Wenn ein mittlerweile über siebzigjähriger Mann ein Buch namens "Die Religion" mitherausgibt, könnte man Schlimmes erwarten: Noch ein Beispiel von Altersmilde? Ist jetzt auch Jacques Derrida, Theoretiker der Führungslosigkeit der Schrift und ihrer maschinellen Strukturen, gläubig, menschlich und trostbedürftig geworden? Keine Angst, Jacques Derrida hat es, wenn er über Religion redet, auf das glatte Gegenteil abgesehen: darauf nämlich, die Technizität des Religiösen nachzuzeichnen.
Text: thomas khurana aus De:Bug 50

Fernwissenschaftstechnik
Das Internet, die Religion & Jacques Derrida

Alles auf Kredit

In dem Text “Glaube und Wissen”, der fast die Hälfte des gerade erschienenen Sammelbands “Die Religion” ausfüllt, geht Derrida dem nach, was Glaube und Wissen, die Religion und die “Fernwissenschaftstechnik” (“télé-technoscience”) zu Komplizen macht. Das kann Derrida natürlich nur gelingen, weil er die Religion in üblicher dekonstruktiver Manier neubeschreibt und zu einer Schicht des Religiösen vordringt, die nicht allein einer bestimmten konkreten Religion zukommt. Die “beiden Quellen der ‘Religion’ an den Grenzen der bloßen Vernunft”, die Derrida ausmacht, sind einerseits das Moment des Glaubens, des Kredits, der Treue, des Treuhänderischen und andererseits das Moment des Heilen, Heiligen, Gesunden. Schnell ist deutlich, dass kein soziales Gefüge, keine soziale Praxis existieren kann, die ohne ein Moment des Glaubens und des Kredits auskommen würde. Das bevorzugte “Beispiel” Derridas, um die Notwendigkeit von Kredit und das darin liegende religiöse Moment klar zu machen, ist das Zeugnis, der Bericht von etwas, für das man selbst einsteht und das dem Hörer nicht direkt zugänglich ist. Das Zeugnis spielt nun nicht nur in der religiösen Praktik als Zeugnis von Gott eine Rolle, sondern ebenso auf der Ebene der Wissenschaft sowie in technisch mediatisierter Kommunikation, die laufend Ereignisse bezeugt, die nur auf diesem Weg zugänglich werden.

Unantastbarkeit & politische Ordnung

Auch das zweite Moment des Religiösen – das Heilige und Integre – reicht über die engen Grenzen dessen hinaus, was man als Religion oder religiöse Praktik bezeichnen würde. Vielmehr ist jede politische Formation zumindest des westlichen – d.h. wesentlich lateinischen – Typs von solchen Wertsetzungen des Heilen, Heiligen, Unantastbaren abhängig: das menschliche Leben, dessen Würde in der Verfassung als unantastbar behauptet wird und dessen Grenzen genau darum heute so umstritten sind, ist offensichtlich die Figur eines solchen Heilen und zeigt sich dabei als konstitutiv für eine politische Ordnung.
Derrida versucht durch die so beschriebenen zwei Quellen des Religiösen deutlich zu machen, warum ein Moment des Religiösen nicht auszulöschen ist, sobald man es mit Sozialem zu tun hat. Damit ist zunächst schon einmal klargestellt, dass sich die westlichen Gesellschaften nicht zu sicher sein können, dem Religiösen zu entgehen, nur weil die offiziellen Religionen an gesellschaftlicher Macht verlieren. Der eigentlich interessante Zug liegt aber woanders: diese Religiosität, die Derrida in allem Sozialen wiederfindet, ist nicht als der schlichte Gegner der technisch-wissenschaftlichen Entwicklung, der Aufklärung und der gegenwärtigen wissenschaftlich und wirtschaftlich gespeisten Globalisierung zu sehen. Diese Religiosität ist vielmehr selbst wesentlich technisch, ist ein Strukturmoment der europäischen Rationalität – und all die Konflikte zwischen einer Globalisierung im Namen der Rationalität und religiösen Fundamentalismen werden zu einem internen Konflikt im Religiösen, zeigen also, wie die eine Quelle des Religiösen gegen die andere arbeitet.

