Die "Reset" ist der Prototyp für einen neuen Ansatz im Weltverbesserungs-Geschäft. Die Plattform kombiniert Web2.0-Elemente, um Hilfsprojekte effizient zu fördern, dazu gibt es Hintergrundwissen zu ökologischen und humanitären Themen.
Text: Anton waldt aus De:Bug 121


“Die Welt retten, ist irgendwie ein komisches Ding”, erklärt die hauptberufliche Weltretterin, dann kippt sie strahlend weißen Industriezucker in ihren Kaffee und zündet sich die nächste Zigarette an – eine Filterzigarette, Null-acht-fünfzehn-Marke vom fiesen Tabak-Konzern, voll parfümiert, kein Indianer auf der Packung. Mit Uta Mühleis, der Gründerin der Weltrettungs-Plattform “Reset”, kann man trefflich über die verwirrenden Verhältnisse der Neo-Öko-Bewegung sinnieren. Die Aktivistin steht nämlich beispielhaft dafür, dass die Weltverbesserer von heute auch “irgendwie ein komisches Ding” sind.

Dabei ist Uta ein Vollprofi, sie hat Anfang der 90er Jahre Umwelt- und Entwicklungspolitik studiert und anschließend ein halbes Jahr in Afrika für ein “Fair Trade”-Projekt gearbeitet. Aus der vorgezeichneten Karriere in der Entwicklungshilfe-Branche wurde dann aber doch nichts, denn Uta konnte mit der dort vorherrschenden Haltung, gelinde gesagt, nichts anfangen. Oberflächlich betrachtet, geht es dabei um Stilfragen: Filterzigarette und Industriezucker gegen Selbstgedrehte und braune Ökosüße. Aber der Generationsbruch reicht natürlich viel tiefer, letztendlich geht es wohl ums Gewissen. Das ist traditionell grundsätzlich schlecht und produziert eine umfassende Betroffenheitskultur, bei der man allerdings nie weiß, was hier therapiert werden soll, die Helferpsyche oder die dritte Welt.

Nicht dass man Uta absprechen könnte, Überzeugungstäterin zu sein, ihre Reset-Pattform soll die Welt zu einem besseren Ort machen, und zwar auch für arme Menschen in unterentwickelten Ländern. Aber dahinter scheint als Triebfeder nicht mehr das schlechte Gewissen auf, sondern schlicht und einfach objektives Problembewusstsein: Da wird unumkehrbar Umwelt zerstört, obwohl das erwiesenermaßen üble Konsequenzen nach sich zieht. Da verrecken welche, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben, obwohl es für dieses Problem gangbare Lösungen gibt. Und weil man so was saudämlich und unnötig findet, aber gleichzeitig eine Idee hat, wie Abhilfe organisiert werden kann, macht man das einfach.

Besser 2.0Die Reset-Plattform, seit Ende 2007 als “Public Beta” online, sieht zunächst aus wie eine beliebige andere Online-Community, es gibt Informationen im Blog-Format, Mitglieder-Profile, Diskussionen, Freundeslisten und Status-Anzeigen. Dabei wirkt die Site angenehm aufgeräumt, die Navigation ist übersichtlich und das Angebot überschaubar. Hier wurde nicht jede mögliche 2.0-Funktion implementiert, sondern nur die passenden, womit Reset ein typisches Post-MySpace-Gewächs ist. Allerdings eines mit ernsthaftem Anliegen, denn bei Reset geht es nicht um die größte Freundesschar oder die meisten Votes für witzige Handy-Schnappschüsse, sondern um Entwicklungshilfeprojekte. Und da sich im Nachhaltigkeits-Zeitalter Ökologie, Wirtschaft und Soziales nicht mehr trennen lassen, geht es um Dinge wie die “klimaneutrale Wasserversorgung von 100.000 Menschen in Ruanda” oder den endgültigen Bann von Atomwaffen durch “Finanzierung des VN-Lobbyings” (VN = Vereinte Nationen).

Unter den Projektbeschreibungen findet sich das aktuelle Spendenbarometer, die Wasserversorgung benötigt gerade 5.300 Euro, von denen 12 Prozent finanziert sind. Angemeldete Reset-Mitglieder können das Projekt durch eine Art “One-Klick-Charity” fördern, ihr Profilbild ist dann in der “Freundesliste” zu sehen. Auf ihren Profilseiten können sie zudem eigene Projekte propagieren, die aber nicht automatisch in die Reset-Projekt-Liste kommen. Um Beliebigkeit zu vermeiden, prüfen die Reset-Macher nämlich alle Ideen aufs gründlichste, bislang wurden etwa zehn Projekte für gut befunden, und mehr als fünfzig sollen es auf absehbare Zeit auch nicht werden. Dafür sollen diese “nachhaltig” durch Reset gefördert werden, auch wenn die Reset-Aktivisten des Buzz-Words schon so überdrüssig sind, dass sie stattdessen “zukunftsfähig” sagen. Und zukunftsfähig bedeutet eben, dass “Linux4Afrika” Dörfer auf Dauer ins Netz bringt und installierte Infrastrukturen auch zukünftig betreuen kann.

Der berüchtigte Verwaltungskostenanteil der Spenden beträgt bei Reset unterdessen Null Prozent, Reset finanziert sich selbst durch säuberlich getrennt eingesammelte Spenden, außerdem arbeiten die Reset-Aktivisten ohne Entlohnung. Gründerin Uta finanziert sich durch Jobs als Medien-Beraterin, zwei Tage Geld verdienen, drei Tage Welt retten. Dieses Agentur-Söldner-Philantropentum hat weder mit der Jute-statt-Plastik-Tradition noch mit dem LOHAS-Marketing-Buhei vom korrekten Konsum etwas gemein, wirklich ein “komisches Ding”, diese neuen Weltverbesserer.
http://www.reset.to

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Elektronische Lebensaspekte.