Mit Ian Clarke verlässt diesen Monat einer der wichtigsten FreeSpeech-Aktivisten und Gründer von Freenet die Vereinigten Staaten. Nach den Attentaten des 11. September war ihm das politische Klima schon seit einiger Zeit zu hart geworden. Ausschlaggebend wurde letztendlich dann die hierzulande kaum beachtete Verhaftung des arabischen Amerikaners und Programmierers Mike Hawash wegen angeblicher terroristischer Aktivitäten. Was hinter Freenet und dem Fall Mike Hawash steckt, erklärt er im Interview.
Text: Mikael Pawlo aus De:Bug 75

In einem Kommentar auf Slashdot erwähnte Ian Clarke vor ein paar Wochen seine Entscheidung, die USA zu verlassen – und sorgte damit in der Programmierer-Community für Aufregung. Denn Ian Clarke ist nicht irgendjemand, sondern gehört mit Freenet zu einem der bekanntesten radikalen FreeSpeech-Aktivisten. Freenet wendet sich gegen jede Art von Zensur, indem es eine technische Infrastruktur zur Verfügung stellt, die unkontrollierbar ist, denn anders als das Internet distribuiert Freenet dezentralisiert Information. Mikael Pawlo, selbst in Schweden im Bereich der FreeSpeech aktiv, interviewte Ian Clarke per Email zu den aktuellen Topics.

DEBUG: Zunächst nochmal zur Person: Wer ist Ian Clark?

Ian Clarke: Ich bin Gründer und Koordinator des Freenet-Projekts, Chef der Cematics LLC, Gründer von Locutus und Erfinder der WhittleBit Such-Engine. Ich war technischer Leiter von Uprizer Inc und habe in England in der Raumfahrtindustrie als Berater für Logica PLC gearbeitet. Studiert habe ich aber an der Universität von Edinburgh. Dort habe ich meinen Abschluß in Computer Science und Artifical Intelligence gemacht.

DEBUG: Was ist Freenet?

Ian Clarke:Freenet ist eine freie Software, mit der Information ohne Angst vor Zensur veröffentlicht und gelesen, also konsumiert werden kann. Freenet ermöglicht eine komplett dezentrale und robuste Art und Weise, mit der Menschen anonym Nachrichten lesen und publizieren können. Es entwickelte sich aus einem Konzept, das ich noch als Student an der Universität Edinburgh geschrieben hatte. Ich habe mich damals sehr für etwas interessiert, das man “emergente Systeme” nennt. Das sind etwa Ameisenpopulationen, Bienenvölker oder Vogelschwärme. Emergente Systeme bestehen aus einer großen Anzahl gleicher oder ähnlicher Bestandteile, jedes für sich eher einfach in ihrem Verhalten. Kommen jedoch viele von ihnen zusammen und handeln interaktiv, können sie so etwas wie intelligentes Verhalten an den Tag legen. Ich wollte einen Weg finden, mit der Anwendung emergenter Architektur ein realistisches Problem zu lösen – und die Freiheit der Kommunikation zu sichern, passte sehr gut dazu. Ich habe etwa ein Jahr damit verbracht, die Theorie hinter der Funktionsweise von Freenet zu entwickeln, bevor ich es in Simulationen getestet habe. Die Ergebnisse dieser Simulationen waren viel versprechend und schließlich führte das zu dem gemeinsamen Entwicklungsvorhaben, aus dem dann schließlich Freenet wurde.

DEBUG: Hat Freenet eigentlich irgendjemanden geholfen?

Ian Clarke: Hat es in der Tat, in Ländern wie China wird Freenet aktiv genutzt, um trotz Zensur seitens der Regierung die freie Verteilung von Informationen zu ermöglichen. Ein paar Leute haben nur für diesen Zweck Freenet ins Chinesische übertragen. Auch in anderen Ländern, etwa auch der USA, wird es dazu benutzt, zensierte Informationen zu verbreiten, wie etwa die Scientology “Operating Thetan”-Dokumente. Insgesamt wurde es über 2 Millionen mal heruntergeladen.

DEBUG: Als ich mit Phil Zimmermann sprach, erzählte er, dass der
Anschlag vom 11. September ihn nachdenklich gemacht hatte. Er dachte über Entscheidung, das Verschlüsselungsprogramm PGP als Freeware zu veröffentlichen, nochmal neu nach. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass es trotz allem richtig war, PGP zu veröffentlichen, denn die Gesellschaft sei besser dran mit einer sicheren Verschlüsselungstechnik. Hattest Du ähnliche Gedanken bezüglich Freenet?

Ian Clarke: Nein, nicht für eine Sekunde. Ich bin tief davon überzeugt, dass die Freiheit der Kommunikation absolut essentiell für den menschlichen Fortschritt ist. Ich bin in Irland aufgewachsen, und während dieser Zeit lernte ich, dass Terrorismus nicht das Produkt von Freiheit, sondern von ihrer Abwesenheit, der Abwesenheit von Freiheit und Verständnis ist. Zensur ist immer ein Gegner von Freiheit und Verständnis – und also der Freund des Terrorismus.

DEBUG: Soweit ich es verstanden habe, ist Freenet eine Anwendung zum Austausch von Information wie das Internet, nur mit zusätzlicher Anonymität. Wann wird Freenet das Web als erste Wahl ersetzen?

Ian Clarke: Das Freenet ist zur Zeit viel langsamer als das Internet und wird nie fähig sein, viele Dinge zu tun, wie sie das Internet kann, z.B. Interaktivität mit den Nutzern. Wie gesagt, Freenet ist eine sehr effektive und skalierbare Art und Weise große Dateien zu verteilen. Es ist immun gegen “denial-of-service”-Angriffe. Es ist also hauptsächlich nützlich für das übergeordnete Ziel: anonyme Informationsverteilung.

