Wie viel Strom verbraucht eine große Hosting-Firma, die große Teile des deutschen Webs auf ihren Rechnern abrufbereit hält? Ji-Hun Kim hat sich durch die Server-Räume der Strato AG führen lassen.
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 121


Die Spritpreise sind mal wieder gestiegen. An einer Tankstelle im unglamourösen Teil Charlottenburgs warte ich zwei Zigarettenlängen und scanne jeden Passanten als potentiellen Gesprächspartner, bis mir eine junge Frau Mitte 20 entgegenschreitet. Ihr schwarzer Übergangsmantel eine Spur zu weit geschnitten, die Frisur adrett und der Händedruck wie ein Doppelmausklick. Mit Signal, aber nicht sonderlich stark. Die Branche der Webhoster präsentiert sich nebulös. Keine Information zu viel darf die firmeninternen Hallen verlassen.

Das mutet an diesem, für den ausgehenden Winter fast zu warmen Tag, richtiggehend konspirativ an. Die Referentin für Nachhaltigkeit der Strato AG, Anette Weichel, bestellt zum Treffpunkt Tankstelle. Das Rechenzentrum befindet sich in Fußweite in einem großen Gewerbehof auf unterschiedlichste Gebäude und Ebenen verteilt. Fotos dürfen wir keine machen, was auch der Grund für den Treffpunkt an der Tanke gewesen sein mag. Vertrauen ist gut, ISO-27001-Zertifizierung besser. Beim Eintritt im Parterre fällt auch nur die Tür auf, hier wurde reichlich Panzerglas verbaut. Im Aufenthaltsraum weisen auch nur die edle Cappuccinomaschine und ein, zwei PCs mehr als sonst üblich daraufhin, dass wir uns vielleicht doch nicht in einer Wurstfabrik oder Stahlbiegerei befinden.

Wie sieht die Stromversorgung eines Rechenzentrums aus? Wo andere Mediafirmen mit Notstromaggregaten für ein bis zwei Tage ausgestattet sind, fährt ein Rechenzentrum weitaus anderes Kaliber auf. Da mutet die untere Energieetage mit sechs überdimensionierten Transformatoren und einer Halle mit ebenso vielen Schiffsdieselmotoren, die sonst die AIDA und MS Europa durch die Ozeane karren, fast anachronistisch an. Offene Kupferkontakte und mannshohe Spulen mit Ölkühlung.

Im Kontrollraum reihen sich graue Transformatorenschränke, die Klimaanlage macht infernalischen Lärm, gegen den die Nachhaltigkeitsreferentin anschreien muss. Die bibergroße Sicherung gehört offensichtlich zum Besuchsprogramm, der Bolzen, den man kurz in der Hand wiegen soll, könnte locker die Heckklappe einer Autofähre sichern. Es gibt auch eine zentrale Schaltstelle, wo man wie in Tom-Cruise-Weltrettungsfilmen zwei Schlüssel gleichzeitig drehen muss, um den Saft abzudrehen. Der zweite Schlüssel befände sich im Tresor des Vorstandbüros. Man ist scheinbar ein bisschen stolz auf so viel Retrokino-Action in dem eventuell sonst ein wenig faden Alltag im Datenschubserbusiness.

Ein subterran verankerter Dieseltank fasst 40.000 Liter Sprit. Da fährt selbst ein Porsche Cayenne auf Vollgas fünfmal um den Äquator. Reichen soll das in Stromkrisenzeiten für ganze drei Wochen Energie um den Webtraffic dieses einen Rechenzentrums aufrecht zu erhalten. Es gibt sogar speziell ausgehandelte Verträge mit den umliegenden Petrolbranchen, die für stetigen Nachschub sorgen sollen. Aber man stelle sich nur eine Woche ohne Strom vor, da wird der illuminierte Klogang weitaus existentieller als ein Backup der privaten Website, oder etwa doch nicht? Laufen die Schiffsmotoren einmal an, dann erzeugen sie eine derartige Hitzesäule, dass sie die Einflugschneise des Flughafens Tegel beeinträchtigen könnten. Auch diese Aussage erklingt mit einem Oberton von “Schau, das ist doch mal was!“.

Da ist man fürwahr erstmal nicht unbeeindruckt, aber viel eher zwängt sich die Ära Faraday und Newton auf als die Epoche Jobs, Wales und Page. In diesen Räumen wird der Stromverbrauch von 5.000 Vier-Personenhaushalten in die Prozessorfarm gespeist. Zusätzlich wird hier durch ein riesiges Arsenal von aufgepimpten Autobatterien Elektrizität gepuffert, welche auch die Übergangszeit vom Stromausfall bis zum Anlaufen der Schiffsmotoren überbrücken sollen. Jene Akkus befinden sich einige Etagen über dem Traforaum im eigentlichen Rechenzentrum. Wie Terrakottasoldaten in einer hinteren Ecke aufgestellt akkumulieren sie hinter einer Baubandabsperrung vor sich hin.

