Text: Sascha Kösch aus De:Bug 07

Das Jahr der Entscheidung. Sascha Kösch bleed@de-bug.de Wir alle haben mehr als unser halbes Leben mit einer Regierung zugebracht, unter der sich die Grenzen des realen Sozialismus soweit verschoben haben, daß selbst die Linke nicht mehr daran glauben kann. Die Realität in Deutschland ist eigentlich mittlerweile schon seltsamer als eine Überdosis LSD. Eine Armee von Arbeitslosen, deren Selbstverantwortlichkeit von der Jungen Union noch gefördert werden soll, vertreibt sich die leere Zeit mit der Vergewaltigung polnischer Strohpuppen unter strenger Anweisung faschistischer Gastprofessoren. Hurrah. Noch 4 Jahre so weiter und wir halten es alle für normal, daß Ortsgespräche im Minutentakt abgerechnet werden. Wir können alle nicht mehr wirklich denken. Und wenn wir es schon nicht können, wie sollte da jemand anders? Und das über Jahrzehnte hinweg und obendrein noch mit Kontinuität? Wo immer ein Rest an Untergrundbewußtsein gewesen sein mag, da zerfleischt es sich selber, weil die Klarheit eines Gegners immer noch zum eigenen Verständnis einer besseren Welt zu gehören scheint. Es ist jämmerlich und obendrein soll es nur noch zwei zulässige Alternativen für Gesellschaftsformen geben, Kapitalismus oder Religion. Und niemand scheint wenigstens eine Idee davon zu haben, daß beides das gleiche sein könnte. Warum sollte sich 1998 irgendetwas daran ändern? Warum bei uns? Es sieht nicht so aus als würden die konkurrierenden Telekommunikationsgesellschaften das Ende eines langen Monopols mit Wimpeln und begeistert feiernden Volksaufständen als Befreiungkrieg von der medialen Diktatur feiern. Struktureller Wandel heißt vor allem Wandel des Strukturierbaren. Wo vorher eine Grube war, da ist jetzt ein Loch (bekanntlich nicht strukturierbar) das dich ermunternd fragt, wo du heute hingehen willst. Kann man Arbeitsamt nicht mit @ schreiben? Oder wollen wir mit Pseudorunen als New Warrior das nächste Jahrtausend besiegen? Die Welt will, offensichtlich, Messen- nicht Massenkompatibilität, denn Masse darf es nur noch geben, wenn sie ein Gesicht hat, representen ohne Ende, Logos verbreiten und auf keinen Fall auf diesem gut durchseuchten Acker irgendetwas verändern. Die Illusion eines freien Marktes, des wirtschaftlichen Nirvanas aufrechterhalten, an das Börsenkorrespondenten in letzter Zeit selbst bei gravierenden Einbrüchen mit einem verklärt realen, asiatischen Lächeln wirklich glauben. Langzeitprognose: Ich drück dich. Wo Kapital ist, soll mehr werden. Einfacher kann man unsere Gesellschaft nicht erklären. Kommenden Wahlkampagnen darf es wie seit Jahrzehnten egal sein, wer überhaupt zu wählen sein wird. Der eine ist jetzt schon geliftet und begradigt, das schiefe Lächeln des andern fließt nahtlos als Charmebonus in eine Kybernetik der mediatisierter Wahlstrukturförderung ein. Deutschland soll geliftet werden, plasto-politische Mikromedienchirurgie, die uns real unseren ersten klinisch behinderten Kanzler liefern könnte, endlich. Und gerecht wäre das alles eh, wenn nicht ständig versucht würde uns Inhalte zu verkaufen, denn kaufen machen wir schließlich alle gerne, am liebsten schuldlos mit Fünfmarkscheinen oder mit Euro, der so verdächtig lange schon nicht mehr Euromark heißt, daß wir fast an seine Auferstehung glauben, denn die Schweiz geht ja eh unter. Oder will jetzt jemand aufstehen und rufen: wir wollen den kommunalen Browser !? Nicht wirklich, oder? Aber wir lieben Inhalte, denn anders ist es nicht zu erklären, weshalb dieser (und jetzt kommt, nach etwas poetischer weichkochender Vorbereitung der Zweck dieses Artikels, gleich jedenfalls…) merkwürdig schiefe Charme eines politisch korrekten Desinteresses an Politik jemals diesen Status von Über-Meme erreichen konnte. Niemand scheint bislang bemerkt zu haben, daß die Idealzielgruppe, wenn nicht gar die einzige dieses Jahr für unsere geheiligte Bundestagswahl, eigentlich die mordsmäßig überstrapazierte, ständig überarbeitete Ikone der HTML-Alphabetisierung, die halbtote Mutter Theresa des Netzes, der