Für jeden seiner Flüge zahlt der M_nus-Chef eine Klimaschutzspende: Öko ja, Technik ja, Techno-Optimismus ungebrochen.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 121


Richie Hawtin trägt jetzt Bart und macht sich für Umweltschutz stark. Der Hawtin, dessen gängigstes Pseudonym einmal “Plastikman” war. Der Hawtin, der die Traditionslinie Detroit-Berlin in der Post-Techno-Ära verkörpert, seitdem er 2004 nach Berlin kam und M_nus zum Minimal-Imperium machte.

M_nus erwirbt seit Anfang des Jahres für alle Flüge seiner Acts und Angestellten CO2-Zertifikate von Atmosfair. Die ausgleichende “Klimaschutzspende” zum Flugticket gehört zum boomenden Sektor der “Voluntary Emission Reductions” (VER). Inzwischen bietet sogar die Lufthansa diesen Dienst an. Die Höhe der CO2-Ausgleichsabgabe richtet sich nach der geflogenen Strecke, kann aber je nach Berechnungsmethode erheblich variieren.

Lufthansa rechnet zum Beispiel nur mit dem direkten CO2-Ausstoß und ignoriert Faktoren wie die Fliegerproduktion. Rechnet man diese hinzu, ist die Klimawirkung etwa dreimal so hoch wie der bloße CO2-Ausstoß der Turbinen. M_nus kompensiert mit dem Faktor 2,7.

De:Bug: Ihr habt angekündigt, aus M_nus eine möglichst CO2-neutrale Firma zu machen, wie kam es dazu?

Richie Richie Hawtin: Um ehrlich zu sein, hatte ich das Thema bis vor zwei Jahren überhaupt nicht auf dem Radar. Dann war der Klimawandel plötzlich omnipräsent und gleichzeitig bin ich Vater geworden. Das ändert den Blickwinkel, zum Beispiel auf unseren Über-Konsum.

De:Bug: Techno und Öko sind aber erst mal eine gewöhnungsbedürftige Konstellation?

Richie Hawtin: Es ist schon ein Bruch. Elektronische Musik kam aus meiner Perspektive immer ohne Sprecher oder dezidierte Botschaften aus, und diesen Aspekt finde ich immer noch großartig. Aber man kann sich nicht ewig im Studio verstecken, um nicht erwachsen zu werden. In unserer Community wird Zukunft auf eine selbstsüchtige Art behandelt, also nur die Zukunft des eigenen Sounds. Und das funktioniert einfach nicht mehr, denn die Umweltprobleme von heute sind das Resultat unserer Gedankenlosigkeit von gestern. Jetzt stehen wir an einem Wendepunkt.

De:Bug: Ist die “Klimaschutzspende” zum Flugticket nicht nur ein Ablasshandel für jene, die es sich leisten können?

Richie Hawtin: Das stimmt irgendwie, und es wäre auch bescheuert zu sagen, dass wir die Lösung für alle Zeiten gefunden haben. Aber an diesem Punkt ist es für uns der richtige Weg und das Klimazertifikat ist auch nicht die einzige Maßnahme. Wir versuchen weniger wegzuwerfen, wir nutzen Energiesparlampen, reduzieren Verpackungen und wir haben die Plastikhüllen der CDs durch Pappe ersetzt. Aber für mich und M_nus sind vor allem die Flüge relevant.

De:Bug: Am besten wäre es wohl, ganz aufs Fliegen zu verzichten?

Richie Hawtin: Klar, das haben wir auch überlegt. Aber mit dem Zug kommt man nicht überall hin, und ich glaube nicht, dass man DJ-Gigs ins Internet verlagern kann, denn die physische Präsenz ist gerade in unseren virtuellen Zeiten etwas Besonderes. OK, ich kann weniger Gigs spielen, aber ich würde trotzdem noch scheiß viel CO2 erzeugen, und zwar zu Unterhaltungszwecken. Denn das ist nüchtern gesehen mein Beruf, und das geht leider nicht ohne Fliegen. Also haben wir mit einer Reihe Organisationen darüber gesprochen, was sie mit dem gespendeten Geld genau machen, bis wir von Atmosfair überzeugt waren. Und der zweite Punkt ist, über das Thema zu reden. Mit den Menschen in meiner Umgebung, aber vor allem mit anderen DJs, Clubbetreibern, Booking-Agenturen, Festivalbetreibern, etc.

De:Bug: Man könnte sagen: Ihr gebt Geld für den Klimaschutz aus, redet darüber und unterm Strich sind die “Klimaspenden” als Marketingkosten sogar ein richtig gutes Geschäft?

Richie Hawtin: Zunächst glaube nicht, dass wir deshalb mehr Platten verkaufen. Natürlich muss ich als Unternehmer daran interessiert sein, mehr Platten zu verkaufen, alleine weil durch umweltfreundliche CD-Hüllen die Produktionskosten gestiegen sind. Aber das ist nicht der Punkt, warum ich über das Thema rede. Ob man mir das abnimmt oder nicht, ist egal. Ich merke, wie ignorant meine DJ-Kollegen sind. Wir tun, was wir können, und das gleiche müssen andere auch tun – “must” not “can”! Dass DJs gut bezahlt werden, liegt auf der Hand, und keiner fliegt so viel wie DJs. Also sehe ich nicht ein, warum es keine DJ-Bewegung gibt, um die Schäden dieser Fliegerei auszugleichen. Klar, verdiene ich besonders gut, aber DJs, die weniger verdienen, fliegen auch nicht so viel, da muss jeder das richtige Verhältnis zwischen seinem Einkommen und seiner Verantwortung finden.

De:Bug: Kollidiert das Umweltbewusstsein nicht mit dem traditionellen Technik-Optimismus der elektronischen Musik?

Richie Hawtin: Ja und nein. Meine Arbeit war immer zukunftsorientiert und optimistisch. Es ging um neue Musik und neue Technik. Aber gerade deshalb muss ich mir im Klaren sein, wie Technologie die Zukunft beeinflusst. Auch wenn es schwer fällt, müssen wir wohl ein bisschen mehr über unseren Technikgebrauch nachdenken.

De:Bug: Digitale Technik hat ein sauberes Image und eine miese Umweltbilanz …

Richie Hawtin: Klar frisst das Internet jede Menge Energie. Aber die Möglichkeiten, diese Technik umweltfreundlicher zu gestalten, sind real. Ich war immer Technik-Optimist. Und letztendlich hat uns das doch zur elektronischen Musik gebracht: weil es dort einen überbordenden Optimismus gab. Und man kann die technische Entwicklung nicht zurückdrehen, dazu ist die Eigendynamik viel zu groß, es kann nur vorwärts gehen. Kann Technologie die Welt zu einem besseren Platz machen? Sie muss. Anders geht es nicht.
http://www.atmosfair.de

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Elektronische Lebensaspekte.