Auch die Verwertungsgesellschaft der GEMA, die im Auftrag von Musikern Geld einsammelt, tut sich mit den jüngsten Veränderungen rund ums Digitale schwer. War sie zunächst nur mit der neuen Produktionsweise und der anderen Aufführungstechnik elektronischer Musik überfordert - DJ, Club und Mixen -, bekommt sie nun auch Ärger von ihrem klassischen Verbündeten: Der Musikindustrie in Gestalte ihres Verbandes IFPI. Darüber hinaus scheint auch die digitale Flexibilisierung an der GEMA nicht unbescholten vorbei zu gehen.
Text: Thaddeus Herrmann, Sascha Kösch aus De:Bug 83

Das Kuddelmuddel bei der Lizenzierung von Musik / Gema

Aufgabe der GEMA ist es, dafür zu sorgen, dass Musiker Geld für ihre Musik bekommen, wenn sie öffentlich gespielt, aufgeführt, gesendet, vervielfältigt oder verkauft wird. Die GEMA: prinzipiell eine gute Sache. Dennoch hört der Unmut über die GEMA nicht auf, im Gegenteil: Musiktreibende sind in der Regel klassische GEMA-Schizos, denn tendenziell bevorzugt die GEMA im Bereich der populären Musik immer die Großen. Wer ein kleineres Unternehmen betreibt, das damit zu tun hat, dass man Musik liebt, ein Label oder ein Internetradio etwa, der merkt schnell: Majorlabel zahlen nur GEMA für verkaufte Schallplatten, kleine Label für alle gepressten Kopien, Netzradios zahlen umso mehr, je weniger Hörer sie erreichen, wer wenig Partys macht, zahlt mehr als jemand, der regelmäßig veranstaltet, und Riesen-Downloadportale bekommen massive Massenrabatte. Die IFPI als Dachverband der phonographischen Industrie und die GEMA sind für viele deshalb fast Synonyme. Beide sagen, sie seien nur für die Künstler da, und beiden geht es dabei nur um die Sicherung der eigenen Pfründe denken viele.

VERKEHRTE WELT
Um so erstaunter ist man, wenn die GEMA in letzter Zeit häufiger, wenn auch mit wenig PR-Raffinesse, öffentlich mit einer Argumentation gegen die IFPI vorgeht, die auch von einem P2P-Newsportal aus Bad Salzuflen sein könnten: “Tonträgerindustrie bedroht Existenz der Komponisten und Textdichter”. Seit Anfang des Jahres propagiert die IFPI, die Zahlungen der Labels an die GEMA für Vervielfältigung von Musik (die Mechanicals) zu kürzen. In Deutschland lag diese Zahlung bislang bei ca. 9% des Händlerabgabepreises, dem so genannten HAB, jetzt sollen es nur noch 5,6% sein. Die restlichen 3,4% werden auf ein Sperrkonto eingezahlt. Viele Label folgen diesem Vorschlag der IFPI. Klar dass die GEMA revoltiert. Anders aber als bei sämtlichen Copy-Kills-Music-Aktionen sieht man kaum Musiker, die für die Kampagne ihr Gesicht hergeben. Wo ist der GEMA-Smudo? (Nena, James Last und Xavier Naidoo z.B. wehren sich zwar, aber eben nicht ganz so öffentlich.) Die Downloadplattform “Phonoline” der Musikindustrie ging auf der CeBit beinahe ohne GEMA-Lizenz an den Start. Die GEMA forderte in einem offenen Brief an den Bundeskanzler diesbezüglich sofortiges Handeln, Gerd Gebhart, Vorsitzender der deutschen Phonoverbände (IFPI), wirft der GEMA “Gefährdung des Musikgeschäftes der Zukunft vor”. Es herrscht Krieg. Es gibt nur noch schlechte Nachrichten. Treffen von GEMA und IFPI finden zunehmend bei der Schiedsstelle des Deutschen Patentamtes statt, die für die nächsten Jahre mit deren Streitereien beschäftigt sein wird. Oder man einigt sich geheim, damit keiner das Gesicht verliert. Sammelt die GEMA mehr Geld für die Künstler, wie z.B. fünf Millionen in 2003 durch Klingeltöne, ist die IFPI – sonst mit dem Selbstverständnis als Anwalt der Musikschaffenden hausierend – offen empört. IFPI machte 2003 fast 20% Verlust, der Kontostand der GEMA blieb stabil. Vertrackte wirtschaftliche Situation. Wäre die GEMA eine Aktiengesellschaft, würde ihr Kurs steigen. Und irgendwie würde man die GEMA gerne zum Freund erklären. Aber ob im Streit der GEMA mit der IFPI letztendlich der Musiker der Gewinner ist, darf man bezweifeln.