Techniken der Integrität

Das, was man heute die “Rückkehr des Religiösen” nennt, ist nur eine Reaktion auf ein anderes Moment des Religiösen, das sich in der latinisierenden Globalisierung (“Mundialatinisierung”) und der “Fernwissenschaftstechnik” zeigt. Folglich stacheln sich in dem weiteren Siegeszug einer bestimmten religiösen Formation – dem Lateinisch-Christlichen – eine wissenschaftlich-technische Rationalisierung und fundamentalistische Bewegungen wechselseitig an. Wenn heute durch die größeren Entfernungen, durch große technische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Projekte, durch eine Vielzahl verschiedener Medien und der damit einhergehenden neuen Formen, andere zu adressieren und anzureden, die Notwendigkeit wächst, Kredit zu geben, zu glauben, Vertrauen zu schenken, wird es um so nötiger, diesen Kredit abzusichern, das Heile, Heilige zu bewahren. Verkürzt und ein wenig absurd gesagt: Wenn es das Internet in seiner Offenheit und Anonymität zu geben beginnt, wächst die Notwendigkeit von Cookies, um klar adressierbare, integre, “heile” Subjekte zurückzugewinnen; wenn es immer weitere offenere Möglichkeiten von Zugang gibt, wächst das Bedürfnis nach Zugangscodes. Die “Fernwissenschaftstechnik” speist sich in Derridas Augen vor allem aus der ersten Quelle der Religion, dem Moment des Glaubens und Kredits, und ruft reaktive Kräfte herauf, die aus der zweiten Quelle stammen, dem Integren, Unverletzten, Heiligen.

Der Papst – cederomisiert

Wirklich kompliziert wird die Konstellation dadurch, dass die Bewahrung des Integren, Gesunden, Heiligen sich selbst den Modi des Fernwissenschaftstechnischen bedient. Um das zu belegen, muss man nicht nur auf das eher abseitige Symptom verweisen, wie sich fundamentalistische Bewegungen medialer Inszenierung bedienen und wie der Papst “cederomisiert” durch die Informationskanäle reist. Wichtiger ist es, dass das Moment des Heilen und Heiligen intrinsisch abhängt von einem Moment des Kreditgebens: das wirklich intakte, integre und heilige Leben ist keine hier und jetzt festzumachende Qualität. Das Leben ist heilig nur insofern, wie es mehr ist als bloßes Leben. Das Heilige hängt mit anderen Worten an einer “transzendenten” Dimension, auf die man nur vertrauen und rechnen kann, der man Kredit geben muss, die man aber nicht gegenwärtig in Händen hält. Der Fundamentalismus appelliert also gegen den Glauben, das Kreditgeben, das Vertrauen, insofern es illusionär sein kann. Aber: der Fundamentalismus tut dies selbst mit den Mitteln des Glaubens – der wieder illusionär sein kann. Das Ganze ergibt dann eine “Logik der auto-immunen Selbstentschädigung”: Die Religion versucht, einen Bereich der Immunität sicher zu stellen, und rebelliert zugleich gegen den eigenen Schutz, gegen die eigene Immunisierung, gerade in dem Maße, wie sie etwas aktiv zu schützen versucht.

Religion wird so zur fortgesetzten Schutzverletzung und Technik zur “Chance des Glaubens”. Trotz häufig behaupteter ethischer Wende bleibt Jacques Derrida also auf gute Weise technoid. Die “Quelle” von “Glaube und Wissen” ist kein letztes Gut, kein Unversehrtes, kein Heiles, sondern das Interesse dafür, wie dieses “auf eine fast maschinelle Art” erzeugt wird.

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Elektronische Lebensaspekte.