Webdesigner ist. Ob er nun weiß was ein Layertag ist oder nicht, er kauft sich mit 30 eine private Rentenversicherung, arbeitet in die eigene Mehrwertsteuerkasse, will einen ISDN Anschluß, und investiert auch noch in Innovationstechnologie. Und da brauchen wir eigentlich gar nicht mehr mit euphorischem Amerikanismus trotzig herumzuhänseln, daß die Amistudenten aber auf den Campus ziehen, weil man ihnen allen Windowsrechner vor die Nase setzen will und sie dadurch ihren Lebensraum (Der Mensch, das Plattformwesen) erheblich eingegrenzt sehen. Amerika ist überall, ob wir es nun wollen oder nicht. Wir haben unsere eigene “moderne Welt”, Randzonen, die schon jetzt Wirklichkeit werden und 1998 wird das die Bundestagswahl werden. Nach dem Niedergang von Tennis, Boxen, Lady Di, Popmusik, Internet, Formel 1, D-Box, usw. das Medienspektakel Nr.1 des Jahres, und die gleichzeitige Wiederauferstehung von allem. Mitmachen darf man wie bei der Fernsehlotterie auch noch. Nicht alle die sollten, aber immerhin. Also wollen wir mitmachen und wollen, daß alle mitmachen und das auch dürfen. Wir wollen wissen ob ein Kreuz hier oder da vielleicht Vorteile für das Human Genome Project bringen könnte, oder eine Mark Mehr-Investition von Mercedes in Wasserstoffmotoren bedeuten könnte, welches wohlinszenierte Auftreten in welcher Talkshow von welchem Politiker als cleverer Move gedeutet werden könnte und ob dadurch unsere Telefonrechnung wirklich sinkt. Wir wollen wissen, wer welche Kampagne designt, wer welche Websites wie und warum, wer die beste CI hat, wer die gelungenste Schrift, denn in einer hochästhetisierten politischen Landschaft kann ein hoffnungvoller Anwärter auch schon mal über ein paar Seriefen stolpern. Was interessiert sind medienwirksame Strategien, denn nicht Wahrheiten gewinnen, sondern Überzeugungen, nicht umsonst ist “sich gut verkaufen” ein ziemlich schillernd tautologischer Ausdruck. Was zählt, da machen sich nicht mal Politiker was vor und stehen schon wieder als vorbildlich da, sind große Themen, gerne in Verbindungen mit anderen großen Themen, damit sie noch größere Themen werden. Und genau danach werden wir in den nächsten Monaten alles durchforsten was Bedeutung und Bilder produziert – auf die Endlösung eines neuen Kanzlers hin. Medien um uns herum sind schon ganz schön merkwürdig. In einer Woche hat Focus Bill Gates als neuen Feind von Bertelsmann und Kirch identifiziert, weil er mit englischen Digitalfernsehern kooperiert, aber nicht etwa weil er zum Großangriff auf Fernsehn und Netz angesetzt hat, das für ihn längst eins geworden ist, auch wenn es ihm faktisch noch ein wenig hinterherhinkt, scheinbar weil in den Zeiten des globalen Marktes England via EU wohl immer noch näher gedacht wird, als Windows auf dem eigenen Rechner. Und es kann doch eigentlich nicht angehen, daß Schröder in Die Woche (28.11) als einen der wichtigsten Punkte seiner Parteistrategie (SPD) eine grundlegende gesellschaftliche und ökonomische Modernisierung nennt, und das nicht einmal hinterfragt wird. (Wollten Personalfragen geklärt haben, du oder Lafontaine, na was nun?) Was für eine Moderne soll denn da kommen, was für Forschung und Produkte, Netzwerke und Standards? So ist das doch die reine Technolehre. Schneller, neuer, mehr. Was soll so etwas ändern, außer daß man es natürlich so abstrakt wie es ist gerne an sich vorbeiplätschern läßt. Von Zeitungen wie der FAZ, die mit dem Vorstandsprecher der Grünen in Hessen eigentlich gar nicht reden will, und schon gar nicht seine Theorie von der mangelnden Vernetzung der deutschen Infrastruktur hören möchte, sondern eigentlich nur hintenherum (und dafür macht sie rethorisch waghalsigste Umwege (30.11.)) sagen möchte, daß die Grünen dumm sind. Einfach so, so wie: das wollten wir immer schon mal loswerden, schön daß sie 5 Tausend Zeichen belangloses Zeug drumherumgebrabbelt haben. Danke. Allerseltsamst auch, daß grade in MediaFacts12/97, dem Beiblatt von Horizont, einer eher knallharten Medienmarktzeitung, also einem Blatt, daß man als