Das Internet ist hat ein sauberes Image, obwohl es sehr viel Schmutz verursacht und einen unstillbaren Appetit auf Energie hat. Jedes transportierte Bit verbraucht Strom und die durchs Netz bewegte Datenmenge verxfacht sich mit jedem Wimpernschlag.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 121


Die Milchmädchenrechnungen über den Energieverbrauch des Internets schlagen immer tollere Kapriolen. Angeblich bläst es so viel Kohlendioxid in die Luft wie der globale Luftverkehr. Der durchschnittliche Second-Life-Avatar soll genau so viel CO2 verursachen wie der durchschnittliche Brasilianer. Eine Google-Anfrage soll so viel Strom verbrauchen wie die durchschnittliche Glühbirne pro Betriebsstunde. Im Klartext sollen diese populären Vergleiche uns wohl einbläuen, dass die unschuldige Jugend des Netzes endgültig vorbei ist, und es sich dem Ernst des Lebens stellen muss – Und damit auch wir, die Nutzer mit den großen blauen Augen, durch die das Netz noch immer so vielversprechend funkelt wie damals.

Weshalb das Erwachsenwerden allen schwer fällt; statt innezuhalten stürmen wir digital weiter voran, wodurch das Netz wächst und wächst. Angeblich vervierfacht sich das Datenaufkommen jeden Monat. Und wahrscheinlich ist die Frage auch ob dieser Rasanz so schwer zu beantworten: Wie viel Strom verbraucht das Internet? Aber ausgerechnet vom CO2-Fußabdruck unserer Lieblingstechnologie haben wir nur eine ziemlich vage Vorstellung. Was irgendwie logisch scheint, schließlich kann man nur abschätzen, wie viele und welche Rechner man überhaupt zu der Monsterstruktur zählen muss. Fluch des dezentralen Netzaufbaus. So dürfte der Second-Life-Brasilien-Vergleich des US-Autors Nicholas Carr besser klingen, als es um seine Exaktheit bestellt ist.

Allein weil die Betreiber großer Serverfarmen ihre Stromrechnung meistens nicht online stellen. Weshalb auch der Glühbirnen-Google-Vergleich der “New York Times” auf wackeligen Beinen steht, Google hält die Vorgänge in seinen Rechnerfarmen nämlich besonders geheim. Und beim Energiebedarf kommt es tatsächlich auf jedes Bit einer Software-Routine an, wie das Beispiel des Webhosters Strato zeigt, der das Thema vergleichsweise lange und gründlich öffentlich kommuniziert. In den Rechenzentren des Unternehmens bringen tausende Server x Millionen Webseiten ins Netz, in diesen Stromkundenkreisen gibt man seinen Verbrauch in der Einheit “Vier-Personenhaushalte” an (4PH), Strato verbraucht demnach 5.000 4PH. Wenn da die Kilowattstunden-Preise steigen, wie in den letzten Jahren, wird der Rendite übel, und das geziemt sich nicht für höhere Börsentöchter. Strato, das der freenet AG gehört, musste daher dringend Energie sparen, oder wenigstens die Effizienz erhöhen.

Und das hat bis jetzt ganz prima geklappt: Nach eineinhalb Jahren Sparoffensive auf allen Ebenen ist der Verbrauch pro Kunde um 30 Prozent gesunken. Was wohl vor allem bedeutet, dass die längste Zeit volle Pulle Energie verschwendet wurde. Zum Beispiel durch umständliche Software, denn wenn jeder Prozess fantastillionenfach in zehntausenden Servern repetiert wird, kann man schlechten Code an der Stromrechnung ablesen. Strato konnte also durch die Entwicklung eines neuen, schlanken Spam-Filters Strom für ein paar Vier-Personenhaushalte sparen. Und wegen solcher Mechanismen kann niemand den Stromverbrauch einer Google-Anfrage beziffern, außer Google selbst, aber der Suchkonzern schweigt prinzipiell eisern.

Die seriöseste Schätzung des Netzverbrauchs kommt unterdessen wohl von den Spezis bei Gartner. Demnach liegt die CO2-Belastung durch Handys, Computer und Server insgesamt in der Größenordnung des Flugverkehrs, der wiederum etwa zwei Prozent der planetaren Kohlendioxid-Ausdünstung ausmacht. Die Vorstellung, dass die Daten aus der Telefonbuchse kommen, können wir uns jedenfalls abschminken. Trotzdem bleibt es für den einzelnen Nutzer zunächst ziemlich schwer nachvollziehbar, was er zum Stromverbrauch des Internet beiträgt.

In der Regel weiß er ja nicht einmal, wie viel der eigene Rechner schluckt. Und scheinbar plastische Beispiele wie “Blackle”, eine Seite die nichts weiter tut als den Google-Hintergrund schwarz einzufärben, verwirren am Ende mehr als sie erhellen: Hochgerechnet soll Blackle das Potential haben, jährlich 750 Megawatt-Stunden Strom zu sparen, wozu allerdings alle Welt schwarz googeln müsste. Aber sind 750 Megawatt-Stunden eine relevante Menge? Lohnt sich dafür die inverse Suche? Um der Geschichte doch noch auf die Spur zu kommen, haben wir uns in den Maschinenraum des Internets begeben, und ein Strato-Rechenzentrum besucht.

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Elektronische Lebensaspekte.