Technik und Öko gehen zusammen. Konsum und Öko gehen zusammen. Dann ist ja alles gut und Welt und Kapitalismus gerettet. Unser LOHAS-Charakterprofil.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 121


Digital und nachhaltig
Die Weltverbesserer haben sich ganz schön verändert. Am auffälligsten ist wohl, dass es plötzlich so viele sind. Der durchschnittliche Weltverbesserer riecht nicht mehr besonders, er ist auffällig gut gelaunt und hält Technik für etwas Wunderbares. Außer Atomkraft vielleicht, aber generell wird Technik nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance begriffen. Technik und insbesondere das Internet gelten sogar als Werkzeuge für den korrekten Umbau der Welt, also für eine Zukunft mit intakter Umwelt, in der es human und sozial vorbildlich zugeht.

Historisch ist diese Haltung natürlich keine Neuheit, aber die letzten 40 Jahre hieß ein Axiom aller Umweltbewegten, dass Technik in erster Linie ein Problem darstellt. Diese Haltung ist ganz offensichtlich gründlich überholt, auch Weltverbesserer finden heute Technik tendenziell erst mal Klasse. Und in dieser neuen Technologie-Gläubigkeit hat alles Digitale eine besonders privilegierte Stellung. Computer, Handy und Internet gelten ziemlich uneingeschränkt als gute Sache. Nicht dass hässliche Seiten des Digitalen nicht zur Kenntnis genommen würden, eine Milliarde Rechner und drei Milliarden Handys machen schließlich eine Menge Dreck. Aber hochgiftiger E-Schrott und eine CO2-Belastung in der Größenordnung des Flugverkehrs können die Existenzberechtigung der digitalen Welt nicht in Frage stellen.


Fotos: Oskay

Der – eher noch zögerlich ausgesprochene – Konsens heißt vielmehr: Der Nutzen von Internet und Computer rechtfertigt diese Schattenseiten. Informations-Technologien werden es schon richten, auch wenn noch kein Mensch weiß, wie das genau gehen soll. Diesen schwammigen Glauben ans Gute im Digitalen brachte unlängst Bundesumweltminister Sigmar Gabriel schön auf den rhetorischen Punkt, als er erklärte, dass die Innovationskraft der IT-Branche die ökonomischen Antworten zu den ökologischen Fragestellungen hervorbringen werde. Irgendwie.

Menschenrecht DSL
Die besondere Wertschätzung elektronischer Lebensaspekte hat natürlich viele Ursachen und einige sind schrecklich irrational, viele aber auch sehr logisch. Dabei haben sich vermeintliche Umweltvorteile der Digitalisierung regelmäßig als Rohrkrepierer erwiesen: Das “papierlose Büro” war genauso Wunschdenken wie die These, dass Videokonferenzen die Zahl der Geschäftsreisen senken könnten. Auf der gefühlten Habenseite steht unterdessen vor allem die Tatsache, dass wir uns eine Welt ohne Rechner schlicht nicht mehr vorstellen können.

Die Abschaffung des Flugverkehrs wäre bestimmt auch nicht besonders populär und die Maßnahme würde eine Menge Probleme aufwerfen, aber sie bewegt sich im Rahmen des Vorstellbaren. Das Internet abzuschalten, ist dagegen genauso utopisch, wie auf Feuer oder Rad zu verzichten. Etwas rationaler, aber immer noch nicht zwingend, ist, dass digitale Kommunikation und Information als zivilisatorische Errungenschaft erster Güte begriffen werden. Daher gilt der Zugang auch als Menschenrecht, dessen Verwirklichung offiziell UNO-Programm ist, die Parole heißt “Überwindung des digitalen Grabens”.

