Der Trip durch den siebten Himmel scheint nicht zu enden. Aber wie hoch soll es denn noch gehen? Ellen Allien plant voraus.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 92

Das Leben, ein Kick
Ellen Allien

Setting: Sie sitzt einfach da. Eleganz! Erhabenheit! Ellen Allien. Sonnenstrahlen treffen auf ihre große Sonnenbrille. Diese Brille! Grand Dame. The Head of Bitches, sagt sie. Labelmama, Jetset-DJ, das Kapitel in der Techno-Bibel ist gebucht. Die letzte Nacht war lang. Feiern? Ellen Allien feiert nicht. Arbeit! Zuhause. Vor ihr ein triumphales Glas Wasser. Sie hat die Zitrone abgenagt. Ganz schnell. Hektik, Rastlosigkeit. Aber auch Ausgeglichenheit. Das alles ist ein Traum. Die kleine Ellen ließ schon aus dem Lichtenrader Kinderzimmer die Boxen in den Hof schallen. Alle sollten an ihrer Musik teilhaben. An ihrer Musik. Sie sagt: Es kickt. “Thrills“ ist fertig. Hat Bässe, hat Geschmeidigkeit, steht außer Diskussion. Ellen Allien ist auf dem Cover: mehr Wesen als Frau. Auch wenn da Titten sind. Und alle glotzen. Die Macht ist mit ihr.

Wo holt sich Ellen Allien ihren Thrill?

Ellen Allien: Mein ganzes Leben kommt mir vor wie ein einziger Thrill. Letztens habe ich in 14 Tagen in 14 amerikanischen Städten gespielt. Danach ist da immer so ein krasser Haufen an Eindrücken, den ich nicht sortieren kann. Ein Thrill. Ich stehe in dieser Welt und komme damit eigentlich nicht mehr klar, ohne auszurasten, ohne rumzuschreien. Mittlerweile bin ich aber ziemlich abgeklärt in mir, während außen alles wirr ist.

Aber eine Pause hast du nach solchen Tourneen wohl trotzdem nötig?

Ellen Allien: Thrills war eine Ruhepause. Eine Rückkehr zu der Art und Weise, mit der ich mich als Musikerin ausdrücken möchte. Einen Monat saß ich mit Holger Zilske im Studio in Lichterfelde und wir holten uns an den Knöpfen blutige Finger. Eigentlich wollte ich ein Listening-Album mit echten Instrumenten machen, aber dann wollte ich es doch ganz roh. Vielleicht, weil ich mit so vielem vollgestopft werde. Es ist wieder basic: analoge Geräte, nicht dieses ganze IDM-Dance-Zeug. Nicht so verfrickelt, nicht so viele Plug-Ins – dafür mehr Basslines. Nur: Du kannst so viel im Kopf haben, wie du willst, letztendlich zählt nur der Moment. Ein Album ist ein Prozess, du kochst es ja nicht wie eine Hühnersuppe.

Also servierst du auch nicht immer dasselbe?

Ellen Allien: Routine ist bei mir nicht vorhanden. Mein Leben ist viel zu krass dafür. Es gibt darin viel zu viele Ebenen. Ich mache nicht nur Musik: Ich toure, ich organisiere die Labelarbeit, lege auf und entwerfe gerade sogar eine Fashionline. Ich mag es einfach, wenn sich alles bewegt.

So wie die Massen vor deinem DJ-Pult …

Ellen Allien: Ich stehe in irgendeinem neuen Club, tausende Menschen um mich herum – nur Body. Und dann wollen sie noch Autogramme von mir haben. Es ist verrückt. Alles ist auf mich fixiert, da falle ich dann manchmal fast um. Bei einem Gig im Osten standen mal Horden dieser netten großen Männer mit nacktem Oberkörper vor mir. Die fressen Ecstasy und sind friedlich, das ist gut. Aber die machen mir schon Angst, ich stehe eher auf Softies. Alle rissen dann ihre Muskeln hoch zu mir und da war so eine Magie, so eine krasse Energie, dass ich nicht mehr konnte. Ich habe die Musik ausgemacht. Das war mir zu mächtig. Das war mächtiger als ich.