KURZER AUSFLUG IN DIE DISCO
Als Feind möchte man die GEMA definitiv nicht haben. In Berlin schloss neulich ein Club. Shark Club hieß er. Da gab es Aquarien mit Haien. Und eine Unterlassungsklage der GEMA in Höhe von 250.000 Euro, weil der Club nicht zahlen wollte. Der Shark Club war richtig posher Scheiß, schön, dass er zu ist, aber unsere guten Clubs? Denen rauscht gerade ein Fax rein, dass sie demnächst 30% mehr GEMA zahlen sollen, weil dort zunehmend CD Player und Rechner benutzt werden und damit nicht nur Lizenzgebühren für die Aufführung, sondern auch für die Vervielfältigung von Tonträgern fällig werden. Das stößt nicht nur den Clubs, sondern selbst Firmen wie Native Instruments übel auf, die mit ihrem “Final Scratch” den Umgang mit MP3-Dateien zur einfachsten Sache der Welt machen und somit für die Misere “mitverantwortlich“ sind. Die durchaus einleuchtende Position der GEMA war und ist: Wir wollen das Beste für die Künstler, die Erhöhung der Gebühren ist aufgrund der Realitäten in den Clubs gerechtfertigt. Nicht, dass die Künstler davon profitieren würden. Elektronische Musik beispielsweise taucht beim Verteilen der GEMA nur als marginaler Posten auf. Clubbetreiber zahlen also jeden Abend Geld an die GEMA, das nie an die Leute gehen wird, deren Musik im Club läuft. Der Wunsch der Clubs, ein auf Playlists basierendes Abrechnungssystem zu installieren, wurde mit dem Hinweis auf den hohen Verwaltungsaufwand bislang abgewiesen. Rund 15 Jahre nachdem DJs in Diskotheken sich von ihrem Status des Leibeigenen wegentwickelt haben, soll es nun jedoch zum ersten Mal auf der nächsten Mitgliederversammlung eine Entscheidung darüber geben, ob die Einnahmen aus den Clubs nicht länger über den üblichen GEMA-Schlüssel verteilt werden sollen, sondern unter Berücksichtigung der spezifischen Art von Musik. Wir befürchten, Lexy und K.Paul hören die Klingeltöne der Clubkassen schon jetzt.

EU EU EU
Auch von anderer Seite ist die GEMA unter Beschuss. Die EU möchte für Europa mehr Wettbewerb, auch, was den Erwerb für Lizenzen von Musikdistribution betrifft. 16 nationale Verwertungsgesellschaften hatten im Jahr 2000 im “Santiago Agreement” die Zuständigkeit für Downloads nach dem Territorialprinzip entschieden, sprich: Steht ein Server in Deutschland, verhandelt der Anbieter mit der GEMA. Die wiederum, wird aus Frankreich ein Track von diesem deutschen Server geladen, rechnet dann nach Sätzen der französischen SACEM ab. Und die sind deutlich günstiger als die deutschen. Der generelle Einkauf aller Lizenzrechte bei einer preiswerten Verwertungsgesellschaft (z. B. Portugal oder eben Frankreich), um den kostengünstigsten Download für User zu ermöglichen, steht nicht zur Debatte. Hier setzt die Kritik der EU an, die gegen die Verwertungsgesellschaften eben mit dem Verweis auf mehr Wettbewerb ein Verfahren eingeleitet hat. Allein die aufwendige Logfile-Auswertung wäre schon ein massives Argument gegen das aktuelle Prinzip und ein Grund für den Ruf nach weniger Bürokratie. Die GEMA hält dagegen: Wir brauchen keinen Wettbewerb, der letztendlich weniger Geld für die Künstler bedeuten muss. Genau so kann man allerdings, so schwer es einem fallen mag, Argumente wie die von IFPI-Chef Gebhard nachvollziehen, der darauf verweist, dass mehr Wettbewerb unter den Verwertungsgesellschaften auch günstigere Musik für den Verbraucher bedeuten würde. Überhaupt: Das Santiago-Abkommen ist ein Grund dafür, dass wir noch länger auf den “iTunes MusicStore” in Europa warten müssen – auch wenn die Musikindustrie Apple sicher gerne selbst das Leben schwer macht.