Korrektes Bewusstsein
Noch viel schwerwiegender als die Props der UNO ist allerdings der Umstand, dass es die neuen Weltverbesserer ohne digitale Technik gar nicht geben würde. Am augenfälligsten ist dieser Zusammenhang beim Über-Thema Klima, denn hier gilt: ohne Computer keine spezifische Kenntnis vom Klimawandel. Ohne Digitalisierung würden die entsprechenden Umweltveränderungen also rätselhaft bleiben und die “vom Menschen verursachte Klimakatastrophe” wäre nur eine Theorie zerzauselter Wissenschaftler, die es niemals auf die Agenda der Weltpolitik geschafft hätte, schon gar nicht ganz nach oben. Und mehr oder weniger Gleiches gilt für fast alle anderen Probleme, die den modernen Weltverbesserer umtreiben.

Ohne Digitalisierung wäre das Wissen um den Zustand der Welt und die vorherrschenden Verhältnisse nämlich ziemlich dürftig, ohne digital geschärfte Wahrnehmung gäbe es einfach viel weniger Problembewusstsein. Aber so wie die Dinge liegen, gibt es heute davon eine Menge. Dabei stehen zwar Umweltprobleme im Mittelpunkt, aber diese werden nicht mehr isoliert betrachtet, sondern im Bündel mit humanen und sozialen Anliegen. An diesem zusammenhängenden Denken sind natürlich auch die elektronischen Lebensaspekte Schuld, denn Computer und Internet haben nicht nur die Wahrnehmung geschärft, sondern auch den Sinn für vernetzte Systeme, im Zweifelsfall durch individuelle Katastrophen: Wenn eine Anwendung krank ist, stürzt gerne mal der ganze Rechner ab.

Försterlatein
In vernetzten Systemen zu denken ist natürlich keine Erfindung des Internet-Zeitalters, aber erst in diesem wurde es zum Gemeingut. Gut angestandener Ideensaft, der sich im Netz endlich voll entfalten kann. Ähnliches gilt für den zentralen Begriff der neuen Umweltschützer und Weltverbesserer: die “Nachhaltigkeit”. Die Idee hat schon 400 Jahre auf dem Buckel, sie kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft, später bezeichnete sie ganz allgemein die korrekte Nutzung regenerierbarer, natürlicher Systeme. Inzwischen ist “Sustainability” die Killer-App zur Weltrettung.

Die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages definiert: “Nachhaltigkeit ist die Konzeption einer dauerhaft zukunftsfähigen Entwicklung der ökonomischen, ökologischen und sozialen Dimension menschlicher Existenz.” Wegweisende Weisheit, 1994 in Stein gehauen. Im gleichen Jahr kratzten übrigens auch die Traditions-Ökos die digitale Kurve, im Programm der Grünen zur Bundestagswahl wurde in einem Nebensatz “die moderne Informationsgesellschaft” für OK befunden. Eine dramatische Wende, denn zuvor galten Rechner und deren Vernetzung als Teufelszeug, mit dem die Staaten ihre Bürger unterdrücken und Konzerne Arbeitsplätze vernichten:

“Von Computerisierung und informationstechnischer Vernetzung, die die Herrschenden mit dem Ziel einer ‘informatisierten Gesellschaft’ vorantreiben, sind alle Lebensbereiche betroffen. Die Informations- und Kommunikationstechniken (kurz: IuK-Techniken) sind auf Rationalisierung und Kontrolle angelegt und sind deshalb schwerlich ‘alternativ’ nutzbar”, heißt es im Wahlprogramm von 1987. Konkret bedeutete diese Haltung, dass die Grünen gegen die “Digitalisierung des Fernsprechnetzes” waren, ISDN, Glasfaserverkabelung, Kabel- und Satellitenfernsehen sollten verhindert bzw. “gestoppt” werden.

Hallo Zielgruppe
Heute huldigen natürlich auch traditionelle Weltverbesserer wie die Grünen dem Internet als demokratischem Medium. Aber der durchschnittliche Weltverbesserer neuer Schule hat mit den Aktivisten der Jute-statt-Plastik-Generation nicht mehr viel gemein. Der neue Weltverbesserer ist nämlich vor allem Konsument, und zwar einer mit Bewusstsein. Und nach der reinen Lehre erlangt man das richtige Konsumenten-Bewusstsein nicht durchs korrekte Shoppen allein, sondern erst indem man das korrekte Shoppen im Web2.0 kollektiviert.