Du hast also mit deiner Musik Macht über sie. Das ewige Bild: Die harte Frau dominiert im Macho-Geschäft?

Ellen Allien: Die Männer im Business haben eben so ein Kumpelding zueinander und ich habe wohl die Position der Powerfrau. Ich stehe außen vor und weiß anscheinend, was ich will. Ich fühle mich in meiner Situation eigentlich gar nicht schlecht, obwohl es heißt: “Die hat doch nur einen Producer, was kann die eigentlich?“ Da gab es mal auf der Debug-Homepage ein unglaubliches Lästern. Ich wurde reduziert auf mein Aussehen und auf Klischees. Ich musste fast kotzen. Die diskutieren, ob sie mal mit mir ficken wollen. Trotzdem lasse ich mich auf dem neuen Cover abbilden. Weil die Bilder super sind, weil ich meine Schönheit auch zeige, wenn ich sie habe. Die Machos sind mir dann scheißegal. Ich diskutiere ja auch über den Dreck von Kollegen.

Berlinette revisited

Du wirst ja immer noch stark mit Berlin asoziiert. Was ist denn eigentlich noch Berlin-Style für dich?

Ellen Allien: Für mich ist Berlin nichts Besonderes mehr. Dass hier die geilste Musik läuft, stimmt einfach nicht. Und hier gibt es auch nicht die besten Produzenten oder Labels.

Nervt dann der Berlin Hype, den es spätestens seit Berlinette um dich gibt?

Ellen Allien: Berlinette war die totale Verarschung. Ich habe das so genannt, weil mich damals alle nur nach Berlin fragten. Es war ein Augenzwinkern. Ich verkörpere trotzdem gerade im Ausland die Stadt. Aber Berlin – ja, ich lebe halt noch hier.

Inwiefern hat dich dein umtriebiges Leben verändert?

Ellen Allien: Ich bin professioneller geworden. Ich komme jetzt auch mal mit kaputten Turntabeln zurecht und natürlich mit zuwenig Schlaf. Es geht darum, dieses Leben zu leben, ohne sich fertig zu machen. Ich bin oft kein glücklicher Mensch, da ist mein Beruf sehr erfüllend. Plötzlich spielen Radiohead neben dir und später gehst du kurz mal mit denen essen. Dann wollen die auch noch Platten von dir. Leute, von denen ich Fan bin. Ich falle fast vor denen auf den Boden und die selber auch. Das ist schön. Das wird zur Sucht.

Du wirst niemals davon wegkommen?

Ellen Allien: Ich werde alt damit. Ich kann schon jetzt nicht mehr dauernd zwei Tage durchmachen. Ich nehme auch kaum mehr Drogen. Ich arbeite mit jungen Leuten und roste nicht ein. Das kostet zwar alles Energie, auch meine Fernbeziehung in Italien – aber ich brauche das. Irgendwann höre ich auf, weil ich es den Leuten dann nicht mehr antun kann. Ich bin auf der höchsten Ebene gerade. Es geht ja fast nicht mehr höher, es hört ja gar nicht auf, es wird ja immer größer. Bpitch war ein gutes Experiment, aber reicht es nicht? Allerdings wäre es ohne mich nicht das Gleiche und ich habe eine Verantwortung den anderen gegenüber. Die Marke Bpitch wird immer bleiben. Ich kann mir aber vorstellen, mal eine gute Managerin zu sein: Bands suchen und produzieren. Ja, ich mache mir Gedanken: Was soll denn mal sein? Will ich mal Kinder haben?“

Willst du denn?

Ellen Allien: Ich müsste für eine Familie auf sehr viel verzichten. Ich würde aber nicht abtreiben, wenn ich jetzt schwanger werden würde. Und ich nehme nicht die Pille. Wenn es passiert, dann passiert es eben. Das würde ich dann auch noch auf die Reihe kriegen.

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Elektronische Lebensaspekte.