DEBUG: Einige Leute, die versuchen die Verteilung von anstößigem Material oder kriminellen Aktivitäten im Internet zu stoppen, sehen unangenehme Implikationen in einem Projekt wie Freenet. Kannst du erklären, warum trotzdem die Vorteile überwiegen?

Ian Clarke: Meinungsfreiheit existiert nicht, wenn den Leuten nur erlaubt ist zu sagen, was du als anständig oder wahr erachtest. Wenige würden die obligatorische Installation von Überwachungskameras in Privat-Wohnungen tolerieren, auch wenn das alle Formen des Kindesmissbrauchs und häuslicher Gewalt verhindern könnte. Sind die, die sich gegen so etwas wehren würden, deswegen gleich Verfechter des Missbrauchs an Kindern? Wer sich für diese Debatte interessiert: detailliertere Diskussionen über die Gründe hinter Freenet findet man übrigens auf unserer Philosophie-Seite.

DEBUG: Kommen wir zu einer Entscheidung, die du erst kürzlich getroffen hast: Wieso willst du die USA verlassen?

Ian Clarke: Es gibt dafür eigentlich mehrere Gründe. Erstens, da mein momentaner Job nicht meine Anwesenheit an einem bestimmten Ort erfordert, ich könnte wahrscheinlich vom Nordpol aus arbeiten, wenn ich dort eine schnelle Internetleitung hätte. Zweitens, will ich nicht in einem Land leben, in dem ich als Ausländer als jemand gelte, der weniger Gerechtigkeit verdient als ein US-Bürger. Drittens, weil ich das Gefühl habe, dass die Richtung, in die sich die Sache mit dem geistigen Eigentum etwa mit der DMCA oder den Software Patenten in diesem Land entwickelt, Innovationen viel schwieriger und riskanter macht, besonders im P2P Bereich. Es gibt viele Sachen, die ich an den USA mag, aber dort zu sein, macht für mich einfach keinen Sinn mehr.

DEBUG: Was ist falsch am Fall von Mike Hawash, einem arabischen Amerikaner und Intel-Programmierer, dem auf Grund einer Reise nach China unterstellt wurde, von dort nach Afghanistan reisen zu wollen und gegen Soldaten der USA zu kämpfen? Man klagt ihn als Terroristen an.

Ian Clarke: Ich bin kein Experte für diese spezielle Situation, trotzdem. Es berührt einen schon, wenn manche Leute nicht wahrnehmen, dass ein Geständnis unter Zwang genauso wenig gültig ist, wie die erzwungenen Schuldgeständnisse von amerikanischen Kriegsgefangenen im Vietnam-Krieg.

DEBUG: Hast du die USA schon verlassen oder änderst du nochmal deine Meinung?

Ian Clarke: Ich werde jetzt, also Anfang Oktober abreisen, und habe nicht vor, meine Meinung nochmal zu ändern.

DEBUG: Spielt es eigentlich überhaupt eine Rolle, wo man in dieser globalisierten Welt wohnt, so lange man sich in einer westlichen Demokratie aufhält?

Ian Clarke: Wenn sich die USA wie eine westliche Demokratie benehmen würden, dann vielleicht, aber unglücklicherweise tun sie das nicht.

DEBUG: Cory Doctorow kommentierte deine Entscheidung, die USA zu verlassen, mit “Amerika verliert einen wichtigen Denker und Tüftler mit Ian – und es sind zweifelsohne schon andere Ians abgeschreckt worden, deren Weggang weniger laut gewesen sind. Es ist eine Schande, dass er Godwins Gesetz verletzte, als er seinen Abschiedsbrief schrieb. Tatsächlich hat Godwin recht, wenn er meint, dass jede Diskussion bei dem Erwähnen eines Vergleichs mit Hitler oder den Naziverbrechen beendet ist. Es gab denjenigen, die uns gerne vom eigentlichen Thema ablenken wollen, einen praktischen Grund, sich in den Streit mit sinnlosen Argumente über die Angebrachtheit eines Vergleiches mit dem Nazi Deutschland einzumischen”. Was meinst du dazu?

Ian Clarke: Cory und ich hatten eine interessante Diskussion deswegen. Cory stimmte schließlich mit mir überein, dass mein Vergleich treffend war, aber bestand weiter darauf, dass Nazi-Vergleiche niemals benutzt werden sollten, da sie vom eigentlichen Thema ablenken. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir niemals vergessen, was im Nazi Deutschland passiert ist. Schon allein, damit es sich niemals wiederholt. Als Konsequenz ziehe ich es daher vor, wenn solche Vergleiche eher zu oft, als zu selten gezogen werden.

DEBUG: Welche Veränderungen der US Politik müssten passieren, damit du bleibst, bzw. zurückkommen würdest?

Ian Clarke: In ein anderes Land zu gehen, ist eine teure und irgendwie auch traumatische Erfahrung. Also würde ich den Aufwand, in die USA zurückzugehen, nur für einen wirklich guten Grund auf mich nehmen. Ich werde in die schöne Stadt Edinburgh in Schottland ziehen und ich schätze mal, es wird schwierig sein, mich zu überreden, da wieder wegzugehen, wenn ich mich da einmal niedergelassen habe 😉

DEBUG: Also war Freenet ein Schulprojekt und du hast ‘ne zwei dafür bekommen, wer kriegte die eins dieses Jahr?
Ian Clarke: Keine Ahnung 😉

Ian Clarke wurde interviewt von Mikael Pawlo.

The Free Net Project

http://freenetproject.org/

Mehr über Mike Hawash

http://www.freemikehawash.org/

… und über den Autor Mikael Pawlo

http://www.pawlo.com/

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Elektronische Lebensaspekte.