Ein konventioneller Sechsfachstecker auf dem Boden stellt zwischendurch eine Stolperfalle. Überall surrt und rauscht es. Auch hier ist es eigentlich laut. In OP-Überziehsöckchen gehüllte Füße trapsen durch die dunklen Gänge der Serverbrigaden. Ein schwarzes Bändchen am hinteren Ende des Schutzschuhs soll statische Komplikationen vermeiden und ist daher am Fuß Richtung Boden geerdet. Mein Band schaut mich vom mittleren Zeh nach oben an, ob ich hier gleich den Super-GAU verursache?

Das muss besser werdenDer Saal wird an allen Wänden mit Klimaanlagen in Fußballtorgröße flankiert. Überhaupt ist gutes Klima das A und O eines funktionierenden Rechenzentrums. Das Verhältnis von eigentlichem Energieverbrauch für das Hosting der Websites und dem Strom, der durch die Klimaanlage und Lüftungen fließt, beträgt daher auch 1 zu 0,7. Diese Relation sei sogar ein in letzter Zeit mühsam errungener Erfolg, denn vor Zeiten hätte sich das alles noch viel unbalancierter in die Klimabilanz eingefräst.

Dies läge wohl auch an der Innovation von “kalten“ und “warmen“ Gängen, wo angesaugte und abgeführte Luft so in die Raum-Luft-Zirkulation berechnet wird, dass sich der Klimahaushalt intern von selbst ein wenig regulieren kann und somit die Klimaanlagen entlastet. Auch laufen die Prozessoren einige Grad über den Herstellervorgaben, was noch mal ein Dutzend Vier-Personen-Haushalte einsparen würde. Improvisiert liegen Plexiglasscheiben auf den Servertürmen, um den Luftstrom kontrollieren zu können, und immer wieder dünne Kabelsteckungen, die auf dem Boden liegend scheinbar den ganzen Laden zusammenhalten.

Besondere Obacht ist also geboten während unserer Expeditionen durch den Bitdschungel, währenddessen man sich fragt, wieso man so wichtige Verkabelung nicht einfach einbetoniert, wo hier doch ohnehin alles in Semi-Area51-Anmutung daherkommt, Gaffa hätte es ja auch getan. Das Herzstück des leuchtdiotisierten Erlebnistrips kommt dramaturgisch gekonnt platziert zum Schluss: ein 19“-Rackelement, das den halben Traffic Berlins durch die Welt jagt: 160 GB in der Sekunde. Das nennen wir mal eine amtliche Datenrate, und der juvenile Begeisterungsblitz im Erregungsfaktor einer Ameisenkorpulation scheint auch unserer Referentin für Nachhaltigkeit gut zu gefallen.

Auf die Frage hin, wieso man für eine der größten Firmen im Bereich Webhosting eine solche Stelle ausschreibt, wurde uns geantwortet, dass die Reduktion von CO2 zu einer der Grundideen ihrer Firma geworden wäre. In Dresden wurden daher auch besonders stromsparende Chips für die Server entwickelt. Man nimmt das Gewissen also ernst und gar komplett CO2-frei will man bald werden. Das ist Aktionismus, der nicht nur gute Publicity, sondern auch dem internen Finance Controller einige Schweißperlen im Jahr weniger auf die Stirn bringt.

Wenn man sich den Verkehr im Netz anschaut, dann wird schnell deutlich, dass viel Müll wegen Müll produziert wird. Knapp 90 Prozent des gesamten E-Mail-Aufkommens besteht aus Spam, knapp die Hälfte des Webtraffics geht für P2P-Filesharing drauf. “Da sollten doch die Datensauger ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie Tag und Nacht den Rechner laufen lassen, wo es doch legal viel schneller geht“, heißt es in einem Nebensatz.

Strato bezieht als erster Webanbieter den Strom angeblich ausschließlich aus Wasserkraft und anderen regenerativen Energieressourcen. Bei einem Stromaufkommen von 30 Gigawattstunden pro Jahr mussten da sogar die hiesigen Energieriesen passen, und so wurde umgestellt auf einen alternativen Stromversorger und in ein Wasserkraftwerk im Hochrhein investiert. Da wurden nicht nur emsig zahlreiche Öko-Awards eingeheimst, sondern man wurde sogar zum Rolemodel vieler Konkurrenten.

Auf dem Heimweg warte ich an der Bushaltestelle, gegenüber zeigt ein Autohändler wuchtige Edelgebrauchtkarossen. Unter einer feuchten Tiefgaragenbalustrade werden massive schwarze Autos mit grellen Preisstickern verschachert. Daheim angekommen setze ich mich erst mal hin, atme durch, informiere mich über Karmakonsum, finde heraus, dass es ein Plug-In mit Vogelgezwitscher gibt, das den Kohlendioxidausstoß meines Laptops errechnet, und stelle fest, dass meine Wohnung wohl zweimal so viel Energie verballert wie nötig.
Das Internet … Fluch und Segen.

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Elektronische Lebensaspekte.