professor Thon oder Christian Berkel als “Mitgefangener” Major Steinhoff zusammen mit einer ganze Riege guter Schauspieler die menschliche Dynamik einer künstlich erzeugten Extremsituation sehr glaubhaft dar.
Außer dass unser Held etwas zu auffällig mit seiner Gimmick-Brille hantiert – damit hätte er umgehend als Spitzel entlarvt werden müssen – könnte man noch bemängeln, dass eine eingebaute Liebesgeschichte Tareks mit “Dora” etwas viel Handlungsraum einnimmt. Oder dass eine zweite Frauenfigur als Wissenschaftlerin so neurotisch gezeichnet wird, dass manche Überwachungspanne allzu vorhersehbar wird. Aber gut.
DAS EXPERIMENT warnt vor Menschen als perfekte, berechenbare, sich selbst überwachende “Disziplinarsubjekte”. Die Hauptfigur bleibt deshalb – wenngleich auch zunächst aus Eigennutz – konsequent aufmüpfig und verweigert sich der Disziplinierung. Dass diese potenziell systemerschütternde (hier Foucault hindenken) Einstellung wiederum nur mit Gegengewalt und Totschlag zu einem Ausbruch in die Freiheit führen kann, dürfte Fans des Genres aber nicht weiter stören.

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Elektronische Lebensaspekte.