eine Art Wochenzeitung für Werbefachleute sehen kann, das Editorial ausgiebigst begründet, warum Medienanalysen eine komplette Einbürgerung von Ausländern in ihre Daten schnellstens vornehmen sollten (eine Forderung die bei Politikern vermutlich Selbstmord wäre), und warum es bislang nicht gemacht wird (das finanzielle Gefüge würde sich merklich ändern, was einigen nicht gefällt). Die Welt steht heutzutage grundsätzlich meist verdreht da. BP erweißt sich als größter Solarzellenproduzent, Mercedes als Hauptinvestor für benzinfreie Motoren usw. Während auf Seiten der etablierten Kritik und der sogenannten Öffentlichkeit (Ex-Gut, oder zumindest Ex-Progressiv) gerne hausbacken moralisch kleinbürgerlich oder absolut thematisch diktatorisch selbstverliebt gefahren wird, bestenfalls aber die eigene Ignoranz mit schicken Schaubildchen und forschem Infotainment kompensiert wird, ist die Wirtschaft (Ex-Böse heutzutage immer noch gerne allerorten als Böse Sponsoren usw. herbeizitiert) allein aus Gründen des eigenen Überlebens, und da sind Netzwerke ein wichtiger Faktor, der Kritik gerne 10 Schritte voraus. Das müssen doch alles Zyniker werden. Und einer der wichtigsten Faktoren der Politik, wenn sie nun schon mal soviel Medienaufmerksamkeit bekommt, dürfte dieses Jahr fast schon sein, der eigenen Bevölkerung die Welt zu erklären, zumindest soviel davon, daß sie versteht, warum man sie wählen soll. Den Kanzler also, um es greifbarer zu machen. Unser erster Hybrid (Ugs: Ersatzwort für Multimedien) kompatibler Herrscher von dem nach unser aller Gesellschaftsutopie logischerweise folgendes, nicht viel, wir sind ja nicht grade verwöhnt, schon jetzt gefordert werden muß: 1. gut aussehen, speziell 2-dimensional (genereller Medienkompatibilitätsfaktor) 2. halb Alien halb Mensch sein (Menschlichkeitsfaktor) 3. hype-fähige Themen artikulieren können (Multimediafaktor) 4. integriertes Multithreading (Antistressfaktor) 5. Betroffenheit gut Simulieren können (Glaubwürdigkeitsfaktor) 6. nette Freunde haben (Multikultifaktor) 7. tierlieb sein (taktiler Faktor) 8. erreichbar sein (@-Faktor) 9. eigene Unfähigkeit offen zugeben und durch Trümmerfrauenphilosophie ersetzen (Antihumanismus Faktor) 10. kann er tanzen? (Mobilitätsfaktor) 10. technologisch advanced sein (genereller Faktor) Dazu werden vermutlich Monat für Monat neue hinzukommen, je nach Weltwirtschaftslage, schließlich ein schwieriger Job, für den man eine geeignete Klassifikation fordern kann, und allein beim letzten Faktor malen wir schon jetzt lieber schwarz, aber geben die Hoffnung nicht auf z.B. eines Tages in den kommenden Monaten mal einen Kanzlerkandidaten oder Parteivorsitzenden mit einem Pilot in der Hand zu erwischen (minimiert Diäten) oder vielleicht sogar anstelle der üblichen 0190 Nummer mal jemanden via T-Online Identifizierungsnummer in einer schmuddeligen Newsgroup zu erwischen. Man würde ja schließlich auch keine Herzrhythmusmaschiene einfach so ausschalten. Also: Programmierer aller Länder vereinigt euch zur Wahltransparenzliga durch Rasterfahndung nach Regierungsangehörigen im Netz. Alle sachdienlichen Hinweise werden von uns gerne entgegengenommen. Für diesen Zweck haben wir eigens eine E-Mail Adresse eingerichtet: wahl@de-bug.de Wir fordern euch zum mitwählen, kommentieren, entmystifizieren, dekonstruieren, wahlberichterstatten, frontbericht ergattern usw. (www.de-bug.de/wahl) auf, werden schöne Diagramme malen, Statistikprogramme testen, unermüdlich Fernsehen, auch Phoenix, merkwürdige Zeitungen die man nur ungerne liest zumindest durchblättern, posten wie die irren, Mundpropaganda machen, unverschämte Fragen stellen, Stylisten, Hautärzte, Designer, Wissenschaftler, mediale Großmäuler und andere Spezialisten herankarren und sogar, allerschlimmst, Wahlkampfwerbespots begutachten und, noch viel schlimmer, Wahlkampfmusik anhören und besprechen. Das Leben und Überleben in den nächsten 9 Monaten wird nicht leicht werden. demokratie

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Elektronische Lebensaspekte.