Womit eine weitere Vornetzidee ihre Erfüllung im Web findet, das Grassroots-Konzept von der Konsumenten-Allmacht, die den Companies ihren Willen aufzwingen kann. Beinharte Konfrontationen bleiben dabei allerdings weitgehend aus, denn die Companies haben aus Vor-MySpace-Boykottaktionen wie der Brent-Spar-Kampagne gelernt und ihre Hausaufgaben gemacht. Weshalb die Forderung der Konsumenten nach korrekten Produkten auch weniger als Zumutung betrachtet wird, sondern als Umsatzpotential: Hallo Zielgruppe!

Das Marketing ist sogar ganz aus dem Häuschen angesichts der bewussten Konsumenten aus dem LOHAS-Segment (Lifestyle of Health and Sustainability). Begeisterung ist auch angebracht, schließlich artikuliert sich hier eine massive Nachfrage nach Produkten mit ideellem Mehrwert, und mit der Überhöhung von Ramsch kennen sich die Jungs vom Marketing bestens aus. In den Industriestaaten sollen rund 30 Prozent aller Konsumenten bereit sein, für korrekte Produkte einen Aufpreis zu bezahlen, der Kuchen ist also nicht nur lecker, sondern auch ziemlich groß.

Greenwashing
Nahe liegender Weise wird das LOHAS-Konzept gerne zu einer hohlen Phrase ausgewrungen, mit der gutes Gewissen ohne Verzicht propagiert wird. Nach der Lektüre des LOHAS-Magazins “Ivy” aus der “Burda Lifestyle Community”, zu der auch “Fit for Fun” und “Playboy” gehören, hat man jedenfalls den Eindruck, dass man eigentlich viel mehr konsumieren sollte, weil mit jedem Kauf einer Öko-Jeans und jedem Lufthansa-Ticket mit CO2-Aufschlag die Welt besser wird. Umweltschutz durch Wachstum. Soziale Gerechtigkeit durch kollektive Konsumanstrengung.

Von diesem wackeligen Standpunkt aus ist es dann nur noch ein Katzensprung zum “Greenwashing”, dem reinen Imagedreh für hergebracht schmutzige Produkte. Speziell die Automobilindustrie scheint gerade einen Narren am Greenwashing gefressen zu haben, schon heute kommt fast keine Auto-Werbung mehr ohne umweltfreundliche Atmo aus, und aus Agenturkreisen verlautet, dass das erst der Anfang ist. Nun sind LOHAS als Massenphänomen natürlich alles andere als eine homogene Gruppe, und bestimmt meint es ein erklecklicher Teil wirklich gut, wenn er beim Einkaufen Produkte meidet, die umweltschonend ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. Die nötige Orientierung im Warenkorb kommt dabei von Siegeln, Prädikaten oder Herkunftsnachweisen, die im Zweifelsfall den Weg des Schnitzels vom Bauernhof in die Kühltheke dokumentieren.

Womit der korrekte Konsum sich wiederum als Produkt der digitalen Vernetzung erweist, in diesem Fall als Erweiterung des Supply Chain Managements (SCM), das im Gegensatz zur klassischen Logistik die komplette Wertschöpfungskette quer über den Globus verfolgt. SCM hat seit den 80ern mit zunehmender Dynamik die Herstellung und den Vertrieb so ziemlich aller Produkte gründlich umgekrempelt. Dabei wurden astronomische Rationalisierungsgewinne eingefahren, aber bei den Konsumenten in den Industrieländern auch das Bewusstsein für konkrete, weltweite Zusammenhänge geschärft. Umwelt- oder Fair-Trade-Siegel sind demnach eigentlich nur die Erweiterung der Industrienetzwerke bis zum Endkunden – und korrekter Konsum als Massenphänomen nur ein Abfallprodukt von SAP-Datenbanken.

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Elektronische Lebensaspekte.