Creative Commons
Und wieso auch keine anderen Lizenzmodelle, abseits der Verwertungsgesellschaften? Creative Commons zum Beispiel. Netzlabel lieben Creative-Commons-Lizenzen. Die sind Copy Paste, erklären sich in drei kurzen Abschnitten und vermitteln einen dezenten Schutz gegen kommerzielle Ausbeutung. Will man sich solchen Modellen als deutscher Musiker anschließen, ist aber gleichzeitig GEMA-Mitglied, bekommt man jedoch Schwierigkeiten. Denn: Man kann zwar Teile der Rechteverwertung aus seinem GEMA-Vertrag ausklammern. Den digitalen Sektor zum Beispiel, also im Netz tun, was man will, und CC-Lizenzen benutzen, Aufführungs-, Vervielfältigungs- und Sende-Rechte aber weiterhin von der GEMA handeln lassen. Klingt traumhaft. Ist allerdings in Bezug auf CC-Lizenzen schwer praktikabel: Denn außerhalb des Netzes könnten die CC-Lizenzen absurder Weise nicht gelten: Nimmt man die Online-Distribution für die GEMA aus, könnte die klassische ”Attribution-NonCommercial“-Lizenz einem nur erlauben, CC-Tracks in einer non-kommerziellen Online-Session aufzulegen. Auf einem Festival ginge das nicht, non-kommerziell hin oder her. Wenn man seinen Track für Non-Kommerzielles frei lizensiert, würde das faktisch einem Ausschluss aus der GEMA gleichkommen. Denn ein GEMA-Mitglied ist für alles, was es macht, GEMA-Mitglied. Die GEMA arbeitet mit Ausschließlichkeitsanspruch. Die Möglichkeit, einzelne Situationen von der Verwertung auszunehmen oder für einzelne Stücke der GEMA keine Werksanmeldung zu schicken, ist faktisch verboten. Immerhin sind die Creative-Commons-Betreiber mit der GEMA im Gespräch, um zu einer gemeinsamen Einigung zu kommen – hoffentlich ernsthaft. Die wahre Bedrohung der GEMA und der Streit um die Zukunft der Musikdistribution wie der Autorenrechte wird woanders liegen.

Digitale Rechte
Weder wir noch die GEMA haben bislang DRM-Applikationen gesehen, die auch nur im entferntesten leisten, was sie immer versprechen. Dennoch: DRM könnte eines Tages dazu führen, dass Künstler ihre Gelder allein durch die Software- und Fileimplikationen schon direkter, schneller und genauer bekommen als bislang überhaupt vorstellbar. Den Datenschutz mal kurz ausgeklammert kommen wir zu folgender Vision: Jedes Stück Musik ist digital. Jedes File weiß von seinem Urheber. Jedes Spielen eines Files meldet wo, wann und wie oft es gespielt wurde. Entweder wurde das Spielen per se durch den Kauf des Files authorisiert, oder Sende- oder Aufführungsorte identifizieren sich automatisch über ihre IP-Adressen. Oder, noch futuristischer, Radio wird umfunktioniert in digitales Streaming und jeder Empfänger ist entweder ein privater Hörer (und zahlt GEZ nur für das, was er wirklich hört) oder ein öffentlicher Ort und meldet genau zurück, welchen der einzelnen Tracks er empfangen und gespielt hat. Traumvorstellung aller Quotenjäger und Marketingwunderland per se, mit Sicherheit aber nicht in den nächsten zehn Jahren anders als tendenziell zu realisieren. Ob Musiker auf dem Weg dorthin massive Teile ihrer Einnahmen verlieren, wird schon jetzt entschieden, aber das Interesse für diesen legalen Wust ist bei Musikern verständlicherweise meist eher gering, so dass jede Alternative in den nächsten Jahren verlockend klingen wird, egal ob großer Vorschuss oder die Flucht ins Allgemeingut und das Bargeld durch Quersubventionierung mit Auftritten im Club. Wir sollten uns nichts vormachen, die Musik ist der Schauplatz eines Krieges, in dem man selber immer mehr den Ort des Kollateralschadens einnimmt, wenn man sich nicht für die ein oder andere Guerilla entscheidet, die schnell nicht nur zur Maffia sondern auch zur Stasi mutieren kann.

Wir danken dem Pressesprecher der GEMA, Hans-Herwig Geyer, für das Informationsgespräch.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.